Glühweinwanderung als Alternative zum stationären Weihnachtsmarkt

Was sind Drogenkulturen? 

Drogenkulturen schaffen sich ihre passenden Ökologien. Dazu zählen das Kaffeehaus zum stilvollen Kaffeegenuss mit angeregten Gesprächen, die Eckkneipe zum Biertrinken und Palavern, der Biergarten für ausgedehnte Sommernächte, die Trinkhalle zum schnellen Schnapstrinken. Die Beispiele solcher substanzassoziierter Orte mit den zugehörigen Kulturen, in denen Konsum- und Genussrituale entstehen, sind vielfältig. Auch der Druckraum für die Applikation der medizinisch sterilen Heroinspritze ist ein solcher Ort.

Es ist ganz egal, ob eine Substanz („Droge“) verboten ist oder nicht, es entstehen jeweils spezielle Konsumgewohnheiten und Konsumökologien, die zum passend zur Wirkung der einzelnen Droge das jeweils nötige Ambiente verkörpern und den Konsum weiterbefördern. Nicht immer sind die Konsumökologien so gepflegt wie der altenglische Whiskey- und Zigarrenclub, der klassische „Club“. Und neue Substanzen schaffen neue Konsumökologien. So entstand in den USA und Kanada seit der Cannabislegalisierung der Beruf des Budtenders, der Konsumenten berät und auch bei Hochzeiten für die konsumwilligen Gäste den passenden Joint zubereitet. Ganz ähnlich jetzt in Köln, aber nicht mit Cannabis, sondern Glühwein als die Weihnachtsmarktdroge.

Menschen lieben Drogen und tun fast alles für sie

Denn Menschen und ihre nächsten Verwandten im Tierreich lieben Drogen und sind oft bereit, so ziemlich alles für deren Konsum zu tun. Das ist auch an den schon erwähnten Konsumökologien abzulesen. Dort wird schnell erkennbar, wie wichtig und zentral den Menschen der Konsum ihrer Droge ist. Und meistens haben sie ja auch ihre Lieblingsdroge, die eine besonders große Faszination auf sie ausübt.

Im legalen Bereich, in dem sich die Konsumpräferenzen der meisten Menschen (ca. 98%) befinden, können dies Wein, Bier, Schnaps, Zigaretten, aber auch Kaffee, Tee und Zigaretten sein. Manche Substanzen erzeugen eine schwache, kaum bewusst wahrnehmbare Wirkung (Nikotin, Koffein, Tee), andere erzeugen in entsprechender Dosierung eine deutlich spürbare Bewusstseinsveränderung. Egal, ob sie es nun zugeben – und vielleicht sogar wie im rheinischen Brauchtum besingen – oder nicht, Menschen lieben ihre Drogen. Und dies tun sie wegen ihrer Wirkung, der Funktionalität. Die entsprechenden Konsumökologien finden sich dafür für jede Substanz: Wein, Bier, Schnaps, Kaffee, Tabak, Tee, aber auch Cannabis, Kokain, Amphetamin, Opium, Heroin usw. In diesem Beitrag geht es um eine ganz besondere Konsumökologie, die des Glühweins in der Vorweihnachtszeit.

Forschung zu Konsumökologien hat Geschichte 

Zunächst aber noch kurz zur geschichtlichen Forschung zu den Konsumökologien für Drogen: Schon in den frühen 1980-er Jahren erforschten die Kölner Ethnologinnen Gisela Völger und Karin von Welck die weltweiten Gebräuche im Umgang mit den verschiedensten lokalen Drogen. Ihre Ausstellung im Jahre 1982 im Kölner Rautenstrauch-Joest-Völkerkundemuseum gilt auch heute noch als bahnbrechend für die Verbindung zwischen Ethnologie und Drogenforschung. Gisela Völger leitete das Museum von 1979-2000. Im Rahmen ihrer Ausstellung war auch eine Kölner Südstadtkneipe als typische Drogenökologie für Kölschkonsum zu betrachten. Die Ausstellungsbände wurden ein großer Erfolg auf dem wissenschaftlichen Büchermarkt¹.

Die Menschen wissen oft gar nicht um die intensive Wirkung dieser Substanzen auf ihr kulturelles Verhalten, so wohl aber auf ihr individuelles Verhalten. Enthemmung, Spaß, Luststeigerung, Beruhigung, Entspannung, Wachsamkeit, Angstreduktion und Spannungsreduktion sind nur einige der wichtigsten und meist bewussten Konsequenzen des Substanzkonsums. Dass aber auch rituelle Verhaltensweisen rund um diese Substanzen entstehen, bleibt meist im Verborgenen. 

Die drohende Aussicht auf Alkoholverzicht erzeugt Kreativität

In diesem ersten Coronajahr haben die beliebten Weihnachtsmärkte mit ihren Tausenden von Glühweinbuden einen herben Dämpfer erhalten: Sie sind fast allerorts verboten. Dass die Aussicht auf Substanzkonsum (hier: gesüßten, erhitzten Wein mit Gewürzen) viel Kreativität in Gang setzt, wenn Frustration droht, war zu erwarten. Das Gehirn mit seinem zugehörigen Individuum ist so sehr in den Konsum dieser Substanz verliebt, dass es bei drohendem Konsumverzicht immer nach Aus- oder Umwegen sucht. Bewusst wie unbewusst.

Dem abstinenzwilligen Suchtkranken wird dieses Prinzip zum Problem, wenn er nicht achtsam genug ist. Dem genussfreudigen Menschen fällt es schwer, auf all die „Errungenschaften“ der postmodernen Konsumwelt zu verzichten. Und wo ein Verlangen ist, ist auch ein Weg: Kölner Gastronomen und Kneipenwirte haben den Glühweinwanderweg erfunden! Mit ihm entsteht eine neue substanzassoziierte Konsumkultur: Das vorweihnachtliche Glühweintrinken im Umhergehen. Alle ähnlich lautenden Ansätze in anderen Städten aus den letzten Jahren zählen jetzt nicht mehr. Der Glühweinwanderweg ist eine Kölsche Erfindung und nur noch zwei weitere Jahre und es wird heißen: Lasst uns den traditionellen Kölschen Glühweinwanderweg gehen! Und obendrein zeigt sich einmal mehr, dass Not erfinderisch macht. Hier ist es die Alkoholverzichtsnot, welche die Kneipiers kreativ macht. Chapeau!

Glühwein: Eine römische Erfindung, vielleicht sogar aus dem kalten Germanien

Aber zunächst zum Glühwein als solchem. Denn der ist eine alte römische Erfindung. Zumindest in einer ähnlichen Form. Ein Getränk namens Conditum Paradoxum diente den Römern auch dazu, die kalten Jahreszeiten in den germanischen Provinzen zu überstehen. Sicherlich nicht nur wegen seiner wärmenden, sondern auch wegen seiner leicht betäubenden und euphorisierenden Wirkung. Hier das Rezept in Kürze: Ein antiker römischer Würzwein nach dem Kochbuch des Marcus Gavius Apicius (25 v. Chr. – 37 n. Chr.) hergestellt, indem Wein unter Hinzugabe von Honig erwärmt wird. Nicht mehr als 60 Grad, sonst verliert der Honig seine gesunderhaltenden Wirkstoffe! Dann werden Gewürze dazugegeben.

Apicius empfiehlt in seinem Buch „De re coquinaria“ („Über die Kochkunst“), im Übrigen das älteste erhaltene römische Kochbuch, die Hinzugabe von Pfeffer, Mastix (der Harz des gleichnamigen Strauches), Blätter (z.B. Lorbeer), Safran, geröstete Dattelkerne und Datteln. Abschließend wird die hergestellte Mischung mit zusätzlichem Wein je nach Geschmack verdünnt. Auch wenn nicht verbürgt ist, dass der Würzwein „Conditum Paradoxum“ gegen die Nässe und Kälte in Germanien erfunden wurde, konnte er sicher in dieser Hinsicht gute Dienste leisten. Apicius lebte in der Gegend des heutigen Köln und wusste sicher, wie man den dunklen, feuchten und kalten Monaten zwischen November und Februar wenigstens mental entkommen konnte. 

Jetzt aber auf den Glühweinwanderweg A.D. 2020: Das Gehirn fühlt sich magisch angezogen

Die Erfindung der Kölner Kneipiers aus dem Jahre 2020 n.Chr. ermöglicht den Corona geplagten Plebejern von Colonia Claudia Ara Agrippinensium(CCAA) – kurz Köln – den fortgesetzten Konsum modernen Glühweins (rot oder weiß) im Umhergehen. Die dopaminerge Erwartungshaltung des Gehirns, insbesondere in den sensiblen Regionen des Nucleus Accumbens, einer für Belohnungen aller Art spezialisierte Gehirnregion auf eine intensive Belohnung durch Alkoholberauschung wird also ideal getriggert. Noch besser als auf den bisherigen stationären Weihnachtsmärkten. Der Glühweinwanderweg schafft immer wieder neue Erwartungshaltung (Vorfreude auf den nächsten Glühwein),deshalb immer wieder massive neuerliche Dopaminausschüttungen undunterwegs immer mehr Endorphin als Berauschungseffekt.Das Gehirn triggert nämlich den Konsumenten im Vorfeld, solange bis er konsumiert und belohnt ihn dann im Nachhinein.

Vier Stationen – ein Promille mindestens

Berechnen wir den Alkoholisierungsprozess auf dem Glühweinwanderweg: Für 0.25 Liter Glühwein sind ca. 18 g reinen Alkohol anzunehmen. Der Kölner Glühweinwanderweg in der Südstadt hat nur vier Stationen. Also in der Summe ca. 1 Liter Glühwein. Die Wandergeschwindigkeit ist eher niedrig anzusetzen. Gehen wir von insgesamt 3 Stunden aus, auch wenn es draußen ordentlich kalt ist. Der Promillerechner nach Prof. Dr. Joachim Körkel ergibt für einen Mann mit 75kg Körpergewicht, der den Glühweinwanderweg mit 2 Glühwein um 20 Uhr beginnt nach dem vierten Glühwein um 23 Uhr ein Schätzwert von 1.00 Promille BAK. Für eine Frau mit 60kg Körpergewicht ergäben sich am Ende des Glühweinwanderweges bereits 1.58 Promille BAK.

Für beide also eindeutig zu viel zum Autofahren. Aber für eine Wanderung nach Hause oder unter Nutzung des ÖPNV machbar. Aber bitte beachten: Es handelt sich eindeutig um Binge Drinking² („Komasaufen“). Das sollte nicht allzu häufig stattfinden. Den erlittenen Weihnachtsmarktfrust durch Nicht-Stattfinden-Lassen vermag das vorweihnachtliche Glühweinwandern aber punktuell zu kompensieren und mehr. Der erreichte Intoxikationszustand wird auch als leichte Berauschung bezeichnet und hat laut DHS (Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen) folgende Konsequenzen: 

Leichte Rauschzustände (BAK 0,5 – 1,5 ‰) Gang- und Standunsicherheit, verwaschene Sprache, Verminderung der Kritikfähigkeit und der Selbstkontrolle, erhöhte Bereitschaft zu sozialen Kontakten. 

Das soziale Tier „Mensch“ braucht Begegnung und Nähe

Die leichten Rauschzustände bringen also genau das, was der traditionelle Weihnachtsmarktbesucher anstrebt. Die Gang- und Standunsicherheit ließe sich mit Aufstützen auf den Stehtischen kompensieren, die verwaschene Sprache geht im Gedudel der Weihnachtslieder ohnehin unter und die Verminderung der Selbstkritikfähigkeit ist geradezu gewollt, da es gilt, andere für sich einzunehmen. Dass die Bereitschaft und Fähigkeit zu sozialen Kontakten unter Alkohol zunehmen, ist einer der Gründe, weshalb Alkoholkonsum in Corona-Zeiten so gefürchtet ist, im Grunde aber die Lebensenergie des sozialen Tieres „Mensch“ (Zoon Politikon nannte uns schon Aristoteles zu Recht). Für die psychische Gesundheit, das Wohlbefinden und ein wenig auch für die körperliche Fitness kann der ca. 6 km lange Spaziergang über den Glühweinwanderweg durchaus erbaulich sein. Die zunehmend lange Dauer der „Social Distancing“ – Maßnahmen beginnen, den Menschen zuzusetzen. Nicht jeder hat große Resilienzbatterien und kann das 2020-er Leben auf Dauer ertragen. Es zeigt sich Social-Distancing-Erschöpfung!

Wer es treibt, übertreibt es schnell…

Die ersten Erfahrungen mit dem Glühweinwanderweg lassen das „Schlimmste“ befürchten. Zu viele Glühweinfreunde auf einmal, zu wenig Abstand, abgenommene Masken (wie sonst Glühwein trinken, nachdem Plastikstrohhalme inzwischen verboten sind) und dann noch das enthemmte Verhalten! Die Menschen erzählen sich alles, was sie belastet hat, frei von der Leber weg… (mehr dazu finden Sie hier!). Also bestätigt sich wieder einmal die enthemmende, potenziell anarchistische Wirkung des Alkohols, sobald die individuelle Kontrollgrenze überschritten ist. Da gibt es nur eine Lösung: alkoholfreien Glühwein ausschenken, wie es in Schottland inzwischen schon länger den alkoholfreien Whiskey in den Pubs und Clubs gibt (siehe auch „Buhmann Alkohol – Alkohol-Deutschland im Ausnahmezustand“). Dieser war letztens sogar zeitweise ausverkauft. „Ausgetrunken“ heißt es dann bisweilen bedauernd jämmerlich.

Schon am ersten Wochenende Probleme mit dem Glühweinwandern: Rumstehen und Süffeln

Was die Wirte und Kneipiers nicht mitbedacht hatten, war die schon am ersten Wochenende auftretende soziale Verschmelzungswirkung durch den in Form des Glühweins konsumierten Alkohol. Die Menschen bewegten sich nicht genug und blieben an Ecken der Häuser und Plätze stehen und palaverten unter Glühweineinfluss ohne Mundschutz. Und zwischendurch wurde dann immer wieder ein Schlückchen getrunken.

Bei steigender Alkoholisierung wird dieses Phänomen des Social Lubricant (soziales Schmiermittel) intensiver, bis eine starke Intoxikation (individuell zwischen etwa 1.5 und 2.5 Promille BAK) erreicht ist. Es bedeutet, dass sich Sozialkontakte unter Alkoholeinfluss erleichtern, Verhaltenskontrolle reduziert wird und Hemmungen nachlassen. So entstehen die neuerdings gefürchteten und unerwünschten Menschenansammlungen. Der mobile Weihnachtsmarkt erstarrt zum alten stationären Weihnachtsmarkt.

Ob die Menschenansammlungen wirklich infektiös sind, sei ohnehin mal dahingestellt. Ein Blick nach Hamburg-Altona hätte den Kölnern gezeigt, dass dieses Rumstehen und Süffeln ein echtes humanoides Problem ist. Ein Name wurde dort auch direkt gefunden: Glühwein-Cornern in bestem Denglisch. Und weil das Glühwein-Cornern auch direkt in Köln zum Problem wurde, ohne dass man schon den Begriff für das Phänomen kannte, stiegen einzelne Wirte aus dem Programm schon wieder aus.

Glühwein-Cornern ist zu unterlassen!

In Hamburg hatte man inzwischen eine neue „Eindämmungsverordnung“ gegen das Glühwein-Cornern erlassen: Die Altonaer Bezirksamtschefin Stefanie von Berg (Grüne) trug vor: „Nach der aktuellen Eindämmungsverordnung sind Personen, die essen, trinken oder rauchen, nicht von der Maskenpflicht ausgenommen“. Nur noch mit Mund- und Nasenschutz Glühwein trinken! Durch die Verordnung sollen die Konsumenten dazu gebracht werden, sich zu bewegen und nicht am Kaufort oder der nächsten Ecke zu verweilen.

Das Bezirksamt Hamburg-Altona kann nun doch gegen das „Glühwein-Cornern” vorgehen, mit dem die Maskenpflicht umgangen werden sollte. Zunächst war gelebte Praxis, dass die Mund-Nase-Bedeckung auch auf Plätzen und Straßen mit Maskenpflicht zum Rauchen, Trinken und Essen abgenommen werden durfte. „Jetzt haben wir rechtliche Klarheit, dass dies nicht erlaubt ist”, sagte Bezirksamtschefin Stefanie von Berg (Grüne) am Freitag und korrigierte damit die Einschätzung vom Vortag. „Nach der aktuellen Eindämmungsverordnung sind Personen, die essen, trinken oder rauchen nicht von der Maskenpflicht ausgenommen.”

Es braucht eine Kölsche Lösung

In Köln sollten sich solche schwerwiegenden Probleme anders lösen lassen. Man kann da nur auf die Kreativität der Kölner Brauer und Wirte setzen. Immerhin langt die Tradition der Bierbrauer als Zunft hier bis ins Jahr 1394 zurück. Neben der alkoholfreien Placebo-Variante wie in Schottland mit Whiskey (als Fake funktioniert dies in entsprechenden bekannten Alkoholexperimenten bis etwa 0.8 Promille BAK, dann merken die Konsumenten, dass in ihren Getränken Alkohol enthalten ist; diese Lösung wäre aber konsumentenrechtlich ohnehin nicht erlaubt) bleiben andere kreative Lösungen. Eine typisch Kölsche Lösung wäre, so viele Glühweinwanderwege in der Stadt zu schaffen, dass sich nirgendwo höhere Zahlen von Menschenansammlungen ergeben. 

¹ Völger, Gisela & von Welck, Karin (Hrsg.) (1982). Rausch und Realität: Drogen im Kulturvergleich (3 Bde.) Reinbek: Rowohlt

² https://www.aktionswoche-alkohol.de/fileadmin/user_upload/factsheets/2016-12-14-Factsheet_Binge_drinking.pdf

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