Einsamkeit und Sucht: Einsame Menschen mit Suchterkrankung – Suchtkranke mit Einsamkeitsproblemen

Immer mehr Menschen klagen heutzutage über Einsamkeitsgefühle. Das Phänomen hat in den Monaten der coronabedingten Lockdown- und Isolationsmaßnahmen zugenommen. Dies trifft auf Suchtkranke noch mehr zu als auf Menschen in der Bevölkerung insgesamt, was einen Zusammenhang zwischen Substanzkonsum und Einsamkeitsproblemen nahelegt. Die Suchttherapie sollte sich dem Thema und den Begleit- und Folgesymptomen von Einsamkeit stärker stellen. Zu den Hintergründen von Einsamkeitserleben und den Möglichkeiten, das Problem in der Suchttherapie aufzugreifen, wird im Folgenden berichtet. Der Zusammenhang zwischen Sucht und Einsamkeit kann zweiseitig sein: Einsame Menschen mit Suchterkrankung, die infolge ihrer Einsamkeit verstärkt Substanzen konsumieren sind ebenso zu finden wie Suchtkranke, die im Rahmen ihrer Suchterkrankung immer mehr vereinsamen und in Isolation geraten. Es geht also um ein zweigesichtiges Thema, wenn Sucht und Einsamkeit in den Fokus genommen werden. Die bislang wenig beachteten Ursachen, Zusammenhänge und Hilfen bei chronischer Einsamkeit und Sucht stehen im Fokus des Beitrags.

Einsamkeit als Qual

Einsamkeit ist heutzutage ein weitverbreitetes Phänomen, das trotzdem immer noch stark tabuisiert ist. Eine wesentliche Ursache für verstärkte soziale Isolation, die oft der Einsamkeit zugrunde liegt, ist in der Zunahme von Single-Haushalten zu finden, die in Großstädten oft schon mehr als die Hälfte aller Haushalte ausmachen. Mehr als 20% aller Menschen bezeichnen sich als einsam, 5%-10% sogar als häufig oder sehr häufig einsam (Krieger & Seewer, 2022). Chronische Einsamkeit ist mit höheren Prävalenzen für Sucht, Depression und soziale Ängstlichkeit verbunden. Verschiedene Untersuchungen fanden auch eine durchschnittlich kürzere Lebenserwartung bei hocheinsamen Menschen. Gerade bei den häufig und stark Einsamen besteht ein starker Leidensdruck. Es ist davon auszugehen, dass die Quote der Einsamen bei Psychotherapiepatienten noch höher liegt. Auch wenn Einsamkeit als solche keine psychische Störungsdiagnose darstellt, ist sie eng mit verschiedenen Störungsbildern assoziiert und sollte deshalb im Rahmen einer Psychotherapie routinehaft erfragt und – im Falle von Problemen – mitbehandelt werden.

Grundverständnis von Einsamkeit 

Zwei Formen von Einsamkeit werden unterschieden: Soziale und emotionale Einsamkeit. Soziale Einsamkeit bedeutet die faktische Isolation von anderen Menschen und das weitgehende oder vollständige Abgetrenntsein von Kontakten. Im Grunde handelt es sich nur im weiteren Sinne um Einsamkeit. Es ist in Wirklichkeit soziale Isolation, die dann Einsamkeitsgefühle erzeugt. Die emotionale Komponente von Einsamkeit bezieht sich auf das als schmerzhaft erlebte Gefühl, mit anderen Menschen nicht in Verbindung zu stehen.

Diese Form der Einsamkeit kann also auch von Menschen erlebt werden, die über Kontakte zu anderen verfügen. Sie wird dann auch als Einsamkeit unter Menschen bezeichnet. Soziale Isolation ist eine Beschreibung des sozialen Zustands eines Menschen, emotionale Einsamkeit ein selbstbewerteter, stark negativ bewerteter Zustand des schmerzhaften Getrenntseins von anderen. Dabei erleben die Betroffenen sich außerstande, Intimität und Nähe zu anderen zu empfinden. Sie berichten dabei meist von lange währenden Problemen hinsichtlich ihres Zugehörigkeitsgefühls zu anderen, auch nahestehenden, Personen. Bei beiden Formen von Einsamkeit ist zwischen überdauernder, chronischer und vorübergehender, situativer Einsamkeit zu unterscheiden. Die chronische Einsamkeit stellt ein psychologisch und gesellschaftlich besonders schwerwiegendes Problem dar

Merksatz 1: Einsamkeitsprobleme haben in der Bevölkerung zugenommen. Es wird bei Einsamkeit einerseits zwischen sozialer Einsamkeit (Isolation) und emotionaler Einsamkeit (schmerzhaftes Unverbundensein) und andererseits zwischen vorübergehender und überdauernder Einsamkeit unterschieden.

Das leidvolle innere Erleben macht den Unterschied

Der zentrale Aspekt von Einsamkeit ist die aversive, schmerzliche Erfahrung von defizitärer Nähe. Dies kann eine qualitative und/oder quantitative Erfahrung sein. Die qualitative Komponente entspricht dem Gefühl der Unverbundenheit mit anderen Menschen, die quantitative dem Mangel an sozialen Kontakten. Einsamkeit tritt im Bewusstsein einer Person auf, wenn diese die schmerzhafte Erfahrung macht, dass ihr soziales Umfeld und ihr Bezug zu diesem nicht ausreichen, ihre Bedürfnisse nach Bindung, Akzeptanz, Selbstwert und Nähe zu befriedigen. Hinzu kommt meist, dass dieser Zustand als nicht veränderbar und nicht kontrollierbar erlebt wird, was die negative Qualität der Einsamkeitserfahrung verstärkt. Einsamkeit kann insofern als intrapsychisch wahrgenommene psychische und soziale Isolation verstanden werden, da dieses Erleben von außen im Regelfall nicht beobachtbar ist.

Kulturgeschichte und Gegenwart

In der Kulturgeschichte wurde Einsamkeit nicht immer automatisch mit einem negativen Zustand und Erleben gleichgesetzt. Lange Zeit galt Einsamkeit als Möglichkeit, Gott nahe zu sein, zu sich zu kommen und Gedanken und Gefühle zu ordnen. Der selbst gewählte Rückzug in das Einssein mit sich wurde als vorteilhaft und notwendig angesehen. Vor allem diente es der inneren Sammlung und Klärung sowie der Nähe zu Gott. 

In der Sprache gibt es verschiedene Wörter für das Bedeutungsfeld „Einsamkeit“: Alleinsein, Einsamkeit, Solitüde, auch Muße ist eng mit diesen Bedeutungen verwandt. Ab dem späten 19. Jahrhundert setzte eine Negativierung des Wortes Einsamkeit ein, die sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch beschleunigte. Das Erleben und Ertragen von Alleinsein kann jedoch für Menschen auch zur Quelle von psychischer Kraft und Resilienz werden. Dies sollte nicht vergessen werden und im Kontext von Prävention und Therapie psychischer Probleme stärker denn je mitbedacht und praktiziert werden. Entscheidend dabei ist, dass Menschen bewusst Phasen des Alleinseins zur Rekreation, Entspannung und Selbstfindung nutzen, diese Zeiten aber auch wieder selbstbestimmt beenden und in soziale Kontakte wechseln. Die Selbstbestimmung über Alleinsein und Miteinandersein ist im Kontext von Autonomie und Abhängigkeit eine wichtige Möglichkeit zur Förderung der psychischen Gesundheit.

Zahlen und Fakten

In Deutschland berichten 10% der Erwachsenen, dass sie sich oft oder sehr oft einsam fühlen. Zählt man diejenigen hinzu, die berichten, dass sie sich manchmal einsam fühlen, steigt der Wert auf 30% (Krieger & Seewer, 2022). Mehr als 10% der Erwachsenen beklagen eine psychisch schwer zu ertragende Einsamkeit. Diese erzeugt Stress und Unwohlsein. Das soziale Isolationsrisiko steigt zwischen dem 40. und 90. Lebensjahr relativ kontinuierlich von 4% auf 22% (Huxhold & Engstler, 2019). Das emotionale Einsamkeitsrisiko andererseits verläuft U-förmig. In der Adoleszenz steigt es zunächst an, erreicht ein Plateau im mittleren Erwachsenenalter, nimmt im Alter von 40 bis 65 ab, um danach wieder anzusteigen. 

Bei Männern steigt das Risiko sozialer Isolation über die Altersspanne von 40 bis 90 Jahren relativ gleichmäßig von 5% auf 20% an. Frauen erleben zunächst einen schwächeren Risikoanstieg, der sich im Rentenalter jedoch beschleunigt, so dass sie im Alter ab Ende 70 ähnlich häufig sozial isoliert sind wie Männer. Dies hängt aber stark damit zusammen, dass sie doppelt so oft ihren männlichen Partner durch Tod verlieren als umgekehrt. Durch ihre Verwitwung erleiden sie oft soziale Isolation und in der Folge Einsamkeitsprobleme. 

Männer und Einsamkeit – kommt hier zusammen, was zusammenpasst?

Zuvor haben Männer mehr als drei Lebensjahrzehnte lang vom Alter Anfang 40 bis Mitte 70 ein höheres Isolationsrisiko als Frauen. Im mittleren Erwachsenenalter zwischen 40 und 60 Jahren berichten Männer etwas häufiger von Einsamkeitsgefühlen als Frauen. Der Geschlechterunterschied nimmt mit steigendem Alter ab und dreht sich im Verlauf des Rentenalters um, so dass im hohen Alter mehr Frauen als Männer einsam sind. Mit 90 Jahren haben Frauen ein Risiko von 14 Prozent einsam zu sein (Huxhold & Engstler, 2019). Auch hier dürfte das häufigere Leben als Witwe im Vergleich zum Dasein als Witwer die entscheidende Rolle spielen.

Einsamkeit und psychische Störungen

Für beide Geschlechter besteht ein erhöhtes Risiko einer Suchterkrankung bei vorausgehenden Einsamkeitsproblemen. Einsamkeit unter Menschen mit einer psychischen Störung ist höher als bei nicht Betroffenen. Bei Depressiven sind relevante Einsamkeitsprobleme um das 3-4-fache höher, bei Suchtkranken meist um das 2- bis 2.5-fache erhöht (Klein, 1992). Die Entstehung von Einsamkeit wird durch die Selbstwahrnehmung der eigenen Situation und deren Bewertung vermittelt. So empfinden depressive Menschen ihre soziale Lage und ihr Abgeschnittensein von anderen intensiver und schwerer. Auch Impulsivität spielt beim Einsamkeitsempfinden eine vergrößernde Rolle (Clay & Parker, 2020).

Merksatz 2: Mehr als 20% der Erwachsenen beschreiben sich als einsam. Im mittleren Erwachsenenalter sind Männer stärker betroffen, danach berichten mehr Frauen von Einsamkeit.

Grundsätzlich können Einsamkeitsprobleme bei allen psychischen Störungen auftreten. Besonders eng sind sie mit folgenden Krankheitsbildern assoziiert: Affektive Störungen, Suchtkrankheiten, Essstörungen, soziale Phobie, ADHS, Autismus, Persönlichkeitsstörungen (insbes. Borderline-Persönlichkeitsstörungen BPS, Schizoide PS). Mehrfach bestätigt wurde auch der Zusammenhang zwischen vorab bestehender hoher Einsamkeit und exzessivem Smartphonegebrauch bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen (Mahapatra, 2019). Die Funktionalität besteht dabei vor allem darin, die Einsamkeitsgefühle zu reduzieren und somit einen Beitrag zur Selbstregulation zu leisten.

Die Zusammenhänge zwischen den einzelnen Störungsbildern und Einsamkeitserleben können durchaus unterschiedlich sein, sind jedoch immer Ausdruck zwischenmenschlicher und emotionaler Probleme. Personen mit sozialer Phobie erleben sich als unfähig, Kontakte zu anderen Menschen herzustellen und geraten damit in Isolationsgefahr. Menschen mit BPS erleben immer wieder Unverständnis, Zurückweisung und Stigmatisierung für ihr Verhalten, so dass soziale und emotionale Einsamkeit entsteht. Bei affektiven Störungen fehlt der Antrieb, auf andere Menschen zuzugehen. Ebenso erzeugt negatives Denken Misserfolgserwartungen und Feindseligkeit gegenüber anderen, was ebenfalls Einsamkeitszustände erzeugt und verstärkt.

Merksatz 3: Einsamkeit spielt bei der Entstehung zahlreicher psychischer Störungen eine relevante Rolle, insbesondere bei Depression, Sucht und sozialer Phobie. 

Die Rückbezüglichkeit von Einsamkeit auf psychische Probleme

Einsamkeit führt oft zu erhöhtem Substanzkonsum und macht Menschen dann süchtig, aber Sucht zieht auch häufig Vereinsamung nach sich (vgl. Klein, 1992). Beide Phänomene zeigen sich in der Forschung und ebenso in der Therapiepraxis. Der Anteil chronisch einsamer Menschen ist unter Suchtkranken mit 35% deutlich erhöht (Klein, 1992). Viele Suchtkranke benennen Einsamkeit als Entstehungsursache und/oder längerfristige Konsequenz ihrer Erkrankung. Als Entstehungsursache beschreiben viele, dass sie durch den Substanzkonsum eine Dämpfung der unangenehmen Einsamkeitsgefühle erleben und sich durch die enthemmende Wirkung von Alkohol und anderen Substanzen angstfreier und ungehemmter verhalten können. Dies reduziert Isolation und Einsamkeitsgefühle, was zu einer Gewohnheitsbildung des Substanzkonsums bei Einsamen führt.

Einsamkeit als Folgeerscheinung der Sucht tritt aufgrund von sozialem Rückzug, Stigmatisierung und Marginalisierung ein. Je mehr die Folgen der Sucht sichtbar werden, desto mehr werden Betroffene stigmatisiert oder stigmatisieren sich selbst. Stereotype vom willenlosen Säufer, dem wohnungslosen Penner oder dem gewaltaffinen Junkie, die noch unbewusst tief in den Köpfen der Bevölkerung vorhanden sind, sorgen für eine Abwertung und Ausgrenzung der chronisch Suchtkranken. Sie werden deutlich stärker als andere Gruppen psychisch Kranker ausgegrenzt.

Einsamkeit in der Ätiologie der Sucht hat insgesamt verschiedene Ursachen, wie soziale Isolation, unsichere Bindungserfahrungen, frühe Traumatisierung und emotionale Regulationsstörungen. Suchttherapie sollte Einsamkeit daher unbedingt als Problemfeld mitberücksichtigen und Lösungsansätze (Selbstkommunikation, Selbstakzeptanz, Förderung der sozialen Kompetenzen usw.) anbieten. Dies stellt auch einen wichtigen Beitrag zur Rückfallprävention und zur Verhinderung depressiver und suizidaler Entwicklungen dar. Denn einsame Suchtkranke nach einer abgeschlossenen Therapie werden um bis zu 25% häufiger rückfällig als solche ohne persistierendes Einsamkeitsproblem. Einsamkeit und Sucht als interagierende Symptomfelder beziehen sich sowohl auf Substanz- als auch auf Verhaltenssüchte. In der Behandlung aller Suchtstörungen sollte daher Einsamkeit als mögliches Problemthema Berücksichtigung finden. 

Henne-oder-Ei-Problem. Was war zuerst da: Einsamkeit oder Sucht?

Chronische Einsamkeit kann vor dem Eintritt einer Suchterkrankung bestehen (ca. 2/3 aller Fälle). Substanzkonsum dient dann der Sedierung und Regulation der als unerträglich und unauflösbar empfundenen Einsamkeitsgefühle. Viele suchtkranke Männer berichten, dass sie noch nie eine längere Partnerbeziehung hatten oder nach einer gescheiterten Partnerbeziehung nicht mehr eine intensive Zweierbeziehung fanden. Sie befinden sich dann in einer Situation chronischer Einsamkeit, oft ohne Kompetenzen, sich selbst daraus zu befreien. Beide Konstellationen stehen eng mit Substanzkonsumproblemen und depressiven Problemen in Zusammenhang. Chronisch Suchtkranke erleben Diskriminierung und Exklusion, vor allem durch die Konsequenzen ihrer Suchterkrankung, wie z.B. äußerliche und innerliche Verwahrlosung, Langzeitarbeitslosigkeit, Wohnungsverlust, Psychiatrieaufenthalte oder Beschaffungskriminalität. Dadurch treten zu den schon bestehenden Isolationsproblemen verstärkte Einsamkeitszustände auf. Einsamkeit kann somit auch die langfristige Folge einer Suchterkrankung sein. Gerade für chronisch Suchtkranke verändert sich die Lebenssituation aufgrund von sozialem Abstieg, Arbeitsplatzverlust und Scheidung oft so nachhaltig, dass dauerhafte soziale Isolation und Kontaktverluste die Konsequenz sind.
Einsamkeit steht bei psychischen Störungen, vor allem bei Sucht und Depression, also in einem zweiseitigen Verhältnis („Henne-Ei-Phänomen“). Einerseits können Einsamkeitsgefühle zur Entstehung der Störung beitragen, andererseits verstärkt die vorhandene psychische Störung das Einsamkeitserleben, sowohl in sozialer als auch in emotionaler Hinsicht. Diese Biphasigkeit im Auftreten von Einsamkeit – Einsamkeit, die schon vor der Suchtstörung besteht und sich dann bei Chronifizierung der Krankheit verstärkt – ist in der Behandlung der Sucht unbedingt zu berücksichtigen, vor allem in der Anamnesestellung als auch in der Therapieplanung.

Fallbeispiel 

Harald (45 Jahre, Einzelkind) ist ein beruflich sehr engagierter Informatiker, der seit seiner Trennung verstärkt unter Einsamkeitsgefühlen leidet. Seine Frau Anna warf ihm schon seit Jahren vor, dass er sie nicht verstehe und keine Gefühle zeige. Seit der Trennung sieht er die beiden Söhne (6 und 3 Jahre) nur noch selten. Anna versucht, die vereinbarten Umgangszeiten immer wieder mit anderen Terminen und Verpflichtungen seitens der Kinder zu umgehen. Haralds Arbeitsleistungen haben in den letzten Monaten stark nachgelassen. Er ist immer unkonzentrierter, leicht reizbar und leidet unter Schlafproblemen. Er fühlt sich sinnlos und ertappt sich immer wieder bei dem Gedanken, dass er einen Autounfall erleiden könnte, den er herbeigeführt habe. Diesen Gedanken findet er zunehmend anziehend.

Mit seinen Eltern hat er kaum Kontakt. Sein Vater ist seit der Scheidung der Eltern vor mehr als 35 Jahren kaum mehr präsent gewesen. Seine Mutter macht ihm Vorwürfe, dass er sich nicht genügend um seine Familie gekümmert habe. Er sei ja auch als Kind schon immer ein Einzelgänger gewesen und sie sehe seinen Vater in ihm, den sie besser niemals geheiratet hätte. Gerade an Abenden und Wochenenden spürt Harald seine Einsamkeit verstärkt. Er kann sich auch kaum mehr zu seinem früher sehr geliebten Sport (Jogging, Mountain-Bike) aufraffen. Er hat sich auch immer mehr von seinem einzigen Freund zurückgezogen. Telefonanrufe von diesem nimmt er meist nicht an. 

Harald hat früher wenig Alkohol getrunken, höchstens zwei- bis dreimal in der Woche eine Flasche Bier oder ein Glas Wein. Seit der Trennung von Anna haben sich seine Trinkmengen kontinuierlich gesteigert. Er kann unter Alkohol besser abschalten und seine Sorgen und Gedanken wegdrücken. Auch fühle er sich nicht mehr einsam, solange die Alkoholwirkung stark ist. Er trinkt inzwischen bis zu 3 Liter Bier und eine Flasche Wodka täglich. In der Firma haben seine Leistungen nachgelassen und man habe ihm schon einmal nahegelegt, eine „Kur“ zu machen.

In einem Fernsehbeitrag über Einsamkeit sieht sich Harald so exakt beschrieben, dass er den dortigen Ratschlag, eine Psychotherapie zur Überwindung der Probleme zu beginnen, aufgreift und sich bei einem niedergelassenen Psychotherapeuten anmeldet. Die aus seiner Sicht übermäßig lange Wartezeit überbrückt er auf den Rat des Therapeuten hin mit Anrufen bei der Telefonseelsorge (0800-1110222) und mit psychologischen Online-Beratungsdiensten (wie etwa www.instahelp.me). Dem Psychotherapeuten hat er zunächst nichts von seinem exzessiven Alkoholtrinken berichtet, vor allem weil er sich deshalb sehr schämt.

Diagnostik von Einsamkeit 

Zur Diagnostik von Einsamkeit stehen verschiedene Instrumente zur Verfügung. Der bekannteste und weltweit verbreitetste Test ist die UCLA-Loneliness Scale, die derzeit in der dritten Auflage vorliegt (hier finden Sie die deutsche Fassung). Eine deutsche Neukonstruktion und Validierung veröffentlichten Döring & Bortz (1993). Der Fragebogen besteht aus 20 Items, die jeweils vierstufig skaliert sind. Ab einem Punktwert von 44 ist von einer stark ausgeprägten Einsamkeit auszugehen, Werte zwischen 33 und 43 entsprechen einer mittelgradigen Einsamkeit. Cacioppo & Patrick (2011, S. 7, 345-346) liefern den Test in deutscher Übersetzung mit den Auswertungshinweisen.

Die UCLA-Loneliness Scale kann auch im Prä-Post-Design zu Veränderungsmessung in einer Therapie eingesetzt werden. Für Kontexte, in denen die 20-Item-Version nicht praktikabel ist, liegt inzwischen eine validierte englischsprachige 8-Item-Version vor. Zur Diagnostik von Einsamkeit kann auch eine Single-Item-Question im Format „Fühlen Sie sich oft einsam?“ oder „Erleben Sie täglich oder fast täglich Einsamkeitsgefühle?“ benutzt werden. Diese schafft im Sinne einer Screening-Diagnostik schon Einblick in ein mögliches Einsamkeitsproblem, was dann weiter zu explorieren ist. 

Die Konsequenzen der Einsamkeit

Wenn Einsamkeit als Problem ungelöst und unbehandelt bleibt, drohen eine verschiedene Folgeprobleme. In etlichen Einzelstudien wurden diese Risiken eruiert und analysiert (siehe Baumeister et al. 2002; Cacioppo & Patrick, 2011). Zu den wichtigsten Resultaten zählen eine Zunahme negativer selbst- und fremdbezogener Gedanken, eingeschränkte kognitive Kapazität aufgrund erhöhten Stresserlebens, eine Erhöhung impulsiven Verhaltens, vor allem in den Bereichen Essen, Alkoholtrinken und Internetgebrauch und Feindseligkeit, aber auch Abnahme von Selbststeuerungskompetenz und Optimismus. Die zahlreichen negativen Konsequenzen chronischer Einsamkeit legen nahe, dass Frühintervention und Prävention besonders wichtige Handlungsstrategien darstellen. Menschen sollten nicht länger in Einsamkeit verharren müssen, weil die Gefahr von Sekundärproblemen zu groß ist.

Therapiepraxis mit hocheinsamen suchtkranken Menschen

Die Psychotherapie und Suchttherapie haben sich bislang zu wenig mit einsamen, insbesondere hocheinsamen, Menschen beschäftigt. Dies liegt wohl vor allem daran, dass Einsamkeit keine psychopathologische Diagnose darstellt und daher nur als ein Begleitsymptom beschrieben wurde. Seitdem transdiagnostische Konzepte stärkere Berücksichtigung finden, ändert sich die Situation jedoch. Einsamkeit wird hier als Ausdruck sozialer und emotionaler Defizite gesehen. 

Merksatz 4: In jeder Psychotherapie sollte das Vorhandensein von Einsamkeitsproblemen eruiert werden. Liegen solche vor, sind sie in der lfd. Therapie mitzubehandeln. Dafür bestehen zahlreiche erprobte therapeutische Möglichkeiten für Einzel- und Gruppentherapie, inzwischen auf im Online-Format.

In jeder Psychotherapie sollte das Ausmaß des Einsamkeitserlebens der Patientin bzw. des Patienten abgeklärt werden. Ist ein Entstehungs- und Bedingungsmodell für erhöhtes Einsamkeitserleben vorhanden, sollten therapeutische Interventionen zur Verbesserung angewendet werden. Grundsätzlich ist eine starke personenzentrierte Haltung besonders geeignet, um eine tragfähige, vertrauensvolle Beziehung gerade zu hocheinsamen Menschen herzustellen. Diese wird durch gezeigte Empathie (akzeptierende und vertiefende Empathie nach Egan, 2001) hergestellt. Durch eine hochempathische Therapie entsteht eine enge Bindung mit positiven, vertrauensvollen Beziehungsqualitäten zwischen Patient und Therapeut, die es diesem oft erstmals ermöglicht, sich bezüglich seiner sozialen und emotionalen Einsamkeitsproblemen zu öffnen. Speziell für Probleme im Bereich der Selbstakzeptanz, der emotionalen Intimität und des Zugehörigkeitsgefühls ist eine empathisch-akzeptierende Haltung des Therapeuten besonders wichtig.

Für hocheinsame Menschen kann eine Einzeltherapie bestehende Probleme im sozialen und emotionalen Bereich sowie komorbide Probleme lösen. Gerade bei sozialer Isolation und Ängstlichkeit sollten auch gruppentherapeutische Verfahren zum Einsatz kommen. Wegen der schweren Erreichbarkeit hocheinsamer Menschen bieten sich zunächst niedrigschwellige digitalisierte Hilfen an, wie sie derzeit an der Universität Bern im Rahmen des Projekts SOLUS („Internetbasierte Selbsthilfe zur Reduktion von Einsamkeitsgefühlen“) erprobt werden. Im Rahmen eines zehnwöchigen Online-Programms werden Maßnahmen zur Verringerung von Einsamkeitsgefühlen und zur Steigerung des Wohlbefindens erprobt. Manualisierte Therapieprogramme sind empfehlenswert, insbesondere das Gruppentraining für soziale Kompetenz (GSK) oder Programme für spezielle Subgruppen, wie etwa das Programm MIASA (Miteinander im Alter statt alleine; Klein et al. 2020). Einen aktuellen Überblick zur Psychotherapie für hocheinsame Menschen liefern Krieger & Seewer (2022). 

Leitsätze und Tipps für betroffene Patienten

(1) Mache einen ersten Schritt auf andere zu! Springe bewusst über Deinen Schatten!

(2) Begegne Menschen, die Dir sympathisch sind, mit einem Lächeln!

(3) Pflege Deine Freundschaften mit Sorgfalt und Regelmäßigkeit!

(4) Denke positiv über Dich und die Menschen, die Dir wichtig sind!

(5) Nimm Dir Zeit für Dich selbst ebenso wie für andere!

(6) Es braucht keinen Alkohol oder Drogen, um Einsamkeit zu überwinden!

(7) Auf Dauer macht Suchtmittel einsam und helfen nichts!

Kernaussagen: 

Einsamkeit ist in der heutigen Zeit weit verbreitet und gleichzeitig hochgradig tabuisiert.

Es ist zwischen sozialer und emotionaler Einsamkeit zu unterscheiden.

Die Lebensphasen mit dem höchsten Einsamkeitserleben liegen in der Jugend, Adoleszenz und im höheren Alter.

Männer und Frauen sind ähnlich stark von Einsamkeit betroffen, Männer stärker im mittleren Erwachsenenalter, Frauen stärker im höheren Alter. 

Einsamkeit kann psychotherapeutisch gut behandelt werden. 

Geeignete Verfahren sind personenzentrierte Therapie, Einzel- und Gruppentherapie, manualisierte Programme zur Verbesserung der sozialen Kompetenz und des Selbstwertgefühls. 

Key Phrases:

Loneliness nowadays is widespread and uncommon though highly tabooed. 

It has to be distinguished between social and emotional loneliness.

The life phases with highest loneliness are youth, adolescence and senior age. 

Men and women are similarly concerned by loneliness problems, men more during middle adulthood, women more during older age. 

Loneliness can be treated effectively by psychotherapy. 

Suitable psychotherapeutic interventions are person-centered therapy, single and group therapy, manualized programs for social competence and self-esteem. 

Literatur zu Einsamkeit und Sucht: 

Baumeister, R. F., Twenge, J. M., & Nuss, C. K. (2002). Effects of Social Exclusion on Cognitive Processes: Anticipated Aloneness Reduces Intelligent Thought. Journal of Personality and Social Psychology, 83, 817-827. https://doi.org/10.1037/0022-3514.83.4.817

Cacioppo, John T. & Patrick, W. (2011). Einsamkeit – Woher sie kommt, was sie kommt, wie man ihr entrinnt. Heidelberg: Spektrum Akademischer Verlag. 

Clay, J.M. & Parker, M.O. (2020). Alcohol use and misuse during the COVID-19 pandemic: a potential public health crisis. The Lancet. Public Health 5(5), e259. 

Döring, Nicola & Bortz, Jürgen (1993). Psychometrische Einsamkeitsforschung: Deutsche Neukonstruktion der UCLA Loneliness Scale. Diagnostica 39(3), 224 – 239.

Egan, Gerard (2001). Helfen durch Gespräch: Ein Trainingsprogramm für helfende Berufe. Weinheim: Beltz.

Huxhold, O., & Engstler, H. (2019). Soziale Isolation und Einsamkeit bei Frauen und Männern im Verlauf der zweiten Lebenshälfte. In C. Vogel, M. Wettstein, & C. Tesch-Römer (Hrsg.), Frauen und Männer in der zweiten Lebenshälfte: Älterwerden im sozialen Wandel (S. 71-89). Wiesbaden: Springer VS. https://doi.org/10.1007/978-3-658-25079-9_5

Klein, M.  (1992). Einsamkeit und Isolation bei Suchtkranken. In: Klein, M., Quinten, C. & Roeb, W. (Hrsg.): ABHÄNGIGKEIT SUCHT BEZIEHUNG. Beziehungs- und Interaktionsverhalten im Suchtkontext. Bonn: Nagel, S. 63 – 76 (= Schriftenreihe des Fachverbandes Sucht e.V.; 11).

Klein, M., Kölligan, V., Dauter, S., Zorn, K. & Keller, K. (2020). Mittendrin im Alter statt allein (MIASA). Ein Gruppenprogramm zur Einsamkeitsreduktion und Förderung der sozialen Teilhabe älterer Menschen. Göttingen: Hogrefe. 

Krieger, Tobias & Seewer, Noemi (2022). Einsamkeit. Göttingen: Hogrefe (= Reihe Fortschritte der Psychotherapie; Band 85).

Mahapatra, S. (2019). Smartphone addiction and associated consequences: Role of loneliness and self-regulation. Behaviour & Information Technology 38(8), 833-844.

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