Corona, Opioide und der Rest – Substanzkonsum, Suchtstörungen und Corona-Pandemie

Ein globaler Blick – USA, Corona und Opioidkrise

Mehr als 2 Mill. US-Amerikaner gelten als Opioidmissbraucher, viele von ihnen abhängig,  durchschnittlich 130 von ihnen sterben täglich an den Folgen ihrer Abhängigkeit und den Beschaffungsbedingungen des illegalen Marktes. Im Jahr 2018 starben 46.000 US-Amerikaner an einer Drogenüberdosis, nicht nur, aber meistens waren Opioide beteiligt.

Dass nun die Corona-Pandemie die USA so besonders hart betrifft, ist für die dortigen Drogenabhängigen ein besonderes Risiko. Denn der Alltag in der Corona-Pandemie erzeugt für Drogenabhängige einen hohen Stress: Die Drogenbeschaffung ist schwieriger und oft auch riskanter, der Stoff ist bisweilen von geringerer Qualität, nicht immer ist die Versorgung gesichert und die Geldbeschaffung (Betteln, Diebstähle, Prostitution, andere Kleinkriminalität) ist erschwert. Und dies alles vor dem Hintergrund eines oft geschwächten Immunsystems und chronischer Erkrankungen. In etlichen, besonders benachteiligten US-Regionen mit einer hohen Zahl von Opioid-Abhängigen (z.B. West Virginia, Ohio, Kentucky) hat die Zahl der berichteten Drogennotfälle zugenommen. Diese hängen oft direkt oder indirekt mit der Corona-Pandemie zusammen.

Irrationales Denken – eine Spezialität von Suchtkranken

Besonders ironisch ist, dass viele Drogenabhängige glauben, dass sie durch die erlebten Härten ihres Alltags gegen eine Corona-Infektion gefeit – sozusagen abgehärtet – seien. Dies ist genauso ein gefährlicher Aberglaube wie der in Russland weit verbreitete Satz, dass Wodka den Rachen gegen das Corona-Virus desinfiziere. Suchttherapeuten  wissen, dass dies der typische Denkstil vieler Suchtkranker ist: Verzerren, verleugnen, immunisieren, vergessen usw. Meist geht es darum, den eigenen Lebensstil und die Ignoranz gegenüber dem bekanntermaßen gefährlichen Virus vor sich selbst zu rechtfertigen. Kognitive Dissonanzreduktion heißt dieses seit mehr als 65 Jahren in der Sozialpsychologie bekannte, vordergründig widersprüchliche Phänomen. Es aufzulösen und zu reflektieren hilft auch in der konkreten Therapie der Suchtstörung.

Die Lage in Deutschland

Einem ausländischen Betrachter mag die Situation der Drogenabhängigen in Deutschland vergleichsweise unproblematisch vorkommen. Vergleichsweise niedrige Zahlen, viele niedrigschwellige Hilfen und ein gut ausgebautes und finanziertes Substitutionssystem. Doch auch hierzulande drohen durch die Corona-Pandemie Risiken, die durchaus ernst zu nehmen sind.

Durch die Schließung oder schlechtere Erreichbarkeit mancher niedrigschwelligen Hilfen haben die Drogenabhängigen schlechteren Zugang zu Spritzentausch, Konsumräumen und anderen medizinischen Hilfen und zeigen in der Folge riskantere Konsumverhaltensweisen. Dies kann sich langfristig negativ auf die Zahl der Hepatitis-C und HIV-Infektionen auswirken. Die Zahl der Take-Home-Dosierungen bei der Substitution der Heroinabhängigen (ca. 80.000 Personen) hat unter der Corona-Krise zur Vermeidung von Kontakten in Arztpraxen zugenommen. Vordergründig eine passable Lösung, aber mit Risiken im Hintergrund hinsichtlich einer Zunahme des illegalen Handels mit der Substanz.

Was die Praxisstellen der Drogenhilfe zur Corona-Krise sagen

In einer schon Ende April 2020 veröffentlichten Untersuchung der Drogenforscher Bernd Werse und Luise Klaus von der Universität Frankfurt wurden erste Risiken deutlich. Dazu wurden Drogennotdienste, Substitutionspraxen und Beratungsstellen in 21 deutschen Großstädten befragt. Die Rückläufe der Fachkräfte zeigen, dass in mehr als der Hälfte der Städte über eine schlechtere Stimmung unter den Drogenabhängigen berichtet wird. Die Möglichkeiten der Geldbeschaffung hätten sich deutlich erschwert. Der Drogenmarkt sei weitgehend stabil, teilweise seien die Preise gestiegen  oder der Stoff unreiner als zuvor. Es seien teilweise deutlich mehr illegal gehandelte Substitutionsmittel in der Szene. Bislang seien keine bzw. wenige Sars-CoV-2 Infektionen unter Drogenabhängigen bekannt.

Die Problemgruppen der Corona-Pandemie innerhalb der Drogenabhängigen

Psychisch kranke DrogengebraucherInnen und drogenabhängige SexarbeiterInnen seien aufgrund der derzeitigen Restriktionen im öffentlichen Leben besonders betroffen, z.B. werde ein höheres Infektions- und Gewaltrisiko angenommen.

Außerdem können die sozialen Distanzierungsregeln dazu führen, dass Drogenabhängige mit Überdosierung nicht rechtzeitig genug Hilfen erhalten. Die Abgabe von Naltrexon bei Opioidüberdosierung – eine in den USA weit verbreitetes Notfallmaßnahme, auch durch Polizisten und Sozialarbeiter – ist unter den Corona-Abstandsregelungen  und durch den weitreichenden Shut-Down gefährdet.

Die Erschwerung des illegalen Drogenschmuggels kann Produzenten und Dealer dazu verführen, andere Substanzen beizumengen und so die Gefährlichkeit der auf dem Markt befindlichen Substanzen zu erhöhen, ohne dass dies von den Konsumierenden zunächst bemerkt wird.

Menetekel für Deutschland?

Die Corona-Pandemie ist für DrogengebraucherInnen und Substituierte besonders belastend: Viele haben Grunderkrankungen und ein geschwächtes Immunsystem und sind deshalb besonders gefährdet. Der Gesetzgeber hat nun die Verschreibung und Abgabe von Substitutionsmitteln vorübergehend erleichtert und auch für bisher nicht Substituierte ermöglicht. Eine genaue Übersicht zu den erleichternden Substitutionsregelungen während der Corona-Pandemie finden sich hier.

Nach wie vor zeigt ein Blick in die Situation der Drogenabhängigen in anderen Ländern, dass die Situation in Deutschland stabil und geordnet ist. Die derzeitige weltweite Krisensituation muss also kein Menetekel für die Drogenabhängigen in Deutschland sein. Im Gegenteil kann deutlich werden, dass das Drogenhilfesystem in Deutschland als integraler Teil des gesamten Gesundheits- und Sozialwesens die Krise in geeigneter Form bewältigt. Besonders ist jetzt auf die wohnungslosen und schwer psychisch kranken Drogenabhängigen zu achten. Spezielle alltagsnahe Hilfen sollten hier das Überleben und die Gesundheit sichern.

Und was ist mit Alkohol? – Alkoholverbote im Zuge der Corona-Krise?

In manchen Ländern gab es in den letzten Wochen auch erhebliche Einschränkungen und Verbote in Bezug auf Alkohol. Solche Ideen werden in Deutschland gar nicht erst erwogen. Wohl auch gut so. Denn spätestens seit der US-Alkoholprohibition 1920-1933 ist bekannt, dass die Vorteile der Prohibition (Reduktion von Alkoholkonsum und alkoholbedingten Folgeerkrankungen) durch erhebliche Nebenwirkungen (Zunahme von illegaler Produktion, Schmuggel und mafiösen Strukturen) erkauft werden. Nun kamen Regierungen wie in Südafrika und in einzelnen indischen Bundesstaaten aus Angst vor unkontrollierten Massenansammlungen unter Alkoholeinfluss während der Corona-Krise auf die Idee, völlige Alkoholverbote über viele Wochen zu erlassen. In Südafrika wurden in der Folge Lager, in denen noch Gin und Bier vorhanden waren, des Nachts überfallen und geplündert.

Alkohol lässt die sozialen Distanzen schmelzen

Natürlich ist es richtig anzustreben, den Alkoholkonsum während der Corona-Krise einzuschränken, vor allem um im öffentlichen Raum und in den Familien Gewalt unter Alkoholeinfluss – ein durchaus häufiges Phänomen – einzudämmen. Insbesondere die Abstandsregeln dürften unter Alkoholeinfluss schnell ignoriert werden. Nicht umsonst gilt Alkohol als „Wundermittel“ zur Herstellung sozialer Nähe. Wie so oft in der Substanzpolitik braucht es smarter Lösungen, um das angestrebte Ziel zu erreichen. Hierzu zählen moderate Preiserhöhungen, Einschränkungen der Verkaufszeiten, Information und Motivierung der Öffentlichkeit sowie Anreize für einen geringeren Konsum.

Selbstgebrautes Ananasbier in der Krise – der südafrikanische Weg

In Südafrika hat zuletzt der Verkauf von Hefe und Ananas spürbar zugenommen! Ein untrügliches Zeichen für den privaten Braubetrieb des beliebten Ananasbieres DjuDju. Angeblich eines der leckersten Biere der Welt, sagen Kenner des afrikanischen Biermarktes. Uns Deutschen ist dieses Bier aufgrund der 500-jährigen Geschichte des Reinheitsgebots weitgehend unbekannt. Vielleicht ja sogar schade, zumindest was die sonst so oft bemühte Diversität angeht. Das DjuDju-Bier wird online – historisch und ethnisch etwas popularisiert (Hauptsache lecker, ist da wohl die Devise!) – beworben:

Das Bier DjuDju Pineapple wird nach afrikanischem Rezept aus Ghana mit der exotischen Ananas gebraut. Der Name DjuDju geht auf die spirituellen Priester und Heiler aus dem Voodoo-Kult zurück, wo die Medizin meist in flüssiger Form hergestellt und von Jungfrauen in einer Calabash Schale gereicht wurde. Es wird obergärig in Konzession in Belgien auf Basis von Witbier gebraut.“ 

Smarte Substanzpolitik – gerade in der Krise

Die aktuellen Abläufe in Südafrika zeigen, dass völlige Substanzprohibition ein wenig geeigneter Weg zur Lösung echter oder vermeintlicher Krisen ist – seien sie nun substanzkonsum- oder pandemiebedingt. Smarte Ansätze in der Substanzpolitik kombinieren effektive Präventions- und Versorgungskonzepte für verschiedene Bevölkerungsgruppen in kluger Weise. Deutschland steht besser da als die meisten anderen Länder der Welt. Aber es geht noch besser! Die Bewältigung der Pandemie-Krise ist auch ein Prüfstein für bessere Substanz- und Suchthilfepolitik.

Tipp:

Einen weiteren interessanten Artikel zum Thema finden Sie hier: „Drogenkrise: Wie die Epidemie in Zeiten des Coronavirus die USA geißelt