Alkoholerziehung – eine unterschätzte Methode der Suchtprävention

Eltern spielen in der psychischen Entwicklung ihrer Kinder die wichtigste Rolle. Neben den genetischen Einflüssen, die bei Sucht etwa 50% der Risiken einer Suchterkrankung ausmachen, sind es vor allem die psychosozialen Faktoren, die das Verhalten der Kinder entscheidend beeinflussen. Dazu gehören Familienatmosphäre, Wohn- und Lebensbedingungen und der elterliche Erziehungsstil. Vor allem das Modelllernen ist für ein gelingendes Leben und die wichtigen Komponenten davon, vor allem Wohlbefinden, Selbstkontrolle, Partnerschaftlichkeit, Moral und Genussfähigkeit, von entscheidender Wichtigkeit. In diesem Beitrag wird auf die Möglichkeiten der Eltern bei dem Erwerb eines kontrollierten, gesundheitlich unbedenklichen Konsumstils mit Alkohol eingegangen.

Auch wenn ab der späten Kindheit der Einfluss der Peers zunimmt und auch zeitweise dominiert, sollten die Eltern aktiv an der Erziehung ihrer Kinder – auch und gerade in der Pubertät – mitwirken. Das Motto sollte dann „Freiheit in Grenzen“ heißen, wie es der Familienpsychologe Klaus A. Schneewind formulierte. Für den Umgang mit Substanzen, vor allem Alkohol als die Nr. 1 in Deutschland, spielen Familie und Eltern eine wichtige Rolle, wenn sie diese denn wahrnehmen. Der zunehmende Freiheitsdrang der Jugendlichen kann adäquat mit elterlicher Alkohol- und Drogenerziehung geleitet werden.

Alkoholtrinken – eine Entwicklungsaufgabe des Jungendalters

Der Umgang mit Alkohol will gelernt sein. Mehr als 90% aller Jugendlichen im Alter von 18 Jahren haben Alkoholerfahrungen. Dies unterstreicht die dominante Rolle des Alkohols als Kulturdroge. Mit Kulturdroge wird eine Substanz bezeichnet, die weite Verbreitung in einer Gesellschaft gefunden hat, historisch lange verwurzelt ist und in Bezug auf die starke Konsumerwartungen gestellt werden. Mit durchschnittlich 15 Jahren machen Jugendliche in unserem Land ihre erste Alkoholkonsumerfahrung (vgl. „Jugend und Sucht – Entwicklungsaufgaben für Suchtprävention“).

Suchtprävention ist nicht nur eine Aufgabe der Schule, besonders in starkem Maße eine des Elternhauses. Die ersten Lernerfahrungen mit Alkohol sind von entscheidender Bedeutung für den späteren Umgang mit dieser Substanz. Mehr als ein Drittel aller Jugendlichen sammelt ihre ersten Alkoholerfahrungen außerhäuslich. Diese bestehen dann aber oft in übermäßigem Konsum („binge drinking“), Alkoholexzessen und Betrunkenheit. Gerade am Anfang ist der Umgang mit Alkohol schwierig zu steuern, da die Haupteffekte im Gehirn erst 20 – 30 Minuten nach Konsum eintreten. Der kontrollierte und nicht missbräuchliche Umgang mit Alkohol stellt daher eine wichtige Entwicklungsaufgabe im Leben eines Jugendlichen dar. 

Jungen sind die Hauptrisikogruppe für Alkoholprobleme

Das Risiko, eine Alkoholabhängigkeit zu entwickeln liegt für die Menschen in unserer Bevölkerung bei etwa 6%. Dabei sind Männer aber fast dreimal gefährdeter als Frauen. Es spricht also alles dafür, auch in der Alkoholerziehung die Rolle der Geschlechter – Jungen und Mädchen – zu berücksichtigen. Jungen und Mädchen haben teilweise andere Trinkmotive. Mädchen wollen heutzutage durch öffentlichen Alkoholkonsum als stark und tough gelten und mithalten können. Der Alkoholkonsum dient als Signal für Selbstsicherheit. Jungen wollen ihre Stärke zeigen, die sich auch in den Konsummengen wiederspiegelt. Viel zu vertragen, gilt als Auszeichnung, ist aber in Wirklichkeit ein Risikofaktor für spätere Alkoholprobleme.

Vor allem riskant sind die Motive der Flucht aus der Realität und der Verbesserung der psychischen Befindlichkeit. Jungen wollen sich unter Alkohol oft stärker und mächtiger fühlen, Ohnmachtsgefühle vermeiden oder überspielen und sich in der Hierarchie ihrer Peergruppen „nach oben“ bringen. Der exzessive Alkoholkonsum dient bisweilen als Mutprobe. Jugendliche sollten ihren Mut aber durch die Fähigkeit zur Ablehnung, zur Zivilcourage und zum Nonkonformismus beweisen. 

Alkoholerziehung – eine vernachlässigte Elternaufgabe

Da der kontrollierte Umgang mit Alkohol gelernt werden muss, ist dies eine wichtige Erziehungsaufgabe der Eltern. Gesellschaftlich wurde dies in früheren Zeiten oft in ritualisierter Form als Initiation ins Erwachsenenalter durchgeführt, etwa anlässlich der Konfirmation, der Jugendweihe oder eines ähnlichen Ereignisses. Der Kauf alkoholischer Getränke ist für Jugendliche ab 16 Jahren (Bier, Wein Sekt) bzw. ab 18 Jahren (Schnaps, Whiskey, Gin) erlaubt. Eltern sollten also für die Alkoholerziehung einen Zeitpunkt nutzen, zu dem ihr Kind noch keine eigene Alkoholerfahrung gemacht hat. Mit anderen Worten: so spät wie möglich, so früh wie nötig.

Vor allen Dingen sollten Eltern mit der Alkoholerziehung ihres Kindes begonnen haben, bevor dieses mit Peers außerhäuslich Alkohol konsumiert hat. Ziel dabei ist der Erwerb einer stabilen Selbstkontrolle im Umgang mit der Substanz, denn gerade am Anfang ist die Gefahr einer Überdosierung sehr groß, wie Studien zu Krankenhausaufnahme alkoholintoxikierter Kinder und Jugendlichen zeigen. Aufgrund der epidemiologischen Daten zum Alkoholkonsum Jugendlicher liegt dieser Zeitpunkt in den meisten Fällen zwischen dem 14. und 16. Lebensjahr. Im Folgenden einige Tipps für Eltern zur selbstgestalteten Alkoholerziehung Ihres Kindes. 

Tipps zur Alkoholerziehung für Eltern 

1. Sprechen Sie mit Ihrem Kind offen über Alkohol! Sprechen Sie auch von Ihren eigenen Erfahrungen – guten wie schlechten!

2. Eruieren Sie, ob Ihr Kind in seinem Alter schon neugierig auf Alkohol ist oder noch kein Interesse hat. Im letzteren Fall warten Sie noch mit dem ersten Alkoholkonsum!

3. Verbinden Sie die erste Alkoholerfahrung für Ihr Kind mit einem festlichen Anlass, wie Geburtstag, Weihnachten, Konfirmation, Silvester o.ä.!

4. Wählen Sie ein alkoholisches Getränk mit Ihrem Kind aus. Am ehesten kommen Wein oder Bier in Frage, auch Sekt ist denkbar. Keine destillierten Alkoholika als erste Alkoholerfahrung!

5. Am besten verbinden sie den ersten Alkoholkonsum mit einer Mahlzeit. Dann ist die Verstoffwechselung für Ihr Kind einfacher. 

6. Begrenzen Sie die erste Alkoholerfahrung auf eine Konsumeinheit, z.B. 0.1 l Wein oder 0.2 l Bier. Machen Sie Ihrem Kind von Anfang an deutlich, dass Alkohol kontrolliert konsumiert wird! Dieses Verhalten als Ritual schützt vor Trinkexzessen.

7. Besprechen Sie die einsetzende Wirkung (bei Ihnen und bei Ihrem Kind) mit Ihrem Kind, das Gefühl, das während und nach dem Konsum auftritt!

8. Machen Sie sich und Ihrem Kind klar, dass Alkohol nur ein Genussmittel sein sollte und nicht als „Seelentröster“ eingesetzt werden darf. Das schützt vor Sucht und Kontrollverlust.

9. Ihr Kind hat jetzt eine wichtige Hürde ins Erwachsenenleben genommen. Verstärken Sie Ihr Kind für seine Offenheit und Bereitschaft, diesen Schritt mit Ihnen zu gehen! 

10. Bieten Sie Ihrem Kind auch künftige Gespräche zum Thema Alkohol und andere Drogen an. Wiederholen Sie die Konsumsituation in einigen Wochen, wenn Ihr Kind das mag. Wenn Ihr Kind erst mal kein weiteres Interesse an Alkohol zeigt, ist dies in Ordnung. 

Wie ist es mit anderen Substanzen?

Wenn Sie über das Thema „Alkohol“ mit Ihrem Kind ins Gespräch gekommen sind, nutzen Sie die Situation auch, um über andere Substanzen zu sprechen. In Bezug auf Tabak sollten Sie wegen der ernsthaften Gesundheitsgefahren und des hohen Suchtrisikos von einem Einstieg abraten. Bei Cannabis, das in Kürze für Erwachsene legalisiert werden wird, sollten Sie von einem Konsum im Jugendalter eindeutig abraten, vor allem wegen der Gefahren für die Gehirnentwicklung.

Von anderen Drogen (Heroin, Kokain, Amphetamine) sollten Sie strikt abraten, auch hier wegen der starken Suchtgefahr und der wesensverändernden Wirkung der Stoffe. Das Thema Alkohol als Droge ist auch eine gute Möglichkeit über andere exzessive Verhaltensweisen, die in Verhaltenssüchte (Mediensucht, Kaufsucht, Glücksspielsucht) führen können, ins Gespräch zu kommen. Aber alles behutsam und step by step. Wichtig ist zu erkennen, wie wichtig die Grundfähigkeiten für psychische Gesundheit – Wohlbefinden und Selbstkontrolle – sind. 

Spezielle Umstände

Wenn Sie als Elternteil selbst ein Alkoholproblem hatten oder noch haben, konsumieren Sie nicht mit Ihrem Kind, aber verdeutlichen ihm von Anfang die Wichtigkeit des kontrollierten Konsums. Ansonsten ist die Alkoholerziehung Ihres Kindes eine gute Gelegenheit, mehr über sich und die Risiken übermäßigen Alkoholkonsums zu erzählen.

Machen Sie klar, dass übermäßiger Konsum zu einer psychischen Erkrankung (Abhängigkeit) führen kann. Am wichtigsten ist nicht der Konsum, sondern das offene Gespräch mit Ihrem Kind über Alkohol und andere Drogen. Gegebenenfalls kann auch Ihr Partner oder Ihre Partnerin die mitkonsumierende Rolle übernehmen. Wenn Sie aus religiösen oder weltanschaulichen Gründen keinen Alkohol konsumieren, erläutern Sie dies Ihrem Kind. Ihr Kind wird späterhin eigene Lebensentscheidungen treffen. Auch wenn diese nicht mit Ihrem Wertesystem übereinstimmen, bleiben Sie offen für den Lebensweg und die Entscheidung Ihres Kindes. 

Nachhaltige Gedächtnisspuren hinterlassen!

Weil so viele Jugendliche heutzutage ihre ersten Alkoholerfahrungen außerhäuslich mit anderen Peers machen, können Sie sicher sein, dass Ihre Alkoholerziehung sich in das Gedächtnis Ihres Kindes nachhaltig einbrennen wird. Ihr Kind wird auch im Erwachsenenalter immer erinnern, wann, wo mit dem wer er oder sie zum ersten Mal ein Glas Alkohol getrunken hat. Dies kann vor Sucht schützen, vor allem wenn Sie auch das offene Sprechen über Alkohol und Drogen beherzigen. 

Weiterführende Hinweise für Eltern: 

https://www.kenn-dein-limit.de/alkoholberatung/informationen-fuer-eltern/

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