Sind Suchtkranke Lügner? – Einsichten und Hilfsmöglichkeiten für Betroffene und Angehörige

Für viele Menschen im Umfeld von Suchtkranken ist es ein schwerwiegendes Problem, dass sie sich immer wieder belogen fühlen. Für Angehörige sind ihre Partner oft Lügner, was die Beziehungen auf eine harte Probe stellt und oft auch endgültig zerstört. Besonders Partner und Kinder von Suchtkranken leiden erheblich, nicht nur unter dem Substanzkonsum, sondern auch unter dem Umgang des Abhängigen mit Ehrlichkeit und Lüge. Immer wieder stellt sich heraus, dass die Aussagen ihres suchtkranken Partners, Vaters, Sohns usw. nicht der Wahrheit entsprechen. Dieses Verhalten irritiert und belastet die Angehörigen nachhaltig. Viele leiden so sehr darunter, dass sie Ängste, Depressionen oder Schlafprobleme entwickeln. Besonders erwachsene Kinder von Suchtkranken berichten, dass es ihnen in der Kindheit schwer gefallen ist, den Unterschied zwischen Wahrheit und Lüge, Realität und Traumwelt zu erkennen.

Oft sehen sie sich in einer fragilen Welt aus Unsicherheit und Angst, die sie mit angenehmen Phantasien zu füllen versuchen. Dies kann wiederum der Beginn einer Biographie mit Realitätsferne und Lügen werden. Lügen ist ein bewertender Begriff aus der Alltagssprache, der moralisch negativ besetzt ist. Dieser wird hier dennoch benutzt, um das Verhalten und Erleben der Suchtkranken und ihrer Angehörigen möglichst realitätsnah erlebbar zu machen. Aus psychologischer Sicht ist Lügen ein Verhalten, das auf hochspezialisierten kognitiven Fähigkeiten des Menschen beruht, um sich unter Täuschung Vorteile gegenüber anderen zu verschaffen.

Die Suchtpsychologie sieht das Lügen des Suchtkranken vor allem als kognitive Abwehr der Realität und negativer Emotionen, vor allem Scham und Schuld. Lügen kann (1) intentionaler Art sein, um bewusst andere zu täuschen, (2) zu automatisiertem Verhalten werden, um permanent Vorteile zu genießen oder Nachteilen zu entgehen und (3) unbewusster Art sein, wenn das eigene Wahrnehmungssystem defizitär ist. Wie sieht es in der Innenwelt des Suchtkranken in Bezug auf Lügen aus? Und wie wirkt sich das auf die Angehörigen aus?

Die Innenwelt der Sucht

Zu Beginn ein Blick auf die Innenwelt der Sucht, die an anderer Stelle ausführlicher dargestellt wurde („Sucht als Wahrnehmungs- und Denkstörung: Kognitive Abwehr und Verzerrungen bei Suchtstörungen“). Die Entstehung einer Suchterkrankung ist für den Betroffenen meist ein schleichender Prozess. Gelegentliche Trinkexzesse und zunehmender Drogenkonsum werden gegenüber dem Selbst verharmlost, um negative selbstbezogene Wahrnehmungen abzuwehren. Das dient der Aufrechterhaltung eines wenigstens ausgeglichenen oder eindeutig positiven Selbstbilds. Die meisten Substanzkonsumenten ebenso wie Verhaltenssüchtige berichten, dass sie auf diesem Wege alle Vermutungen, dass sie ein Problem mit Alkohol, Drogen, Glücksspiel oder um was auch immer es gehen könnte, unterdrückt oder als abwegig entwertet haben. Wenn Kritik von außen kam, haben sie diese weit von sich gewiesen und als Anfeindungen empfunden. Oft geschieht diese Abwehr gegenüber dem Umfeld mit Vehemenz und Aggressivität

In der Rückschau – oft viele Jahr später – verstehen die meisten Suchtkranken sehr gut, wie und warum sich bei ihnen eine Abhängigkeit entwickelt hat, vor allem wenn dieser Prozess therapeutisch begleitet wird. Der Ablauf der Suchtentstehung erscheint ihnen dann oft psychologisch logisch, mit einem Wort: psychologisch. In der oft langen Entwicklungsphase der Suchtkrankheit wird die Abwehr, der innere Widerstand, gegen die Tatsache, dass die Verhaltenskontrolle nachlässt, immer stärker.

Es ist ein gegenläufiger Prozess: Auf der einen Seite immer häufiger Kontrollverlust, immer größere Konsummengen und -zeiten, auf der anderen Seite immer mehr Abwehr dagegen, dass etwas nicht stimmt. Der Grund dafür liegt in den Vorstellungen, die wir uns über uns machen, unser Selbstbild und selbstbezogene Kognitionen. Perfekt sein, Stark sein, keine Schwächen und Ängste zeigen – diese Punkte gelten vor allem für Männer, die etwa drei Viertel aller Suchtkranken ausmachen. Bei Frauen geht es öfter um Anpassung an Rollenvorstellungen von Weiblichkeit und Mütterlichkeit oder um die Bewältigung von Hyperstress im Alltag und psychischen Problemen (Ängste, Depressionen, niedriges Selbstwertgefühl). 

Abwehr – ein schleichender Prozess mit vielen Gesichtern

Die kognitiven Abwehr- und Verzerrungsmuster, die bei Suchtkranken entstehen und sich verfestigen, entwickeln sich schleichend, parallel zum fortschreitenden problematischen Substanzkonsum oder dem Verhaltensexzessproblem, wie etwa Kaufsucht oder Glücksspielsucht. 

Die Realitätsverleugnung, die im Laufe der Suchtentwicklung entsteht, tangiert oft den gesamten privaten und beruflichen Alltag und beeinträchtigt die Beziehungen zu anderen Menschen. Die Aussage „Alkoholabhängige sind Lügner“ ist stigmatisierend, beschreibt aber das Erleben des Umfelds, das zunehmend darunter leidet. Der wahre Kern der Aussage besteht darin, dass eine alkoholabhängige Person die Konfrontation mit der Realität zunehmend vermeidet. Sie versteckt das Ausmaß ihres Problems vor sich selbst und vor anderen. Je mehr man die alkoholabhängige Person dazu zu bewegen versucht, ihre Abhängigkeit zuzugeben, desto stärker wird ihre Abwehr. Sie streitet das Problem ab, sucht Ausflüchte, vertröstet auf später. Deshalb empfehlen sich am Anfang eines Änderungsprozesses empathische, motivierende Interventionen.

Entgegen der Realität entwickelt sich als Abwehr eine zunehmende Scheinwelt, in die mehr oder weniger Einsicht besteht. Die Suchtkrankheit wird im Laufe der Zeit durch die beschriebenen Abwehrprozesse zu gelebter Unehrlichkeit.

Besonders reflektierte Suchtkranke verstehen diese selbstbezogenen Prozesse auch während ihrer Suchtkrankheit, für andere sind sie nicht zugänglich. Die erste Gruppe zeigt viele metakognitive Fähigkeiten, schafft es aber trotzdem nicht, den Suchtprozess zu beenden, was meist zu starken sarkastischen, negativen Haltungen sich selbst gegenüber führt. Für die zweitgenannte Gruppe besteht ein Prozess, über den sie wenig Kontrolle, aber auch wenig Einsicht haben. 

Kognitive Abwehr gehört zur Sucht

Kognitive Abwehr taucht in vielen Situationen des Alltags auf, auch bei Ängsten und emotionalen Krisen. Sie ist also kein Spezifikum für Suchterkrankungen. Die Psychoanalyse hat in ihrer über 100-jährigen Geschichte ein fein differenziertes Verständnis für emotionale Abwehrprozesse auf kognitiver Ebene bei Menschen geschaffen, von der Abwertung, der Verleugnung, der Verdrängung bis hin zur Sublimierung und Rationalisierung.

Bei Suchtstörungen sind die Abwehrbildungen meist stärker als bei anderen psychischen Störungen. Zusätzlich sind die Abwehrprozesse bei Substanzsüchten durch die Substanzwirkungen psychopharmakologisch beeinflusst oder mitverursacht (vgl. den Beitrag „Von der Lust am Widerstand zur Unfähigkeit zur Anpassung – eine Reise durch die psychologischen Abwehrmechanismen bei Sucht“ vom 01. April 2020). Diese Verursachung hat ihren Grund zum einen in den akut sedierenden und bewusstseinsverändernden Wirkungen der Substanzen, zum anderen – und dann dauerhafter und am Ende chronisch – in den kognitiven und emotionalen Reaktionen auf Kontrollverlust und exzessiven Konsum. Im Laufe dieses Prozesses entstehen dann so starke psychische Abwehrreaktionen, dass es zu Wahrnehmungs- und Erlebensveränderungen kommt, die als Lügen, Bagatellisieren, Verharmlosen und Verleugnen bewertet werden

Die chronischen suchttypischen psychologischen Symptome können – im Unterschied zu den punktuellen Intoxikationseffekten – sowohl bei Substanzkonsum als auch bei Verhaltensexzessproblemen – als Reaktionen auf Verlangen („craving“) und Entzug („withdrawal“) als kognitive Gegenregulation auftreten. Es handelt sich also hier im Grunde um kognitive Anpassungsprozesse an sich veränderndes Verhalten und Selbsterleben, um ein homöostatisches Gleichgewicht des Selbst (Selbstbild, Selbstwert) aufrechtzuerhalten.

Lügen als Teil des evolutionären Erfolgs des Menschen 

An dieser Stelle einige grundsätzliche Erkenntnisse zum menschlichen Lügen, das ein wichtiges Forschungsthema der Evolutionspsychologie und Anthropologie darstellt. Lügen ist ein zentrales Verhaltensmerkmal zwischenmenschlicher Beziehungsgestaltung. Der Lügner versucht sich Vorteile zu sichern, ohne Nachteile zu erleiden. Die Fähigkeiten zum Lügen sind in der Evolutionsgeschichte schon früh entstanden und haben sich immer weiter verfeinert. Die Kompetenzen für das Lügen werden schon in der psychologischen Entwicklung in der frühen Kindheit erworben. Zunächst fällt es dem Kind schwer, Traum, Phantasie und Wirklichkeit auseinander zu halten (2.-4. Lebensjahr).

Dann realisiert das Kind, dass es durch die Benutzung von Phantasiegeschichten für sich positive Effekte („Gewinne“) bei der Umwelt auslösen kann. So kann es durch das Erzählen ängstlicher Geschichten, die es geträumt hat, von der Mutter Aufmerksamkeit und Zuwendung erhalten.

Eltern reagieren seit Jahrtausenden in allen Kulturen, dass sie den Kindern deutlich machen, dass sie nur das Berichten sollen, was der Wahrheit entspricht. Natürlich ist „Wahrheit“ dabei ein flexibler Begriff und das Kind muss erkennen, was die Umwelt darunter versteht und dies mit seinen eigenen Kognitionen abgleicht. Lügen ist eine zentrale Kompetenz kognitiver und emotionaler Intelligenz. Es gibt keine Menschen, die nicht ab und zu lügen. Das Lügen gehört zur kognitiven und interaktionalen Grundausstattung des Menschen und wird schon ab der frühen Kindheit erlernt und trainiert.

Um exzessives Lügen einzudämmen, versuchen Religionen seit Jahrtausenden durch die moralische Verurteilung des Lügens die Menschen zu mehr Ehrlichkeit zu führen. Dieser Versuch muss erfolglos bleiben, da das Verhalten zu viele Vorteile mit sich bringt. Es kann aus psychologischer Sicht nur darum gehen, die Exzesse instrumentellen Lügens, mit dem man sich einseitig Vorteile verschafft, einzudämmen. Dennoch sollten extreme Formen pathologischen Lügens und Betrügens begrenzt und negativ sanktioniert werden. Nur solange Lug und Trug unter den Menschen einigermaßen eingedämmt werden, kann ein friedliches und gerechtes Miteinander gelingen.

Was ist Lügen? Was bringt Lügen?

Kießling & Perner (2011, S. 10) definieren Lüge als eine Falschaussage, (1) bei der sich der Sender bewusst ist, dass seine Aussage falsch ist, (2) er die Absicht hat, in einer anderen Person eine falsche Sichtweise zu erzeugen, (3) beabsichtigt, dass die andere Person entsprechend seiner Sichtweise handelt und (4) mit der er für sich einen Vorteil bzw. Gewinn erzielen will. Beim Lügen geht es also um die Erzielung eines Gewinns oder Vorteils gegenüber einer anderen Person. Dieser kann etwas darin bestehen, dass dieser anderen Person wichtige Informationen vorenthalten oder verändert dargestellt werden.

Wenn ein Glücksspielsüchtiger etwa sein allabendliches verspätetes Nach-Hause-Kommen mit Überstunden erklärt, obwohl er die Stunden in der Spielhalle verbracht hat, verschafft es sich damit einen Vorteil gegenüber seiner Partnerin, dass diese ihn bedauert, statt dass sie ihn für das Verspielen des Familieneinkommens tadelt. Wozu lügen Menschen überhaupt? Im Hintergrund geht es um Macht und Dominanz einerseits bzw. Vermeidung von Bedrohung, Angst und Kontrolle andererseits. Die Funktionalität des Lügens besteht darin, dass der Lügende sich in eine höhere und damit mächtigere Position bringt. Er weiß mehr, hat Informationen und Ressourcn, über die andere nicht verfügen.

Es geht fast immer um die Erlangung von Vorteilen. Eine fein abgestimmte Lügenchoreographie – verbal und nonverbal – hat sich im Laufe der Evolution in zwischenmenschlichen Bereichen, wie z.B. beim zwischengeschlechtlichen Werben oder beim Verkauf von Waren und Dienstleistungen, etabliert. Da Lügen – insbesondere ein Übermaß an Lügen – moralisch verurteilt wird, ist das Risiko chronischen Lügens nicht gering. Es kann zum vollkommenen Vertrauensverlust und zur Aufkündigung von Beziehungen führen.

Die Lügensucht – ein frühes psychiatrisches Konzept

In der psychologischen Forschung werden inzwischen verschiedene Formen des Lügens unterschieden. Zentral ist die Frage, ob das Lügen bewusst, automatisiert und pathologisch geschieht. Die Forschung zum Lügen gehört zur Pseudologie (vom altgriechischen pseudos = falsch). Dies ist eine Forschungsrichtung, die sich mit wiederholtem und vor allem zwanghaften Lügen beschäftigt. Obwohl Pseudologie als Symptom schon lange bekannt ist, ist nicht klar, ob es auch die Kriterien einer eigenständigen psychischen Störung erfüllt. Dann wäre – ohne dass eine wahnhafte Störung vorliegt – von zwanghaftem Lügen auszugehen. Chronisches Lügen spielt bislang eher als Symptom bei verschiedenen psychischen Krankheiten – so auch bei Suchtstörungen – eine Rolle. 

Mit dem Begriff Pseudologia phantastica („Lügensucht“) hatte der Psychiater Anton Delbrück schon 1891 den Drang zum krankhaften Lügen, Betrügen und Übertreiben bezeichnet. Häufiger wird heute dafür der Begriff pathologisches Lügen verwendet. Eine Unterform der Pseudologia phantastica stellt das Münchhausen-Syndrom dar, bei dem der Patient körperliche Beschwerden erfindet und durch Lügen untermauert, um Aufmerksamkeit zu bekommen. In Abgrenzung zu wahnhaften Störungen (Psychosen, Schizophrenie) kann der Pseudologe seine Lügen bei Konfrontation revidieren und seine Sicht neu bewerten, also seine Lügen als solche erkennen.

Meist entwickelt er sie dann weiter, perfektioniert sie also. Die Störung hält in der Regel lange an, ohne dass sie von Phasen der Normalität unterbrochen wird. Es finden sich meist auch keine aktuellen äußeren Anlässe für das Verhalten (wie z. B. bei sogenannten „Notlügen“), so dass eine innere Verursachung angenommen werden kann. Pseudologen berichten meist, dass ihr Verhalten automatisiert ist, und sie den Unterschied zwischen Realität und Lüge verloren haben. 

Lügen aus psychoanalytischer Sicht

Sigmund Freud hat sich über das Lügen im frühkindlichen Kontext und im späteren Kontext psychischer Störungen bei Erwachsenen ausführlich geäußert. 

Der Psychoanalytiker Heinz Kohut, der auch ein maßgeblicher Begründer des modernen Narzissmus-Konzepts ist, lieferte 1971 eine tiefenpsychologische Erklärung zum Verständnis der pathologischen Neigung zur Unwahrheit. Er unterscheidet Lügen, (1) die auf dem Boden einer unzureichenden Verinnerlichung der normgebenden Vorgaben der Eltern entstanden sind (2) von Lügen als Folge einer frühkindlichen Verwahrlosung. Der letztgenannte Entstehungskontext erscheint für eine Vielzahl späterer Suchtkranker, besonders Kinder suchtkranker Eltern (siehe späteres Kapitel) interessant und relevant.

Menschen, die schon in der Säuglingszeit und dann auch in der frühen Kindheit auf idealisierbare Eltern hätten verzichten müssen, ersetzten diesen Verlust durch Phantasievorstellungen in Bezug auf die eigene Allmacht und erzeugten damit ein überzogenes Selbst („Größen-Selbst“), so das tiefenpsychologische Verständnis. Dieses übertrieben unrealistische Selbst scheitert später an der Umwelt und führt zu Narzissmus, Depression und Sucht. Die oft im Rahmen antisozialer Tendenzen zur Schau gestellte Verachtung für gesellschaftliche Werte und Ideale dient letztlich der Abwehr und Verleugnung einer Sehnsucht nach einer idealisier- und nachahmbaren Elternfigur

Auch im Umgang mit Beratern und Therapeuten wird die Neigung, idealisierende Übertragungen herzustellen, durch manipulative bis zu aggressiven Übertragungen abgewehrt. Oft zeigen sich diese Menschen stolz darauf, wie geschickt und rücksichtslos sie ihre Umwelt manipulieren können. Es kommt zu pathologischem, chronischem Lügen. Letztlich dient dieses – auch mit Wahrheit und Lüge manipulierende – Verhalten dazu, zu verhindern, dass die innere Leere und der Mangel an Selbstwertgefühl wahrgenommen wird. 

Der narzisstisch-antisoziale Lügner

Dient die Lüge dem narzisstischen Größenwahn, so ist sie vor allem dadurch motiviert, dass der Lügende sich damit noch weiter erhöhen möchte, sich über Andere stellen und das Gefühl der Niederlage der Anderen genießen will – wenigstens in seiner Vorstellung. Nicht selten spielt dabei auch eine Rolle, dass nicht nur etwas erreicht wird, sondern dass man sich auch großartig fühlt, weil man in der Lage ist, andere Menschen erfolgreich zu manipulieren, ohne dass diese es merken. Es ist demnach ein narzisstischer Sieg über die ahnungslosen belogenen Personen, der der eigenen Überhöhung als Regulation dient. Die Bewunderung, die glänzenden Augen des Gegenübers und der kurze Moment der Überlegenheit motivieren entsprechende Handlungen. Dieses Verhalten selbst kann zu einer Verhaltenssucht werden.

Hier gibt es harmlose und durchschaubare Inszenierungen des Alltags, aber auch große katastrophale und desaströse Inszenierungen, die erheblichen Schaden anrichten und durchaus ruinös sein können. Auf politischer Ebene ist die zwanghafte Selbstüberhöhung ein Merkmal vieler Diktatoren, die mit geschickter Manipulation der Massen einhergeht. An beiden Enden der narzisstischen Dimension ist die psychische Stabilität des Lügenden nicht besonders groß und daher ist die Gefahr der Aufdeckung groß. Narzissten beider Ausprägungen lügen im Allgemeinen schlecht, weil sie – wie das Wort sagt – zu sehr auf sich bezogen sind und daher die Perspektivenübernahme mangelhaft ist.

So erleiden sie oft die Scham der Aufdeckung und ihr Dilemma wird vergrößert und der Gewinn der Lüge ist spärlich und allzu kurzfristig. Die Enttäuschung über die Aufdeckung der Lügen führt dann schnell wieder in die nächste Runde narzisstischer Lügen. Und so geht es auf Dauer weiter, wenn keine einschneidende Veränderung aufgrund von Leidensdruck und durch Psychotherapie geschieht, was aber eher selten passiert.  Manche narzisstischen Lügner entwickeln einen starken Substanzkonsum, oft mit Stimulantien, um ihren Überhöhungsmechanismus noch weiter anzufeuern.

Lügen und psychische Störungen

Lügen taucht im Kontext vieler psychischer Störungen auf. Bei der Soziopathie ist es das Lügen, um andere in die Irre zu leiten, sich gefügig zu machen oder in Kombination mit Angsterzeugung Kontrolle über sie zu bekommen. Bei Schizophrenie und Psychosen berichtet der Betroffene von Dingen, die er sieht, hört oder fühlt. Diese Wahrnehmungen sind Teil seines Wahns und daher keine Lügen, da er von der Richtigkeit dieser Dinge überzeugt ist. Drogeninduzierte Psychosen bringen Betroffene auch dazu, von Wahrnehmungen zu berichten, die für die Außenwelt nicht nachvollziehbar sind. Bei Suchterkrankungen spielt Lügen eine große Rolle, um Scham- und Schuldgefühle vor anderen und sich selbst zu reduzieren und sich ihnen nicht zu stellen. 

Viele Suchtkranke benutzen Lügen in Form von Notlügen und Ausflüchten, um durch die Kontrollversuche der Angehörigen oder der Vorgesetzten am Arbeitsplatz nicht erwischt zu werden. Diese Lügen können auch als Angstlügen bezeichnet werden. Der Begriff wurde durch den großen Hamburger Psychologen William Stern und seine Frau Clara 1909 bei der Erforschung kindlichen Lügens geprägt. Ganz ähnlich wie Kinder (ab dem 4. Lebensjahr) mit Falschaussagen versuchen, Bestrafung zu vermeiden, geschieht dies auch beim Suchtkranken gegenüber Kontrolle und Druck von Angehörigen, Ärzten und Vorgesetzten. 

Das Erfinden von „Alibi“-Geschichten, die möglichst viel Glaubwürdigkeit, Plausibilität und Erklärungen aufweisen, verschafft dem Suchterkrankten Erleichterung und Angstreduktion. Dies funktioniert aber immer nur kurzfristig bis zur nächsten Problemsituation. Die Abläufe sind analog zum Substanzkonsum: So wie immer wieder neu konsumiert werden muss, um von der Wirkung des Suchtmittels zu profitieren, muss immer wieder neu gelogen werden, um Stress und Kontrolle von der Umwelt zu reduzieren. Ein Kreislauf aus Lügen, andere und sich täuschen und noch mehr Lügen beginnt und nimmt Fahrt auf.

Aus konstruierten Lügen werden Gewohnheitslügen

Die in dieser Phase konstruierten Lügen sind dem Suchtkranken zunächst als auch als solche bewusst. Allerdings nimmt der intrapsychische Druck, die konstruierten Aussagen als Lügen wahrzunehmen mit der Zeit zu, da es nicht zum Selbstbild passt, ein Lügner zu sein. Die Lügen werden als irgendwie wahr uminterpretiert und der Suchtkranke indoktriniert sich selbst immer mehr mit diesen Geschichten, bis er an sie glaubt und sie für wahr hält. Irgendwie wahr, bis ihm konfrontativ das Gegenteil aufgezeigt wird.

Die kognitive Dissonanz, einerseits kein Lügner und damit ein moralisch verurteilenswerter Mensch sein zu wollen und andererseits im Alltag immer mehr täuschen und betrügen zu müssen, um sein Suchtverhalten nicht zu offenbaren, wird immer stärker und unerträglicher. Es beginnt für den Suchtkranen ein kognitiver Abwehr- und Uminterpretationsprozess, in dessen Verlauf sich der Betroffene immer stärker selbst indoktriniert, an seine Aussagen zu glauben.

Die Falschaussagen, die im Kern Lügen darstellen, dienen mehr und mehr der Selbstrechtfertigung, an die man immer zunehmend glaubt und die im Laufe der Zeit zur „subjektiven Wahrheit“ wird. Auch bei kritischen Nachfragen hält der Suchtkranke seine Lügen aufrecht. Möglicherweise intensiviert er sie noch, gibt ihnen mit Stimme und Aggressivität mehr Nachdruck. Er gibt sie erst auf, wenn die Gegenseite eine lückenlose „Beweisführung“ parat hat, die ihn entlarvt und entwaffnet zu gleich. Das Lügen wird dadurch zu einem großen Störfaktor in den Partnerbeziehungen und den anderen zwischenmenschlichen Netzwerken. Die Atmosphäre verhärtet sich, es geht zu wie vor Gericht. Und das vernichtet Gefühle und Vertrauen nachhaltig. 

Verleugnung – bei Sucht der stärkste Abwehrmechanismus

Übermäßiger, chronischer Alkohol- und Drogenkonsum löst vielfältige kognitive Abwehrmechanismen aus. Zu diesen zählen vor allem Verleugnung, Projektion und Spaltung. Eine Übersicht zu den bekannten Abwehrmechanismen findet sich unter „Von der Lust am Widerstand zur Unfähigkeit zur Anpassung – Eine Reise durch die psychologischen Landschaften der Abwehrmechanismen“.

Die Verleugnung wird auf Dauer zum Normalzustand

Verleugnung stellt bei Sucht den stärksten Abwehrmechanismus dar. Verleugnung ist dabei ein psychischer Mechanismus, durch den die Wahrnehmung einer schwer erträglichen Realität abgewehrt werden kann. Dabei stellt der exzessive, chronische Substanzkonsum selbst einen Mega-Abwehrmechanismus dar, durch den sich der Suchtkranke weitgehend unerreichbar durch sein Umfeld mach. 

Im Unterschied zur Verdrängung als Triebabwehr richtet sich der exzessive Substanzkonsum und die Verleugnung desselben gegen die äußere Realität. Bei einem Alkoholproblem dient das Leugnen dazu, nicht mit einer Tatsache konfrontiert zu werden, die bedrohlich und schwer zu akzeptieren ist: Die Tatsache, dass man einen problematischen oder gar abhängigen Alkoholkonsum hat. Die betroffene Person weigert sich, den Konsum in seinem ganzen Ausmaß anzuerkennen. Leugnen ist bei Alkohol- und Suchtproblemen ein besonders verbreiteter Abwehrmechanismus. Viele Menschen gestehen sich lange Zeit nicht ein, dass sie ein Alkoholproblem haben. Sie streiten das Problem ab, nicht nur vor anderen, sondern auch vor sich selbst. Leugnen ist Teil einer Reihe von psychischen Abwehrmechanismen, vor allem neben Verdrängung, Projektion und Verschiebung.

Bei Suchtstörungen nimmt die Verleugnung einen besonders wichtigen Stellenwert ein. Sie wird auf die Dauer zum Normalzustand. Für Angehörige ist dieser Verleugnungsprozess schwer zu durchschauen, da sie durch die Aufrechterhaltung der Scheinwelt des Abhängigen keinen Einblick in seine innere Welt erhalten und nur mutmaßen können, was in ihm vorgeht.

Bei übermäßigem Alkoholkonsum wird der Konsum oft verharmlost und das Problem so rundweg geleugnet. „Ich trinke nicht mehr als die anderen“, „Ich trinke nie am Morgen“, „Ich trinke nur, wenn ich viel Stress habe“ usw. sind typische Aussagen, die der BagatellisierungVerleugnung dienen. Andere Abwehrmechanismen dienen der Schuldzuweisung an andere („Ich trinke, weil die mich entlassen haben“, „Wenn sie so eine Frau hätten, würden Sie auch trinken“), sind Ablenkungsversuche („Nicht der Alkoholkonsum ist mein Problem, sondern meine Depressionen.“) oder lenken mit Aggressivität von der betroffenen Person ab („Mein Konsum geht niemanden etwas an!“).

Bei einem Alkoholproblem dient das Leugnen dazu, nicht mit einer Tatsache konfrontiert zu werden, die bedrohlich und schwer zu akzeptieren ist: Die Tatsache, dass man einen problematischen oder gar abhängigen Alkoholkonsum hat, soll abgewehrt und damit nichtig gemacht werden. Die betroffene Person weigert sich, den Konsum in seinem ganzen Ausmaß anzuerkennen.

Erinnerungslücken und Stress durch Lügen

Lügen haben kurze Beine, heißt es im Volksmund. Dies soll heißen, dass sie nicht lange aufrechterhalten werden können und sich am Ende gegen den Verursacher richten können. Lügen macht dem Gehirn Stress. Es kostet – zumindest am Anfang – mehr Energie und Zeit, blockiert andere Prozesse im Gehirn und löst zahlreiche körperliche Stressreaktionen aus. Lügen bedarf eines komplizierten kognitiven Entwicklungs- und Überprüfungsprozesses. Die Lüge muss glaubwürdig sein und nicht mit früheren Lügen im Widerspruch stehen. Das Lügengedächtnis ist wesentlich schlechter als das Realitäts- und Alltagsgedächtnis

Man muss zum Lügen die Fähigkeit besitzen, den sozialen Kontext differenziert zu analysieren, muss zur empathischen Perspektivenübernahme fähig sein, um vorausgehend zu analysieren, wie der Empfänger die Lüge erlebt und bewertet. Kurz: Es braucht eine Menge soziale Intelligenz, um glaubhafte Lügen zu konstruieren. Weiterhin ist eine beachtliche Merkfähigkeit erforderlich, weil Nachfragen zu erwarten sind und man sich dabei tunlichst nicht in Widersprüche verwickeln darf. Außerdem – und dies ist der schwierigste Teil des Lügens – muss eine hohe Selbstaufmerksamkeit realisiert werden, damit man sich beim Lügen nicht durch unpassende Tonlage, Sprech- und Nachdenkpausen oder inadäquate Mimik, Gestik und Körperhaltung verrät. Kurz: Allzu häufiges und realitätsfernes Lügen ist voller Stress und Probleme

Ein interessantes psychologisches Phänomen in diesem Zusammenhang ist, dass Lügen schlechter erinnert werden als die Wahrheit. Daher verstrickt sich ein unachtsamer Lügner auch eher in Widersprüche und Inkonsistenzen. Am Ende entstehen bei Suchtkranken oft komplizierte Lügengeschichten und Lügensysteme. Die Rückkehr zur Wahrheit wird zunehmend schwieriger und subjektiv teurer, weil die Gefahr vom Gegenüber verurteilt und abgelehnt zu werden, immer mehr zunimmt. Langfristige Lösung ist am Ende nur der Weg zur Wahrhaftigkeit, wie er von Suchtselbsthilfegruppen und der Suchttherapie aufgezeigt wird, den man aber selbst zu gehen bereit sein muss. 

Der Prozess der Suchtabwehr – das „alkoholische Lügen“

Lügen, um das wahre Ausmaß der Sucht zu verdecken, ist zunächst in akuten Situationen beobachtbar, in denen sich der Suchtkranke subjektiv bedroht fühlt, „erwischt“ zu werden. Die innere Haltung, dass man etwas zu verbergen hat, wird durch das Wissen verursacht, dass das eigene Verhalten von der Umwelt verurteilt oder sanktioniert wird. Auch sich selbst gegenüber gilt es zu verstecken, wie sehr man bereits die Kontrolle über den Substanzkonsum oder das exzessive Verhalten verloren hat. Dabei entsteht ein immer stärkeres Schamgefühl, da man einerseits den Vorstellungen der Umwelt entsprechen will, andererseits aber nicht bereit oder in der Lage ist, das eigene Verhalten zu revidieren. Der Suchtkranke entdeckt, dass er mit zunehmendem Geschick die Umwelt täuschen und in Sicherheit wähnen kann.

Was anfänglich in akuten Situationen aufgetreten ist, geschieht immer häufiger, wird zu Gewohnheit. Dann kann von habituellem Lügen gesprochen werden. Oft hat sich die kognitive Abwehr, nicht durchschaut werden zu wollen, am Ende so intensiviert und im Denken und Handeln verbreitet, dass der Suchtkranke dieses Verhalten automatisiert zeigt und oft selbst nicht mehr zwischen Wahrheit und Täuschung unterscheiden kann. Die Stärke der kognitiven Abwehr ist bei Suchtkranken bisweilen so hoch, dass sie ihre Strategien oft nicht selbst durchschauen können.

Wie beim Phänomen der Kontrollillusion, der festen Überzeugung, dass man noch alles unter Kontrolle hat, obwohl die Realität längst anderes zeigt, deutlich wird, ist Sucht auch eine Wahrnehmungsstörung (ausführlicher dazu unter „Sucht als Wahrnehmungs- und Denkstörung: Kognitive Abwehr und Verzerrungen bei Suchtstörungen“). Diese macht es den Betroffenen schwer, bisweilen unmöglich, ihre selbstbehindernden Strategien zu durchschauen. Dadurch wird auch Veränderung sehr schwierig.

Kommen amnestische Probleme in Folge übermäßiger Intoxikation oder durch hirnphysiologischen Abbau hinzu, verstärkt sich das Verhalten. Durch die Chronifizierung der kognitiven Abwehr fällt es dem Suchtkranken immer schwerer, sein Lügenverhalten selbst zu durchschauen. Er hat sich inzwischen so intensiv mit seinen Geschichten, Erklärungssystemen und Ausreden indoktriniert, dass er selbst an diese glaubt und das Ausmaß der Selbst- und Fremdtäuschung nicht mehr durchschaut. Es ist ein habituelles, gewohnheitsmäßiges Lügen entstanden, das von dem Suchtkranken zwar noch durchschaut werden kann, aber immer weniger wird. Die Lügen bestehen in Ausreden, erfundenen Geschichten, Alternativerklärungen, Gegenanklagen und -beschuldigungen uvm.

Kinder suchtkranker Eltern haben es schwer, nicht zu lügen

Besonders schwierig gestaltet sich die kognitive Entwicklung für Kinder, wenn die Eltern selbst oft Lügengeschichten erzählen, wie dies bei Suchtkranken nicht selten der Fall ist. Janet Woititz, die in den USA die Arbeit mit erwachsenen Kindern suchtkranker Eltern geprägt hat, berichtete, dass diese nach eigenem Bekunden oft logen, selbst wenn es leicht möglich gewesen sei, die Wahrheit zu sagen.

Dies ist ein Hinweis darauf, wie schwierig es im Kontext elterlicher Suchterkrankung sein kann, Wahrheit und Lüge zu unterscheiden und bei der Wahrheit zu bleiben. Zwei Phänomene sind dafür im Hintergrund verantwortlich: Erstens ist es besonders schwierig, die Wahrheit zu erkennen, wenn dem Kind Scheinwelt und Lügen vorgespielt werden. Das zweite Problem ergibt sich daraus, dass viele Kinder schnell lernen, dass es für sie nachteilig ist, die Wahrheit auszusprechen. Wenn sie etwa in der Schule berichten, was zu Hause alles Schlimmes passiert, erleben sie Ärger, Druck oder Bestrafung durch die Eltern. Sie lernen also, dass es besser ist, nicht die Wahrheit zu sagen.

Die amerikanische Suchttherapeutin Claudia Black, die viel mit Kindern suchtkranker Eltern gearbeitet hat, formulierte schon 1979 in ihrem Buch „It will never happen to me“, dass Kinder suchtkranker Eltern drei Kernbotschaften lernten: Zeige keine Gefühle, vertraue niemandem und rede nicht über deine Probleme. Diese implizit vermittelten Botschaften in einer suchtbelasteten Familie unterstreichen, wie schwierig es in diesem Kontext sein kann, sich authentisch zu den eigenen Gefühlen zu verhalten und dementsprechend nicht zu lügen. 

Typologie des Lügens bei Suchtkranken

Bei Suchtkranken kann es zu drei unterscheidbaren Formen des Lügens kommen:
(1) Pathologisches Lügen, wie es bei Narzissmus und Soziopathie vorkommt, als Verhaltensweise, andere zu täuschen und zu betrügen. Das pathologische Lügen nimmt dabei selbst exzessive Formen an, so dass die Person sich in immer mehr Lug und Trug verstrickt. Bei Konfrontation mit ihrem Lügen kann reagiert sie aggressiv und feindselig, erkennt jedoch – wenigstens innerlich – die Richtigkeit der Rückmeldungen und wird in Zukunft noch geschickter lügen. Hiervon sind besonders Suchtkranke mit einer komorbiden psychischen Störung in den Bereichen narzisstischer und antisozialer Persönlichkeit betroffen. Von allen Suchtkranken entspricht etwa ein Viertel diesem Verhaltensmuster.

(2) Angstlügen aus Scham- und Schuldgefühlen. Diese Funktion des Lügens ist bei Sucht die häufigste Form. Etwas mehr als die Hälfte aller Suchtkranken entspricht diesem Muster. Das Lügen dient der Abwehr von Kontrolle und Vorwürfen. Der Substanzkonsum muss vor sich selbst gerechtfertigt und vor den Angehörigen verharmlost werden. Der zunehmende Verlust der Selbstkontrolle wird kognitiv abgewehrt. Daraus erwächst ein hohes Maß an Verleugnung und Realitätsflucht. Oft sind die Suchtkranken mit Angstlügen von inneren Ängsten, Depression und Selbstwertproblemen gekennzeichnet.

(3) Wahrnehmungsstörungen, die Lügen erleichtern oder gar erzeugen. Bei diesen Personen ist die Sicht auf die Welt und sich selbst deutlich verändert. Diese Abweichungen werden unter Substanzeinfluss noch verstärkt. Wahrnehmungsstörungen können Ursache und Folge des exzessiven Substanzgebrauchs sein. Nach meinen klinischen Erfahrungen ist etwas ein Fünftel aller Suchtkranken durch dieses Muster gekennzeichnet. Wenn es infolge des chronischen Suchtproblems zu amnestischen oder dementiellen Problem gekommen ist, können auch Konfabulationen auftreten. Dabei werden frei erfundene Geschichten erzählt, ohne dass dies dem Betroffenen bewusst ist. 

Hilfen für Suchtkranke bei chronischem Lügen

Wenn sich das Lügen bei einem Suchtkranken etabliert hat, ist der Prozess der Veränderung weg vom Lügen als kognitiver Abwehr ebenso schwierig wie der Verzicht auf die Suchtmittel. Beides wird im Zuge der Suchtentwicklung immer enger aneinander gekoppelt. Die Veränderung des Umgangs mit dem Suchtmittel bedeutet auch einen Weg zur Wahrhaftigkeit einzuschlagen. Oft ist dieser Weg langwierig und mühsam und ebenso wie der Umgang mit Substanzen von Rückfällen in die alten kognitiven Abwehrmuster („Lug und Trug“) gekennzeichnet. Niedrigschwellige und anonyme Beratung kann am Anfang eine Hilfe auf dem Weg zur Wahrhaftigkeit sein.

Im Prozess der Verabschiedung vom süchtigen Substanzkonsum oder der exzessiven Verhaltenssucht muss auch einer neuer Bezug zu Realität, Umwelt und vor allem den Angehörigen gefunden werden. William Glasser (1925 – 2013) entwickelte schon in den 1960-er Jahren die Realitätstherapie als psychotherapeutisches Verfahren, um den Weg zur Lebensrealität und persönlichen Wahrhaftigkeit zu finden. Aber auch mit Verhaltenstherapie und Tiefenpsychologie kann der Suchtkranke den Weg in die Realität des Lebens und weg von den Suchtmitteln finden.

Suchtselbsthilfe als Weg zur Wahrhaftigkeit

Besonders wichtig ist die Teilhabe an den Erfahrungen anderer Suchtkranker in Suchtselbsthilfegruppen. Diese sind Experten für den erfolgreichen Ausstieg aus der Konsum-Verleugnungsspirale. Wahrhaftigkeit wird sich beim erfolgreichen Ausstieg aus der Sucht als Weg zu besserer Selbstakzeptanz, gesundem Selbstwertgefühl und besseren Beziehungen zu anderen etablieren. Für manche Suchtkranke braucht es einen spirituellen Anstoß, um den Weg zur Wahrhaftigkeit zu finden. Dies können sie in Meditation, Exerzitien, Yoga oder anderen Praktiken finden. Viele Suchtselbsthilfegruppen bieten spirituelle Wege auf dem Weg zur Genesung an. Solche Angebote finden sich vor allem bei den 12-Schritte-Programmen (AA, NA u.a.).

Dies sind weltweit erprobte und etablierte Gruppen, die auf der Basis eines spirituellen Konzepts gegenseitige Hilfe und Wege zum Ausstieg aus der Sucht aufzeigen. Wie auch immer der einzelne Suchtkranke sich auf den Weg zur Bewältigung seiner Sucht macht, ist es am Ende entscheidend, dass er zu vertiefter Selbsteinsicht, verändertem Verhalten und der Abkehr von Verleugnung und Lügen kommt. Das Nicht-Mehr-Lügen-Müssen wird dann zu Recht als Befreiung und Erweiterung der Persönlichkeit empfunden. Notlügen in Bezug auf Dinge, die nichts mit dem ehemaligen Suchtmittel zu tun haben, bleiben dabei – wie bei allen Menschen – Bestandteile des Alltagsverhaltens.

Literatur: 

Kießling, Florian & Perner, Josef (2011). Entwicklung der Lüge. In: Klosinski, Gunther (Hrsg.). Tarnen, Täuschen, Lügen. Zwischen Lust und Last. Tübingen: Attempto Verlag, S. 9 – 34.

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