Leitfaden für Fachkräfte zum Umgang mit Kindern psychisch kranker und suchtkranker Eltern

Wie kann den Kindern psychisch kranker und suchtkranker Eltern effektiv und umfassend geholfen werden?

Die folgenden Leitsätze geben pädagogischen, sozialen und medizinischen Fachkräften eine Orientierung zur Lage der Kinder suchtkranker und psychisch kranker Eltern. Sie können als Grundlage für weitere Informationen und Maßnahmen dienen, wie sie z.B. unter www.kidkit.de zu finden sind.

1. Beziehungskontinuität:

Um zu erkennen, ob ein Kind von einer elterlichen psychischen Störung betroffen ist, brauchen Sie eine tragfähige und verlässliche Beziehung zu diesem Kind. Arbeiten Sie daran durch Beziehungsangebote, Zugewandtheit und Kontinuität. 

2. Das Tabu verstehen:

Kinder psychisch kranker und suchtkranker Eltern werden mit zunehmendem Alter Tabubewahrer des Problems in ihrer Familie. Wegschauen ist keine Lösung. Scham, Angst, Verunsicherung und Schuld sind vorherrschende Gefühle im Seelenleben der Kinder. In diesem Kontext bedarf es eines langen Atems und vieler kleiner Vertrauensbeweise durch die Fachkräfte. 

3. Ressourcen erkennen und wertschätzen:

Betroffene Kinder sind oft stark, weil sie es sein müssen. Bedauern hilft nicht, Mitgefühl hilft. Wenn das betroffene Kind sich Ihnen gegenüber öffnet, seien Sie präsent, einfühlsam und hören Sie hinter die Worte. Nonverbales ist oft wichtiger als Verbales. Kinder können erstaunliche psychische Widerstandskräfte (Resilienzen) entwickeln. Dabei können Sie helfen und unterstützen.

4. Elternschaft hat viele Gesichter:

Auch Eltern psychisch kranker und suchtkranker Kinder wollen meist gute Eltern sein. Oft können sie es (noch) nicht sein. Sie können es durch gezielte Ansprache, Hilfe und Unterstützung werden. Es fehlt jedoch oft aufgrund der psychischen Erkrankung an Einsicht, Einfühlsamkeit,  Konzentration und Kontinuität. Aber handeln Sie in Bezug auf die Eltern nicht übereilt. Bereiten Sie jede Intervention in Richtung betroffener Eltern sorgfältig vor und suchen Sie Kooperationspartner. 

5. Kindeswohl ist prioritär:

Prüfen Sie, ob für das betroffene Kind eine akute Gefährdung vorliegt. Wenn Ihnen das Kindeswohl akut gefährdet scheint, sprechen Sie mit einer Fachkraft des Jugendamtes oder des Kinderschutzes und informieren diese. Im Zweifels- und Verdachtsfall ist das Jugendamt verpflichtet, eine Gefährdungseinschätzung vorzunehmen. Im Vorfeld muss eine erfahrene Fachkraft – auch vertraulich – informieren und beraten. 

6. Genaue Wahrnehmung und Dokumentation sind wichtig:

Nehmen Sie auf Vorrat wahr. Dokumentieren Sie die wichtigsten Ereignisse, Aussagen und Handlungen.  In der Regel ergibt sich erst auf der Basis einer längeren Beobachtung und Dokumentation ein einigermaßen klares Bild. 

7. Ihre innere Haltung ist entscheidend und wichtig:

Es geht um das Kindeswohl und die gesunde Entwicklung der betroffenen Kinder. Reflektieren Sie Ihre innere Haltung als Fachkraft. Versuchen Sie nicht, besseres Elternteil zu sein. Gegenüber den Eltern sind Hilfe und Begegnung auf Augenhöhe und mit Perspektiven, aber auch Klarheit und Konsequenz, wichtig. Zur Verwirklichung dieser Haltung sollten Sie kollegiale Unterstützung bekommen. Eltern können sich dann am ehesten ändern und ihren Kindern wirklich helfen, es kann aber auch ganz anders kommen. In keinem Fall sind die Eltern Gegner oder Feinde. Vergessen Sie nicht, dass es sich um psychisch kranke Menschen handelt!

8. Genderperspektive mitdenken:

Mädchen und Jungen bewältigen psychischen Stress in der Familie anders. Jeder braucht die für ihn passende Unterstützung. Beziehung und Unterstützung sind für alle wichtig. Sprechen ist gut, aber nicht immer die einzige Lösung. Mitgefühl, Nähe und nonverbale Unterstützung können von entscheidender Wichtigkeit sein.

9.  Bedürfnisse der Kinder:

Was die betroffenen Kinder besonders benötigen, sind Beziehung, Sicherheit und Verständnis ebenso wie Wissen, Aufklärung und Einsicht. Dies alles liegt in ihren Möglichkeiten. Sie als Fachkraft können eine entscheidende Weichenstellung im Leben der betroffenen Kinder bewirken.

10. Befolgen Sie nie blind Leitsätze!

Es kann alles auch anders sein und kommen. Seien Sie kreativ und ideenreich!

Literaturhinweise: 

(1) Für betroffene Kinder und Jugendliche

Bereich Alkohol/Sucht: http://www.kidkit.de/sucht/literatur.html

Bereich Psychische Störungen: http://www.kidkit.de/psychische-erkrankung/literatur.html

Bereich Gewalt: http://www.kidkit.de/gewalt/literatur.html

(2) Fachliteratur

Klein, M. (2005). Kinder und Jugendliche aus alkoholbelasteten Familien. Stand der Forschung, Situations- und Merkmalsanalyse, Konsequenzen. Regensburg: Roderer. 

Klein, M.  (Hrsg.) (2006). Kinder drogenabhängiger Mütter. Risiken, Fakten, Hilfen. Regensburg: Roderer.  

Klein, M. (Hrsg.) (2008). Handbuch Kinder und Suchtgefahren. Stuttgart: Schattauer. 

Klein, M., Moesgen, D., Bröning, S. &Thomasius, R. (2013). TRAMPOLIN. Kinder aus suchtbelasteten Familien entdecken ihre Stärken. Ein Präventionsmanual. Göttingen: Hogrefe. 

Lenz, A. (2005). Kinder psychisch kranker Eltern. Göttingen: Hogrefe.

Lenz, A. (2007). Interventionen bei Kindern psychisch kranker Eltern: Grundlagen, Diagnostik und therapeutische Maßnahmen. Göttingen: Hogrefe. 

Lenz, A. & Wiegand-Grefe, S. (2017). Kinder psychisch kranker Eltern. Göttingen: Hogrefe.

Mattejat, F. &Lisofsky, B.  (Hrsg.) (2008). Nicht von schlechten Eltern. Köln: Balance.

Zobel, M. (2006; 2. Aufl.) (Hrsg.). Wenn Eltern zu viel trinken. Risiken und Chancen für die Kinder. Bonn: Psychiatrie-Verlag.

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