Männer und Sucht – Teil III: Prävention, Empfehlungen und Lösungen

Um die im zweiten Teil beschriebenen elf Hauptrisikofaktoren für eine Suchtentwicklung bei Männern in präventive Handlungsstrategien umzusetzen,  ungünstige Entwicklungen zu verhindern und das Entwicklungspotential von Jungen weitestgehend zu fördern, braucht es neben allgemeinen etablierten vor allem innovative, geschlechtersensible Präventions- und Hilfestrategien. Diese werden im Folgenden kursorisch beschrieben. Die relevanten Implikationen für Jungenarbeit, Jugendhilfe, Prävention und Suchthilfe kommen dabei evident zu Tage. Jungen brauchen heutzutage stärker denn je eine Lobby für Hilfen in Familien, Schule, Gesellschaft und Medien.

Die Risikofaktoren einer Suchtentwicklung oder anderen psychischen Störung können gesenkt und abgeschwächt werden, wenn Gesellschaft, Politik, Medien und Wissenschaft sich den Bedürfnissen der Jungen in der heutigen Gesellschaft offen und empathisch zuwenden. Davon sind wir leider heutzutage noch sehr weit entfernt. Besonders die Fachkräfte der Suchthilfe, aber auch in der Kinder- und Jugendmedizin, Psychotherapie und im Bildungswesen können viel tun, um bessere Entwicklungswege für Jungen im 21. Jahrhundert zu ermöglichen. Dazu bedarf es auch einer kritischen Auseinandersetzung mit der Gegenwartskultur, die Jungen zunehmend vernachlässigt, pathologisiert und marginalisiert. Was gegen diese unerfreuliche Gegenwartsentwicklung und für ein besseres Gelingen getan werden sollte und könnte, lesen Sie im Folgenden.

Rollenmuster 

Das klassische männliche Rollenmodell gilt es zu modernisieren und zu flexibilisieren, ohne die positiven Aspekte des Mannseins und die grundlegenden Anforderungen an das Mannsein aufzugeben. Stärke, Gelassenheit, Souveränität, Autonomie- und Bindungsfähigkeit sowie Mitgefühl und Emotionsregulation sind Eigenschaften, die Männer auf jeden Fall entwickeln und aufweisen sollten – und wenn sie in der Kindheit gute Rollenmodelle dafür haben, gelingt dies besonders gut. Starke und zugleich liebevolle Väter sind eine besonders wichtige Voraussetzung hierfür.

Jungen brauchen keine verunsicherten, sondern starke und empathische Väter. Jungen tut es nicht gut, wenn Männer in Medien und Öffentlichkeit als toxisch, gefährlich oder tollpatschig und lebensuntüchtig dargestellt werden. Das männliche Rollenmodell im 21. Jahrhundert, das auch vor Sucht schützen sollte, muss eine Synthese aus Stärke, Empathie, Fürsorge und Selbstbewusstsein darstellen. Das alte Rollenmodell hat gerade auch Männer selbst geschädigt, sie abhängig und gehorsam gemacht von vermeintlichen Autoritäten, ihr Leben insgesamt beeinträchtigt und verkürzt. Daher muss das neue Rollenmodell den Jungen und Männern mehr Freiheit und Selbstbestimmung bringen. Das umfasst auch die Abkehr von suchterzeugenden Haltungen und Verhaltensweisen. Denn das Wesen der Sucht (engl. addiction) ist die Unfreiheit, die innere Versklavung.

Selbstbewusste, sensible Jungen

Wenn Jungen die genannten Eigenschaften – vor allem Stärke und Sensibilität zugleich – frei von Stress und Überforderung entwickeln können, sind sie gut gegen Suchtentwicklungen geschützt. Im Kern geht es um die Entwicklung ihrer vitalen Grundbedürfnisse, wie Glück, Zugehörigkeit, Selbstwertgefühl, Lust. 

Dafür sollten sie frühzeitig Unterstützung bei der Entwicklung ihrer Emotionen, ihrer Haltungen sich selbst und anderen gegenüber und eines gesunden Selbstwertgefühls erhalten. Eltern, Großeltern, Erzieher und Lehrer sind hier wichtige Akteure, deren Bemühungen koordiniert in ein balanciertes Junge-Sein führen können. Mit Balanciertheit ist der Ausgleich zwischen Stärke und Schwäche, Risiko und Vorsicht, Mut und Ängstlichkeit gemeint. Hier helfen besonders männliche und noch besser väterliche und großväterliche Rollenmodelle. Die wichtigste Voraussetzung ist, dass Väter anwesend sein können und wollen, wenn ihre Kinder aufwachsen. Noch immer gibt es in Deutschland in dieser Hinsicht kein zeitgemäßes Trennungs- und Scheidungsrecht.

Jährlich verlieren in mehr als 100.000 Fällen Kinder den Kontakt zum bindungswilligen Vater durch ein ungerechtes Scheidungsfolgensystem, das die Väter systematisch benachteiligt. Väter sollten genügend Zeit und Gelegenheit haben, mit ihren Kindern zusammen zu sein, weder durch übermäßige Arbeitsbelastung noch durch ungerechte Umgangsregelungen nach Scheidung von ihren Kindern entfremdet werden. Das Recht auf Vater-Kind-Umgang muss nach Trennung/Scheidung genauso selbstverständlich sein wie das des Mutter-Kind-Umgangs. Eltern sollten – ggf. auch mit Beratungsunterstützung, Streitschlichtung, Mediation u.ä. – in die Lage gebracht werden, nach Trennung und Scheidung gleichberechtigt und fair für ihre Kinder Mutter und Vater zu bleiben. 

Vom Jungen zum Mann – Schwierigkeiten in einem männerfreien Schul- und Bildungssystem

Neben den Eltern spielen – ab der frühen Jugend – die Peers eine entscheidende Rolle für die psychische Gesundheit einerseits und die Entwicklung eines problematischen Substanzkonsums andererseits. Jungen müssen ganz allgemein ausreichend Gelegenheit haben, neben Mitgefühl und Empathie vor allem auch ihren Explorationstrieb, ihre Neugierde, ihre körperbetonte Agilität und ihren Mut zu entwickeln. Neben den Eltern fällt hier dem Bildungssystem (Kindergarten, Schule) und darin den Freunden und Gleichaltrigen eine besonders wichtige Rolle zu.

Die Förderung jungenspezifischer Optionen stößt im Bildungssystem auf große Schwierigkeiten, da es nach Jahrzehnten der Fehlentwicklung weitgehend „entmannt“ ist. In Kindergärten und Grundschulen sind weniger als 15% männliche Fachkräfte tätig. Es fehlen überall männliche Vorbilder und Identifikationspersonen. Dies trifft besonders die Jungen in Großstädten, die in bis zu 35% aller Fälle ohne einen Vater aufwachsen müssen oder nur minimalen Kontakt zum Vater haben. Der ungünstige Zustand im weiblich dominierten Bildungssystem, besonders im Primarbereich, müsste sich zum Nutzen aller künftigen Männer – und dadurch auch nutznießenden Frauen – dringend und schnellstens ändern und zu mehr Ausgewogenheit gebracht werden. In einem weitgehend männerfreien Schul- und Bildungssystem haben es Jungen vergleichsweise viel schwerer als Mädchen, eine stabile, balancierte und klare Geschlechtsidentität zu erlernen. Erschwerend kommt hinzu, dass sie zu oft völlig oder weitgehend ohne Vater aufwachsen müssen.

Um Männer zu werden, brauchen Jungen viel mehr geschlechtssensible Erziehung

Für Jungen ist es wichtig, im Kontext von Familie und Schule ihre Grenzen zu erproben, den Umgang mit Aggressivität und Konfliktlösungen zu erlernen sowie sich Selbstwert und Emotionsregulation anzueignen. Moderne Bildungssysteme müssen im Sinne einer umfassenden mentalen und psychischen Gesundheitsförderung und Prävention neben den geschlechtsunspezifischen Bedürfnissen immer fokussierter auch die geschlechtsspezifischen Anteile von Jungen und Mädchen berücksichtigen. Sie sollten nicht die Erziehung zu männlicher Identitätsfindung verweigern und die entwicklungspsychologische Förderung der geschlechtsspezifischen Aspekte von Jungen vernachlässigen oder gar unterlassen.

Um Männer zu werden, brauchen Jungen viel mehr geschlechtssensible Erziehung.

Dies geschieht derzeit allzu oft aus ideologischen Gründen oder aufgrund mangelnder jungenspezifischer Förder- und Erziehungskompetenz. Was gar nicht geschehen darf, ist, Jungen den Eindruck zu vermitteln, sie seien aufgrund ihres Geschlechtes defizitär oder gar gefährlich, wie dies im Konzept der „toxischen Männlichkeit“ (siehe ausführlicher „Stimmung machen gegen Männer als Geschäftsmodell – toxische Männlichkeit und die gesellschaftliche Realität“) ungerechterweise und unter Vernachlässigung der Merkmale und Realitäten der Mehrheit der Männer geschieht. 

Wenn Jungen keine Akzeptanz für sich erfahren und abgelehnt werden, wächst die Gefahr, dass sie sich mit ebenfalls zurückgewiesenen anderen Jungen zusammentun. Auf diese Weise können Peer-Gruppen entstehen, die den marginalisierten Jungen im Binnenverhältnis Aufwertung und Selbstwertgefühl geben, sich gegenüber anderen Gruppen aber abkapseln und isolieren. Dann sind in den marginalisierten Peer-Gruppen oft auch früher Substanzkonsum und riskantere Verhaltensweisen zu finden. Auch radikalisierte und deviante Muster können entstehen. Derartige Entwicklungen können nur durch frühzeitige Integrations- und Akzeptanzbemühungen aufgehalten und im Idealfall verhindert werden. Der frühe Alkohol- und Drogenkonsum dient dann als Zeichen der Nonkonformität, der Ablehnung der Mehrheitsgesellschaft und zur Übersteigerung der eigenen expansiven Verhaltenstendenzen. 

Mit Problemen und Emotionen erfolgreich umgehen lernen

Kinder sollten außerdem frühzeitig und kontinuierlich adäquate Problemlösefähigkeiten und Emotionsregulationskompetenzen erwerben können. Dies geschieht am besten durch Lernen: Ausprobieren, Versuch und Irrtum, Modelllernen sind wichtige Bereiche gelingenden Lernens. Auch hier sind wieder neben den allgemeinen Förderansätzen geschlechtsspezifische Zugänge nötig. Jungen weisen andere neurobiologische Regulationsprozesse für Kognitionen und Emotionen auf – mehr Impulsivität, andere Wahrnehmungs- und Reizschwellen, weniger Verbalisierung –, auf die entsprechend einzugehen ist. Diese frühen Unterstützungen bei der Emotionsverarbeitung und Emotionsregulation sind für Jungen von großer Bedeutung, um späterhin nicht eskapistische, vermeidende Problemlösemuster zu entwickeln.

Jungen müssen nicht lernen mit Emotionen umzugehen wie Mädchen, das würde sie zu Kopien des anderen Geschlechts machen, was in der späteren Entwicklung zu Identitäts- und Selbstwertproblemen führen kann. Zentral ist, dass sie in ihren Verhaltens- und Erlebensmustern verstanden werden und sensible Reaktionen („Antworten“) erhalten. Dies geschieht vor allem durch engagierte, anwesende Väter, auch im Umgangsrecht nach Scheidung, wo das Wechselmodell in Deutschland endlich als anzustrebendes Regelmodell verankert werden sollte. Der berühmte amerikanische Psychologe Philip Zimbardo („Why boys are failing?“) hat in den letzten 15 Jahren solche Präventions- und Förderansätze für Jungen entwickelt, die in Deutschland bislang leider noch zu wenig Beachtung gefunden haben.

Jungen brauchen glaubwürdige Vorbilder

Jungen brauchen außerdem Vorbilder für Mut und Zivilcourage, damit sie nicht von Peers, insbesondere solchen, die etwas älter sind als sie selbst, manipuliert und zu Konformität gebracht werden. Es ist eine wichtige Kompetenz in Gruppen Jugendlicher, dem Peer-Druck widerstehen zu können und eigenverantwortliche Entscheidungen zu treffen. Dies gilt besonders für Alkohol-, Tabak- und Drogenkonsum und deviante Verhaltensweisen und betrifft daher häufiger Jungen als Mädchen. Jungen brauchen glaubwürdige Vorbilder und Anleitung, wie sie am besten soziale Zugehörigkeit und Autonomie unter einen Hut bringen können. Auch hierfür sind Väter, Stiefväter und Großväter ideal, wenn sie ihre Aufgabe verstehen und mit Herzblut ausführen. Natürlich können auch Erzieher, Lehrer, Sozialarbeiter hier wichtige Arbeit leisten und viel Gutes bewirken. 

Sozialverhalten will gelernt sein! Wie werde ich ein richtiger Mann?

Auch im Sozialverhalten brauchen Jungen passende Unterstützung und Vorbilder, am besten durch männliche Modellpersonen. Gerade introvertierte oder ängstliche Jungen benötigen Akzeptanz für ihr So-Sein, aber auch Unterstützung und Hilfen für ein gelingendes Leben im sozialen Kontext. Im postmodernen Alltag werden sie oft den extravertierten und selbstbewussten Jungen gegenüber benachteiligt. Auch wenn es darum geht, Mädchen oder Frauen kennenzulernen, wird von ihnen Aktivität und Selbstsicherheit erwartet.

Ebenso sollten Jungen mit Auffälligkeiten, wie z.B. Adipositas, Sprachproblemen und Stottern, passende Akzeptanz und Unterstützung erhalten. Meist werden sie in der Schule diskriminiert oder gemobbt. Im Schulsystem muss konsequent gegen Mobbing, dass sich meist auf Schwächere oder Andersartige bezieht, vorgegangen werden. Auch Kinder und Jugendliche können schon sehr starke Einsamkeitsgefühle entwickeln, die sie bis zur Suizidalität führen. Davon sind diskriminierte Kinder und Jugendliche besonders betroffen. Aber auch frühzeitiger Substanzkonsum ist bei den beschriebenen Interaktionsproblemen eine häufige Reaktion, aber auch Scheinlösung. Akzeptanz, unbedingte Wertschätzung und Anleitung zu gelingendem Verhalten sind wichtige Interventionen, welche die betroffenen Kinder und Jugendlichen erhalten sollten. 

Die Verhinderung einer Suchterkrankung beginnt in der Kindheit

Suchterkrankungen haben oft einen jahrzehntelangen Verlauf und bringen den Betroffenen und Angehörigen viel Leid. Sie zu verhindern oder frühzeitig zu lindern, ist eine besonders wichtige Aufgabe des Hilfesystems. 

Wie soll das wichtige Modelllernen für Jungen gelingen, wenn keine Modelle vorhanden sind oder wenn diese nicht geeignet sind? Gesellschaftlich herrscht immer noch zu wenig Interesse an der Entwicklung von Jungen. Sie sind diesbezüglich in einem deutlich Nachteil gegenüber Mädchen. Die Jungenarbeit führt inzwischen selbst in der Sozialen Arbeit ein Rand- und Schattendasein. Diese Vernachlässigung kann als gender-empathy-gap, ein systematischer Mangel an gesellschaftlichem Interesse an Jungen und Männern interpretiert werden (vgl. Dr. John A. Barry: „Can psychology bridge the gender empathy gap?“).

Und wenn die Entwicklung von Jungen gesellschaftlich thematisiert wird, dann geht es meist darum, dass Jungen den Feminismus und den Wertekanon der Transgender-Gesellschaft akzeptieren sollen. Viel zu selten werden ihnen Hilfen zur Entwicklung der Männlichkeit gegeben, die ihren natürlichen Anlagen und häufigsten Zielen entspricht. Auch sollten die Themen, wie sie zu Männern mit Selbstwertgefühl, Gelassenheit, Stärke, Ausstrahlung und Empathie werden können, ganz im Vordergrund stehen. Schließlich sind männliche Sexualität und Erotik zentrale Themen, die abseits von Rollen- und Leistungsdruck, aber auch ohne Dominanz von Themen sexueller Minderheiten in der Familie, aber auch in Schule und Medien, erörtert werden sollten.  All dies sind wichtige suchtpräventive Maßnahmen, da Jungen mit psychischer Stärke und Gelassenheit am besten gegen psychische Probleme – und insbesondere Sucht – geschützt sind. 

Annähernd gleich viele Neuerkrankungen und Heilungen jährlich 

Die jährliche Inzidenz, die Rate für Neuerkrankungen, für Suchtstörungen bei Männern liegt bei etwa 100.000 Personen, davon überwiegend jüngere. Betroffen sind diese Männer dann von Alkohol- oder Drogenabhängigkeit, aber ebenso auch Glücksspielsucht, Onlinesucht oder Sexsucht, häufig besteht dann auch eine Komorbidität in Bezug auf zwei oder mehr Abhängigkeiten. Mit anderen Worten: Innerhalb von 10 Jahren entwickeln 1 Mill. Männer neu eine Abhängigkeitserkrankung. Diese hohe Zahl zeigt, wie schwerwiegend das Problem ist und wie wenig erfolgreich geschlechtssensible, jungen- und männerspezifische Suchtprävention bisher ist. Jedes Jahr schaffen es aber auch mehr als 100.000 Männer, ihre Sucht zu bewältigen, aus eigener Kraft, mit ihren Familien, mit Hilfe von Suchtselbsthilfegruppen oder mit professioneller psychotherapeutischer Hilfe. 

Durch die große Zahl der Neuerkrankungen bleibt die Gesamtzahl der suchtkranken Männer seit vielen Jahren annähernd konstant ist. Dieser Zustand sollte im Sinne der Förderung der psychischen Gesundheit, der Verbesserung von Lebensqualität und der Erhöhung der Lebenserwartung von Männern zum Besseren geändert werden. Hier sind Gesundheitspolitik, Prävention und Bildungswesen in der Pflicht für Verbesserung zu sorgen. Jungen müssen der Gesellschaft genauso viel wert sein wie Mädchen, die „BoyCrisis“, von den meisten Verantwortlichen noch gar nicht wahrgenommen, muss schnellstens beendet werden. 

Geschäftsmodell feministische Jungenarbeit – ein No-Go!

Dass Jungen automatisch toxische Entwicklungsrisiken in sich tragen und spätestens in der Jugend mit den Konzepten der feministischen Bewegung in Kontakt gebracht werden müssen, hat sich bei vielen jüngeren Pädagoginnen und Pädagogen als Standarddenkmodell der Jungenarbeit etabliert. Für die Nützlichkeit dieses Vorgehens liegen keinerlei Evidenzen vor. Es ist ideologisch motiviert und sollte ein baldiges Ende zugunsten eines umfassend jungen- und geschlechtssensiblen Modells finden. 

Dass es inzwischen bundesweit immer mehr Ansätze für feministische Jungen- und Männerarbeit gibt, liegt nicht daran, dass diese vermehrt von Jungen oder ihren Eltern nachgefragt werden, sondern dass sie von Seiten der öffentlichen Träger bevorzugt gefördert werden. Sie stellen immer mehr das geförderte und propagierte Standardmodell der Jungen- und Männerarbeit dar. Dieser in eine einseitige Richtung zielende Hintergrund ist gefährlich und riskant zugleich, da er den Jungen und Männern im Grunde das Recht auf Selbstbestimmung und eigene Identitätsentwicklung abspricht und damit auch weitgehend nimmt. Feminismus hat sich stets als parteiische Arbeit für Mädchen und Frauen verstanden. Wie kann aus dieser Perspektive jetzt Jungen einen Weg in ein gelingendes Leben als Männer angeboten werden? Dies erscheint mir mehr als rätselhaft.

Es gibt darüber hinaus keinerlei belastbare Daten, dass die feministische Erziehung von Jungen zu positiven Ergebnissen bei den Heranwachsenden führt. Aus Überlegungen psychologischer Plausibilität heraus ist eher das Gegenteil anzunehmen. Jungenarbeit, geschlechtersensible Förderung von Jungen, männerspezifische Suchtprävention und weitergehende Hilfen sollten in erster Linie von Jungen- und Männerexperten, männlichen Betroffenen (Selbsthilfebewegung) und wohlmeinenden humanistischen Experten angeboten werden. Feminismus ist kein Bereich, der die Förderung psychischer Gesundheit von Jungen entscheidend beeinflussen sollte (weiteres dazu unterStimmung machen gegen Männer als Geschäftsmodell – toxische Männlichkeit und die gesellschaftliche Realität“).

Jungen müssen der Gesellschaft wieder wichtig und wertvoll werden

Jungen sind bislang die Verlierer im 21. Jahrhundert. Dies bezieht sich auf Bildung, Familien und Medien. Sie tragen damit die Konsequenzen des überbordenden radikalen Feminismus, der schon weitgehend Normalitätscharakter in Medien und Politik, aber auch im Bildungssystem angenommen hat. Soll es nicht zu einer „verlorenen Generation“ psychisch instabiler, suchtgefährdeter Männer kommen, die gehäuft auch Bildungs- und Beziehungsverlierer sind, muss endlich gegengesteuert werden. Das Konzept des Gender-Empathy-Gap beschreibt, dass Gesellschaft, Politik, Medien, aber auch Fachkräfte gegenüber dem Leid und den Problemen von Jungen deutlich gleichgültiger sind als bei Mädchen.

Dafür gibt es viele empirische und experimentelle Beispiele. Im Hintergrund herrscht die oft unbewusste Haltung, dass Jungen es ohnehin aus eigener Kraft schaffen müssen, dass sie sowieso stärker sind oder dass sie einfach weniger wert sind, weil sie zum „toxischen Geschlecht“ gehören. Jungen können starke und sensible Männer werden, die auch viel besser vor Sucht geschützt sind, wenn ihre Bedürfnisse, Eigenarten und Besonderheiten wahrgenommen, akzeptiert und sozial-integrativ gefördert werden. Möglich ist es, es sollte auch geschehen! 

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