In Japan sollen die Jungen mehr Alkohol trinken

Japan hat ein Alkoholproblem der besonderen Art. Jedenfalls aus Sicht der nationalen Steuerbehörde NTA. Die Japaner trinken seit der Corona-Pandemie nicht mehr genügend Alkohol. Die traditionell in Gruppen nach Feierabend sehr trinkfreudigen jungen japanischen Männer ziehen sich eher in ihr Privatleben zurück und haben in Scharen dem nunmehr als riskant empfundenen Trinken in geselliger, aber auch enger, Runde entsagt. Und die ältere Generation – knapp 30% der Japaner sind über 65 Jahre alt – trinkt ohnehin deutlich weniger. Also sollen jetzt nach dem Willen der National Tax Agency NTA die Jungen, vor allem zwischen 20 und 39 Jahren, ran und für die Staatskasse wieder vermehrt trinken. Vor Corona hatte sich die Trinkfreude mengenmäßig in den letzten 25 Jahren ohnehin schon um mehr als 20% reduziert. Wohl auch ein Ergebnis gesteigerter Sensibilität, was Gesundheit, Familienleben und Wohlbefinden angeht.

Hintergründe der Pro-Alkohol-Kampagne

Hinter der Kampagne zum verstärkten Trinken steht ein Problem mit stark sinkenden Alkoholsteuereinnahmen, das die japanische Steuerbehörde nun mit positiven Anreizen zum Alkoholtrinken beheben will. Der NTA geht es ums Geld: Seit 1980 ist der Anteil von Alkoholverkäufen an den japanischen Steuereinnahmen von 5.0% auf 1.7% Jahr 2020 gesunken ist, herrscht dort verstärkte Sorge um den ohnehin schon maroden japanischen Staatshaushalt.

Alleine im Coronajahr 2020 fielen die Einnahmen um mehr als 110 Milliarden Yen auf 1.13 Billionen Yen, umgerechnet ein Rückgang um 800 Mill. € auf 9.5 Mrd. €. Dies entspricht einem Einnahmerückgang von knapp 8% bei den Alkoholsteuern in einem Jahr. Die japanische Regierung war bisher davon ausgegangen, dass die Einnahmen durch die Alkoholsteuer eine relativ stabile Größe in ihrem Haushalt darstellen. Das Gegenteil zeigte sich nun aber während der Corona-Pandemie. Da die jungen Japaner das Alkoholtrinken in Gesellschaft dem häuslichen Trinken in der Familie oder gar dem einsamem Trinken im Home-Office deutlich vorziehen, kam es zu einem scharfen Rückgang beim Alkoholkonsum.

Gebot der Stunde: Mehr trinken!

Die japanische Steuerbehörde hat nun wegen der stark rückläufigen Alkoholsteuereinnahmen das Programm «Sake Viva!» ins Leben gerufen, welches das Trinken wieder attraktiver machen soll. Sake, das traditionelle japanische Lieblingsgetränk ist ein aus Reisvergärung hergestellter Schnaps. «Sake Viva!» (サケビバ!) stellt einen Wettbewerb für 20 bis 39 Jahre alte Menschen dar, die Geschäftsideen entwickeln sollen, wie der Konsum von Sake, Shochu, aber auch Whisky, Bier und Wein angekurbelt werden soll. Bis zum 9. September 2022 sind Vorschläge junger Japaner erwünscht, wie durch neue Produkte, optimiertes Design, verbesserte Verkaufsmethoden oder sonstige Innovationen der Alkoholkonsum wieder angekurbelt werden kann. Am 10. November 2022 soll eine interne, von der Steuerbehörde zusammengestellte, Jury die Sieger bekannt geben, die natürlich auch ein Preisgeld aus den Steuereinnahmen erhalten. Die Kampagne richtet sich bewusst nur an junge Japaner, weil dort die stärksten Potentiale zum Mehr-Trinken erwartet werden.

Nomikai – Gemeinsames Firmentrinken nach Feierabend

Viele Unternehmen in Japan erwarten von ihren Mitarbeitern, dass diese an Nomikaiteilnehmen, dem gemeinsamen Feiern, Reden, Essen und Trinken. Dabei geht die Belegschaft nach Feierabend gemeinsam in IzakayaKneipen oder zum Karaoke, isst und trinkt gemeinsam. Alkoholkonsum wird nicht verlangt, oftmals trinken die Teilnehmer im Laufe des Abends aber erhebliche Mengen. Ziel des Nomikai ist es, die Kommunikation und Kohäsion in den Teams zu stärken. Die regelmäßige Teilnahme am Nomikai galt bislang als wichtige Voraussetzung für Karriere und beruflichen Aufstieg. Für das Familienleben war es oftmals eine starke Belastung.

Japaner haben ein genetisch begründetes Problem beim Alkoholtrinken

Viele Japaner haben jedoch, wie andere Asiaten auch, ein genetisch begründetes Problem beim Alkoholtrinken. Nach einem Bier, einem Wein, einem Whisky oder einem Sake folgt sogleich ein rotes Gesicht oder rote Flecken am Hals, oft verbunden mit Magenschmerzen, Schwindel und Übelkeit. Ein übliches Bild, das man in Japan beim beliebten After-Work-Drinking unter männlichen Büroangestellten öfters sieht. Der Grund dafür ist eine Genmutation. Es braucht für die Verarbeitung des Alkohols und dessen Abbauprodukte, die Acetaldehyden, die beiden Enzyme ADH1B und ALDH2. Bei rund einem Drittel der Japaner sind diese jedoch, insbesondere ALDH2, inaktiv oder schlicht zu wenig vorhanden. Im Grunde ein Schutzmechanismus gegen übermäßiges Alkoholtrinken, es sei denn man trinkt gegen diese Schwäche an, was besonders durch Gruppendruck bei den früher beliebten After-Work-Runden geschah. 

Gesichtsrötungen, Schwellungen, Herzrasen oder ein schnell einsetzender Rausch mit Schwindel und Übelkeit nach schon geringem Alkoholkonsum sind typische Symptome dieser Alkoholintoleranz, die weltweit bei etwa 8% der Menschen vorkommt. Demnach wären mindestens 550 Millionen Menschen davon betroffen, ein beträchtlicher Teil davon ist asiatischer Herkunft. Schätzungsweise 36% bis 45% der Japaner, Koreaner und Chinesen leiden unter einer derartigen Alkoholintoleranz.

Viele Menschen überlegen nun, ob sie bei immer noch vorhandener Corona-Gefahr und den gesundheitlichen und finanziellen Kosten an den abendlichen Trinkgelagen in Kollegenrunde weiter teilnehmen sollen. Gruppendruck, Ritualisierung und Berauschung stellen einerseits mächtige Anziehungskräfte dar. Andererseits haben viele neue Freiheiten für Familienleben und Freizeitgestaltung gewonnen, die sie nicht mehr missen möchten. Eine frühere Heimkehr von den ohnehin oft langen und stressigen Arbeitstagen könnte also das neue „Normal“ in Japan werden. 

Alkoholpolitik: Die eine Hand weiß nichts von den Handlungen der anderen Hand

Dass die marktwirtschaftlichen Konsumanstrengungen der Steuerbehörde NTA nicht bei allen Regierungsstellen auf Freude stoßen, überrascht nicht. Eine Ermahnung kam aus dem japanischen Gesundheitsministerium. Dieses teilte mit, man hoffe, dass die Menschen im Rahmen der geplanten Kampagne „Viva Sake!“ auch daran erinnert würden, nur die „angemessenen Mengen“ an Alkohol zu trinken. Gleichzeitig wird am kommenden 10. November, dem Tag, an dem die besten Vorschläge der Pro-Alkohol-Kampagne prämiert werden, eine Anti-Alkoholkampagne des Gesundheitsministeriums starten. Im Rahmen einer Alkohol-Aktionswoche wird vor dem Hintergrund des „Gesetzes gegen die Gefahren des Alkoholkonsums“ vor dem übermäßigen Trinken, vor allem dem Rauschtrinken (Binge drinking), gewarnt werden. Welche Kampagne die jungen Japaner mehr erreichen wird, ist derzeit noch offen. Die Kulturgeschichte des Alkohols lehrt jedenfalls, dass am Ende die Vorzüge des Alkoholtrinkens für viele stärker ins Gewicht fallen als die Risiken und Kosten.

Deutschland: Lehrstück für widersprüchliche Alkoholpolitik

Die derzeitige alkoholpolitische Situation in Japan ist charakteristisch für viele Staaten, die in dem Dilemma zwischen Fiskal- und Gesundheitspolitik stehen. Die Einnahmen aus den Alkoholsteuern – in Japan zuletzt 8 Mrd. € jährlich – sind fest in den Staatshaushalt eingeplant. Sie werden nicht in Prävention, Schadensbegrenzung und Therapie investiert, was zweckmäßig und langfristig nicht nur unter gesundheitlichen, sondern auch unter wirtschaftlichen Aspekten förderlich wäre.

Die Situation in Deutschland ist nicht besser. Hierzulande konsumieren die Bürger durchschnittlich 13.4 Liter Alkohol jährlich, in Japan sind es 8 Liter. Es kann also von hier aus ganz und gar nicht mit Häme auf Japan oder andere Staaten geschaut werden. Deutschland liegt im Unterschied zu Japan weltweit in der Spitzengruppe, was den Alkoholkonsum der Bevölkerung angeht. Und dabei leistet man sich hierzulande eine Alkoholbesteuerung, die einem Flickenteppich gleicht: Branntwein- und Sektsteuer kommen dem Bund zugut, Biersteuer den Ländern und Wein wird überhaupt nicht besteuert. Was Branntwein angeht, betrugen die jährlichen Einnahmen zuletzt (2021) gut 2 Mrd. €. Die Bundesländer nahmen 2021 aus der Biersteuer 584 € ein. Die Aufteilung der Alkoholsteuern in Deutschland verhindert eine wirkungsvolle Alkoholpolitik, da zu viele unterschiedliche Akteure mit divergierenden Interessen beteiligt sind. Hinzu kommt, dass der politische Wille zu einer Harmonisierung und Vereinheitlichung der im internationalen Vergleich sehr niedrigen Alkoholsteuern fehlt.

Viele Staaten unterlassen eine gesundheitspolitisch begründete Alkoholbesteuerung und freuen sich über die Einnahmen aus der Steuer. Sie unterschätzen dabei die regulierende Wirkung ihrer Steuern, mit denen sie den Alkoholkonsum der Bürger durchaus sinnvoll beeinflussen können. Dies gilt für das föderal zerklüftete Deutschland in besonderer Weise. Eine an Gesundheitsförderung und Schadensminimierung orientierte Alkoholpolitik, die den Bürger nicht entmündigt, sollte homogener und koordinierter handeln. Da Alkohol kein normales Konsumgut – wie Wasser, Butter und Marmelade darstellt – sollten die Menschen über Chancen und Risiken umfassend und nicht moralisierend aufgeklärt werden, damit sie über ihren Konsum selbst entscheiden können. Wenn sie dann Konsumprobleme mit Alkohol entwickeln, sind frühzeitige, nicht entmündigende und evidenzbasierte Hilfen notwendig. Dass es bei einer Alkoholabhängigkeit durchschnittlich 10 Jahre dauert, bis die Betroffenen in fachgerechte Hilfen kommen, ist weder gesundheitspolitisch noch psychologisch akzeptabel. 

Vertiefende Literaturhinweise:

Raiser, Peter (2018). Alkoholpolitik in Deutschland an der Schwelle zum Politikfeld: Eine Untersuchung der hemmenden und förderlichen Faktoren bei der Entstehung von Politikfeldern. Dortmund: LIT. 

Schlieckau, Jürgen (2015). Kompendium der deutschen Alkoholpolitik: Zum Schutz unserer Kinder und Jugendlichen brauchen wir eine wirksame Verhältnisprävention. Hamburg: Disserta Verlag.

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