Von der Lust am Widerstand zur Unfähigkeit zur Anpassung – Eine Reise durch die psychologischen Landschaften der Abwehrmechanismen

Widerstand, Abwehr, Verzerrung, Verschwörungstheorien, Verleugnung und Verdrängung sind schlechte Ratgeber im Umgang mit einer Pandemie. Aus psychologischer Sicht sind Durchblick und Flexibilität gefragt, um die Gesundheit möglichst vieler Menschen zu erhalten. Gerade Suchtforscher und –therapeuten können zum Umgang mit Abwehr und Widerstand viel beitragen. Darum geht es im Folgenden.

Was sonst im Alltag nützlich ist, kann jetzt schädlich sein

Kritische Grundhaltung, Skeptizismus und Widerstand sind in einer Demokratie wichtige Grundtugenden. Dass sie in Zeiten der Pandemie in Bezug auf die bevölkerungsbezogenen Schutzmaßnahmen eher unpassend sind und sogar Krankheit und Leben gefährden können, ist eine neue Erfahrung und wird unser Weltbild verändern. Die Polizei NRW berichtete nach der zweiten Woche mit scharfen Ausgangsbeschränkungen, dass sich 95% der Bevölkerung an diese neuen Regeln halten würden. Eine schnelle und einschneidende Verhaltensveränderung, die der großen Mehrheit gelingt. Aber was ist mit dem Rest? Fünf Prozent der erwachsenen Bevölkerung sind immerhin gut 3 Millionen Menschen, also in absoluten Zahlen eine substantielle Gruppe. Was sind die Hintergründe für diese Personengruppe, sich nicht in Zeiten der Krise anzupassen und zu verändern?

Suchtkranke sind Meister der Abwehr und des Widerstands

Gerade Suchtkranke sind Meister des Widerstands und der kognitiven Abwehr und Verzerrung. Daher können wir Suchtforscher und Suchttherapeuten eine Menge zum negativen Umgang mit der derzeitigen Krise sagen und versuchen, unsere Patientinnen und Patienten besonders vor Fehlverhaltensweisen im Umgang mit der Pandemie zu schützen und sie entsprechend zu beraten.

Oft hängen rigider Widerstand oder pure Inflexibilität gegen notwendige, schnelle Veränderungen mit zugrundeliegenden Persönlichkeitseigenschaften zusammen und sind kein Zeichen echter Zivilcourage oder Intelligenz. Der Beitrag führt in die psychologischen Hintergründe für mangelnde Einsicht und Flexibilität in Zeiten der pandemischen Krise ein.

Abwehrmechanismen: Es kommt auf die Dosis an!

Der Begriff der psychologischen Abwehrmechanismen, der eingangs kurz zu erläutern ist, wurde vor allem von Sigmund Freud und seinen späteren Nachfolgern, darunter seine eigene Tochter Anna, geprägt. Die heutige Zeit des Krisenhaften mit allen Risiken, Herausforderungen, aber auch Chancen, kann eine Rückbesinnung auf die im Kern sehr menschenschlauen Konzepte der Psychoanalyse und der später folgenden Tiefenpsychologie rechtfertigen.

Hier soll vor allem der Frage nachgegangen werden, ob das Konzept der Abwehrmechanismen für die Erklärung bestimmter aktueller Phänomene im Rahmen der Corona-Krise nützlich ist. Insbesondere soll es um die Frage gehen, wer in Zeiten des „Social Distancing“ Regeln nicht akzeptiert, ignoriert, nicht erinnert oder bewusst dagegen handelt. Dafür liegen aus psychologischer Sicht durchaus sehr verschiedenartige Gründe vor. Wie bei jeder gesellschaftlichen Veränderung gibt es auch in der Corona-Krise Menschen, die sich widersetzen und nicht anpassen. Bei früheren gesellschaftlichen Krisen war Widerstand bisweilen durchaus richtig und wichtig. Wie ist es jetzt?

Alles ein Problem der Wahrnehmung?!

Verhaltensänderung unter Stress und Anpassung an sich verändernde Bedingungen in einer Krise setzen möglichst korrekte Wahrnehmung mit den uns gegebenen sensorischen Möglichkeiten („fünf Sinne“) voraus. Während die meisten Menschen zwar unterscheidbare, aber im Ergebnis meist ähnliche Wahrnehmungsfähigkeiten und –kompetenzen haben, gibt es immer wieder in Einzelfällen markante Abweichungen. Diese können sich aus Ressourcenmangel, wie Intelligenzdefizite, oder aus erworbenen Persönlichkeitsauffälligkeiten ergeben.

Gerade die im Laufe der Persönlichkeitsentwicklung erworbenen Wahrnehmungsauffälligkeiten sind Gegenstand dieses Beitrags. Sie können von Verzerrungen, Ausblendungen, Nicht-wahr-haben-wollen bis zu extremen Wahrnehmungsexzentrizitäten mit wahnhaften Inhalten reichen. Die in den letzten Jahren grassierenden Verschwörungstheorien fußen oft auf solchen – subjektiv plausiblen, aber objektiv nicht nachvollziehbaren, unlogischen – Grundannahmen. In geringem Ausmaß können Wahrnehmungsverzerrungen durchaus psychohygienisch sein, insofern dass sie z.B. vor einem Übermaß an Angstüberflutung oder Deprimiertheit schützen. Häufiger jedoch sind dysfunktionale Wahrnehmungen die Ursache für emotionale Überreaktionen und Krisen. Das Emotionssystem, das uns eigentlich schützen soll und kann, wird durch die Überflutung mit dysfunktionalen Wahrnehmungen überlastet und in den Hyperstressmodus gebracht.

Abwehrmechanismen der Psyche

Ähnlich wie der Körper mit seinem Immunsystem über eine gute Abwehr verfügen sollte, gilt dies auch für die Psyche. Auch dort gibt es gut funktionierende mentale Verarbeitungs- und Abwehrmechanismen. Manche sind überdauernder Art und stellen dann Persönlichkeitseigenschaften – wie etwa Optimismus, Flexibilität, Bewältigungszuversicht, Positivität, Entspanntheit, Gelassenheit – dar. Andere sind je nach Situation neu anzupassen und auszuprobieren. Dies bezieht sich heutzutage auf soziales Abstandhalten („social distancing“), Hygieneregeln (Hände waschen, Mundschutztragen, Kleidungswechsel). Oft sind Verhaltensweisen in Krisen gelernte Reaktionsmuster auf übermäßigen Stress. So können schnelles Lautwerden, Schreien oder physische Aggressivität solche Reaktionsmuster darstellen. In der Krise ist die Fähigkeit zur Stressreduktion besonders wichtig, um nicht Opfer der eigenen übertriebenen Emotionen zu werden.

Persönlichkeitsmerkmale und Abwehrverhalten

Persönlichkeitsmerkmale sind als überdauernde Verhaltensdispositionen mit Tendenz zu Wiederholungmustern und damit stabilen Reaktionen zu verstehen. Die Ursprungsbedingungen von Persönlichkeitsmerkmalen werden in genetischen Prädispositionen (wie z.B. angeborenes Temperament) und psychosozialen Erfahrungen in der Kindheit. Im Zusammenhang mit Widerstandsverhalten kommen (1) antisoziale, (2) impulsive und (3) narzisstische Persönlichkeitsmerkmale in erster Linie in Frage, um ein Nicht-Befolgen von Gesundheitsempfehlungen und neuen sozialen Regeln zu erklären.

Antisoziale, impulsive und narzisstische Persönlichkeitsmerkmale

Antisozialität hängt mit einem Mangel an Empathie gegenüber anderen, wie z.B. Älteren oder Kranken, zusammen. Ein rücksichtsloses Missachten der Interessen und des Wohlergehens anderer steht im Zentrum der Antisozialität genauso wie manipulatives und oft auch gewalttätiges Verhalten. Im Hintergrund stehen meist kognitive Grundannahmen, wie „meine Interessen sind wichtiger“, „ich lasse mir von keinem etwas sagen“, „ich mache mir alle Regeln selbst“ oder „die anderen sollen gefälligst tun, was ich will“.

Die impulsive Persönlichkeit wirkt auch oft antisozial. Im Unterschied zur ausschließlich antisozialen Persönlichkeit ist sie aber weniger strategisch und manipulativ, sondern kann sich viel schlechter steuern und kontrollieren. Wenn es etwa gilt, wahrgenommene oder auch nur diffus gespürte Bedürfnisse zu befriedigen, vergisst die impulsive Persönlichkeit Vorsätze und Regeln, um zu ihrem vermeintlich einzig wichtigen Ziel zu kommen. Daraus entstehen oft automatisierte unbewusste Verhaltensroutinen bis hin zu Zwängen.

Die narzisstische Persönlichkeit muss sich selbst in den Mittelpunkt stellen, um das Gefühl der Wichtigkeit zu erlangen und nicht an Selbstwertmangel zu leiden. Sie braucht kontinuierlich Bestätigung und Aufmerksamkeit. Sie verhält sich wie ein Luftballon, der ständig mit heißer Luft aufgepumpt werden muss. Im Grunde überdehnt sie die Grenzen ihres kleinen Ichs und kann damit andere nachhaltig schädigen. Wenn andere sie dann einschränken, empfindet sie dies schnell als Herabsetzung oder Kränkung. Entweder sie setzt sich an die Spitze der Bewegung oder sie rebelliert dagegen und hintertreibt die geforderten Veränderungen. Dieses Verhalten zeigt sie auch in der Krise, denn für die jetzige krisenhafte Situation der Gesellschaft gilt, dass die sonst mehr oder weniger kaschierten Persönlichkeitsanteile nunmehr unter Stress deutlicher und intensiver hervortreten.

Von der Wahrnehmung über die Verarbeitung zur Abwehr

Verschiedene Menschen verfügen über unterschiedliche Verarbeitungs- und in der Folge Abwehrmechanismen. Diese Binnenheterogenität innerhalb gewisser Grenzen entspricht dem Wesen des Menschen und der Unterschiedlichkeit innerhalb der Spezies. Merkmale, die besonders starke Unterschiede zwischen Menschen bedingen, sind Geschlecht, Alter und Kultur.

Ein geringes bis mittleres Ausmaß an Abwehr ist jedoch normal und dient durchaus der psychischen Gesundheit. Ein völlig ungeschütztes Wahrnehmungssystem würde jeden Menschen rettungslos überfluten, zu emotionaler Überregung führen und in extreme Ängste und Aggressionen münden. Gerade im Bereich Geschlecht bestehen erhebliche Unterschiede, z.B. hinsichtlich Angst- und Aggressionsneigung. Ersteres zu Lasten der Frauen, letzteres zu Lasten der Männer. Männer zeigen durchschnittlich riskanteres und grenzüberschreitenderes Verhalten, was in der heutigen Krise auch zu deutlichen Nachteilen – mehr für die Gesellschaft als Ganzes als für sie selbst – gereichen kann.

In den freiheitsbeschränkenden Zeiten der Corona-Krise verstärken die Informationen und wahrgenommenen „Realitäten“ die Ängste der Angstbereiteren und die Aggressionen der Aggressionsbereiteren. Mit anderen Worten: Krise, Stress und Einschränkungen lassen die tieferen Charakterzüge der Menschen zu Tage treten und besser erkennen als der oft oberflächliche und glatt geschliffene Alltag.

Kognitive Abwehr

Kognitive Abwehr kann über die Lebensspanne zu einer Gewohnheit und damit Teil der Persönlichkeit geworden sein. Dies zeigt sich dann in der Unterdrückung bestimmter Informationen bis hin zur völligen Ignoranz auf der einen Seite oder der Übertreibung und selektiven Erinnerung angstauslösender Inhalte von Informationen.

Bekannt in diesem Zusammenhang ist etwa der Unterschied zwischen Sensitizer (eine Person, die übermäßig ängstlich und emotionalisierbar ist und in für andere harmlosen Situationen „die Flöhe husten hört“) und Repressor (eine Person, die sämtliche Warnzeichen unterdrückt oder verzerrt und etwa eine Erkrankung erst wahrnimmt, wenn die resultierenden Schmerzen schon extremste Formen angenommen hat). In Bezug auf die Corona-Krise besteht der Unterschied zwischen diesen beiden Wahrnehmungs- und Persönlichkeitsmustern darin, dass eine Person jedes Halskratzen oder Husten für das sichere Anzeichen einer Infektion hält, während die andere Person die Symptome von potentiell Infizierten und eigene starke Krankheitssymptome immer noch als leichte Erkältung abtut. Beide Muster dienen im Grunde der Abwehr von Unsicherheit und Angst, von denen das Individuum unbewusst glaubt, sie nicht bewältigen zu können, sind also Zeichen der Ich-Schwäche.

Und was ist das mit den Abwehrmechanismen?


Natürlich ist das psychische Geschehen, wenn das ICH unter Druck gerät, um ein Vielfaches komplexer als im letzten Abschnitt dargestellt. Wichtig sind zum vertieften Verständnis nunmehr jedoch die Grundzüge der Symptome der im Alltag vordergründig oft unverständlichen oder gut kaschierten Abwehrmechanismen. Deshalb jetzt hier das volle Programm der seit Sigmund Freud – und teilweise von ihm selbst schon – beschriebenen Abwehrmechanismen der Psyche gegen Angst, chronische Überforderung und Stress:

Die vier Abwehrmechanismen des niedrigsten Strukturniveaus

(1) Spaltung

(2) Projektive Identifikation

(3) Idealisierung

(4) Autoaggression

Diese vier Abwehrmechanismen bilden sich sehr früh im Leben eines Kleinkindes heraus, wenn grundlegende Bedürfnisse, vor allem nach Sicherheit, Versorgung und sicherer Bindung nicht (ausreichend) erfüllt werden. Insgesamt werden negative Erfahrungen und schlechte Anteile des Beziehungsobjekts (z.B. der Mutter) abgespalten und meist auf andere Personen – und im Extrem auf sich selbst – gerichtet. In der Corona-Krise kann hier die rücksichtslose Gleichgültigkeit gegen sich selbst, die Besetzung von Rollen des Gut und Böse mit Personen aus dem sozialen Nahfeld (Nachbar 1 böse, Nachbar 2 gut) oder der Politik geschehen.

Die Abwehrmechanismen des mittleren Strukturniveaus

(5) Verleugnung

(6) Regression

(7) Reaktionsbildung

Unter Verleugnung wird verstanden, dass man sich weigert, Ereignisse oder Verhaltensweisen überhaupt als real oder geschehen zur Kenntnis zu nehmen. Der Nutzen besteht nun darin, sich vor starken Bedrohungen, Ängsten oder Rückmeldungen zu schützen, sich subjektiv zu immunisieren, weil man fürchtet, all dem nicht gewachsen zu sein und final zu kollabieren. Derzeit berichten Sicherheitskräfte immer wieder von Menschen  in der Öffentlichkeit, die sagen, es gäbe kein Corona-Virus. Neben einer Demenzproblematik kommt hier vor allem der Abwehrmechanismus der Verleugnung als Erklärung in Frage.

Regression bedeutet den Rückschritt auf eine frühere, unreifere Entwicklungsstufe, z.B. vom Jugendlichen zum Kind. Als Kind brauche ich nicht so viel Verantwortung für mein eigenes Verhalten zu übernehmen und habe dadurch einen subjektiven Gewinn. Reaktionsbildung schließlich beinhaltet, dass angstbesetzte Wünsche in ihr Gegenteil verkehrt und übertrieben ausagiert werden.

Die Mechanismen des höchsten Strukturniveaus

Das höchste Strukturniveau, also die am weitesten fortgeschrittene gesunde psychologische Entwicklung in der frühen Kindheit, wird durch folgende Abwehrmechanismen charakterisiert:

(8) Rationalisierung

(9) Verschiebung

(10) Sublimierung

(11) Verdrängung.

Rationalisierung umfasst das Bemühen, das eigene Verhalten vor sich und anderen zu rechtfertigen. Man redet sich ein, dass es vernünftig und verstandesgemäß ist, selbst wenn es offenkundig irrational ist. Dies kann bedeuten, dass man sich Argumente, die plausibel klingen, gebaut hat, um den Sinn einer Quarantäne zu bezweifeln. Der berühmteste Abwehrmechanismus, die Verdrängung, dass angsterzeugende Reize ins Unterbewusstsein abgeschoben werden, und damit dem Bewusstsein im Alltagsbereich nicht mehr zugänglich sind.

Fazit


Die kursorische Betrachtung der Persönlichkeitsmerkmale und Abwehrmechanismen zeigt, dass es eine Vielzahl unterschiedlicher Muster im Umgang mit Krisen und Stress gibt. Es geht nun darum, in der Krise neue Wege zu gehen, die Krise als Chance der Veränderung zu begreifen. Sei es, dass ein Mann über seine Ängste vor Krankheiten spricht, eine Frau ihre starke Seite im Umgang mit Menschen, die sich nachlässig verhalten, ausbaut, oder dass Jugendliche ihr Herz für ältere Menschen am Beispiel ihrer Großeltern entdecken, stets geht es um die Möglichkeit neuer Wege.

Für jeden steckt neben den scheinbar nur zu erduldenden Veränderungen des Alltags in der krisenhaften Entwicklung auch die Chance, sich genauer kennenzulernen und graduell zu verändern. Denn in der Krise werden wir für eine gewisse Zeit zu einer schrilleren Version unserer Selbst. Persönlichkeitsmerkmale gelten nämlich als schwer veränderbar, aber auch hier steckt die Chance in der Stärke des Veränderungsdrucks. Nie ist es so einfach sich zu verändern wie in schweren Zeiten!

Möchten Sie sich zu weiteren psychologischen Fragestellungen rund um die Corona-Krise informieren? Besuchen Sie meine „Sonderkategorie: COVID-19„.