Deutsche Drogenpolitik im Dornröschenschlaf? – Diachrone Betrachtungen aus der Kultur- und Sozialgeschichte

Der Dornröschenschlaf in der deutschen Drogenpolitik dauert an

Die deutsche Drogenpolitik gilt seit längerer Zeit – zumindest seit 2003 – als moderat. Die Anerkennung der vier Säulen – Prävention, Beratung/Behandlung, Schadensminimierung, Repression – hatte sie seinerzeit wenigstens auf Sichtweite zu den führenden Staaten mit humaner Drogenpolitik gebracht. In den Jahrzehnten zuvor dominierte die Fixierung auf illegale Drogen und die Sicherung der Grenzen in zwanghafter Form. Die wichtigsten Suchtprobleme (Alkohol, Tabak) wurden chronisch verleugnet, eine politische Gesamtstrategie für alle Suchtrisiken war nicht ansatzweise in Sicht.

Doch jetzt nach fast 20 Jahren ist es Zeit für eine Neubestimmung. Die Drogenstrategien vieler Länder – Portugal, Schweiz, Uruguay, USA, Kanada – haben sich entscheidend geändert. In Deutschland hat sich in den letzten Jahren vergleichsweise wenig bewegt. Einzig das „medizinische Cannabisgesetz“ ist zu erwähnen. Ansonsten Stillstand allerorten. Und Stillstand ist im Kontext von Bewegung Rückschritt. Die deutsche Drogenpolitik – es sollte eigentlich die Rede von einer Substanz- und Gesundheitspolitik sein – ist immer noch im Dornröschenschlaf. Die Unmündigkeit und Bevormundung der Bürgerinnen und Bürger in Sachen Substanzwissen und –konsum erscheint als leitende Handlungsmaxime. Deutsche Drogenpolitik nach fast einem Viertel im 21. Jahrhundert ist immer noch in den übermäßig prohibitiven Denkschablonen der Drogenpolitik des 20. Jahrhunderts verhaftet. Die Ausgangssituation ist damit deutlich anders als etwa in Großbritannien oder USA, wo seit Jahren eine lebhafte Diskussion zu „drug policies“ stattfindet. 

Die Zwickmühle der deutschen Drogenpolitik 

Die deutsche Drogenpolitik ist in der Zwickmühle. Noch länger zuwarten, bis einschneidende Reformen kommen? Das birgt das Risiko, dass die dann kommenden Reformen sehr radikal sein könnten und das Pendel zu sehr in die andere Richtung ausschwingt. Schon eine Jamaika-Koalition im Jahre 2017 hätte den Kurs in der Drogenpolitik deutlich verändert. Vor allem ist Zuwarten keine Lösung, wenn sich das Unterlassen von Reformen späterhin als Passivität, Gleichgültigkeit und Trotzverhalten erweist und die entsprechenden Konsequenzen negativ darstellen. Solches ist in der Geschichte der Drogenpolitik schon zu oft passiert. Die Fakten und Gründe für einschneidende Reformen liegen schon lange auf dem Tisch – etwa durch die Forderungen des Schildower Kreises (www.schildower-kreis.de), dem mehr als 120 deutsche Strafrechtsprofessoren und Experten aus anderen Gebieten angehören. Im Wesentlichen geht es darum, dass sich die übermäßig prohibitive Drogenpolitik als kontraproduktiv erwiesen hat. Die direkten und indirekten Schäden überwiegen bei weitem den Nutzen.

Die Zivilgesellschaft begehrt in Sachen Drogenpolitik auf 

Die Mitglieder der Zivilgesellschaft werden erkennbarerweise langsam unruhig. Die Strategie des Kriminalisierens oder Wegschauens beim Cannabiskonsum vieler Jugendlicher und Jungerwachsener funktioniert immer weniger, belastet Eltern, strapaziert das Justizsystem über die Maßen und schränkt die Mündigkeit und Freiheit von Erwachsenen immer wieder ein. Der globale Druck in Richtung Legalisierung wird immer stärker – nicht nur mit Argumenten der Vernunft und Evidenz, auch die globale Cannabisindustrie („Big Pot“) hat sich schon in Deutschland aufgestellt und wird weltweit immer mächtiger. Sie sendet Lobbyisten aus, weil sie es inzwischen einfach finanziell vermag, und nimmt vielfältigen direkten und indirekten Einfluss.

Und nach und nach wird auch die Legitimität der derzeitigen Drogenpolitik in Bezug auf andere Substanzen, vor allem Cannabis und Halluzinogene, in Frage gestellt. Was obendrein die deutsche Alkoholpolitik angeht, zeigen sich auch dort Widersprüche und Inkonsistenzen. Dass eine vergleichsweise schädliche Substanz weitgehend ungehindert vertrieben werden kann, ist gesundheits- und ordnungspolitisch nicht zu rechtfertigen, ja geradezu verantwortungslos. Das umfassende Werk von Jürgen Schlieckau zur deutschen Alkoholpoilitik mit mehr als 5.000 Quellen (!) zeigt hierzu viele interessante Details auf, aber im Wesentlichen die Orientierungslosigkeit und Unprofessionalität der „alcohol policy“ in Deutschland.

Die lange Geschichte der Drogenverbote

Hier beginnt die diachrone Reise durch die Geschichte des Drogenkonsums und der Drogenverbote. Die Idee ist dabei, durch den Blick über verschiedene historische Epochen bleibende Gemeinsamkeiten wie auch entstehende Unterschiede im Handeln zu entdecken. Deshalb diachron – im ursprünglichen Sinne des griechischen Wortes: durch die Zeiten. 

Um die Irrationalitäten und Paradoxien der modernen Drogenpolitik zu verstehen, die so gar nicht modern im Sinne von Aufklärung ist, lohnt sich ein Block in die Kultur- und Sozialgeschichte des Drogenkonsums und der Drogengesetze. Gar nicht so erstaunlicherweise geht dies ganz schnell mehr als 3.700 Jahre zurück. 

Die Idee, Drogen zu verbieten, ist so alt wie die Geschichte der Sesshaftwerdung menschlicher Gesellschaften. Erste Drogengesetzte, in Bezug auf Bier, sind schon um 1.760 v.Chr. für Babylon verbürgt und finden sich dann in der Menschheitsgeschichte immer wieder. Mit drastischen Strafen wurden Bierbrauerinnen und Wirtinnen bedroht, insbesondere wenn sie nicht der Obrigkeit kooperierten. In folgenden Kulturen und Gesellschaften tauchten immer wieder Versuche auf, den Konsum zu begrenzen oder insgesamt zu reduzieren. Die Idee einer völligen Abstinenz bzw. Drogenfreiheit war in den Frühkulturen fremd. In einer alten Schrift aus assyrischer Zeit heißt es: „Trunkenbolde bekommen eine Abscheu [vor dem Alkohol], wenn man ihnen drei Tage lang die Eier des Steinkauzes in Wein gibt. Rausch verhütet eine vorher gegessene gebratene Schafslunge. Die Asche vom Schnabel einer Schwalbe, mit Myrrhe zerrieben und in den Wein gestreut, der getrunken werden soll, wird vor der Trunkenheit bewahren. Dies hat Orus, ein König der Assyrer, herausgefunden“ (Tallqvist, 1895). Auch hier zeigt sich die Vehemenz, mit der exzessiver Substanzkonsum bekämpft wird. Nach moderner verhaltenstherapeutischer Terminologie würde es sich um eine Aversionsbehandlung handeln. Aber leider bleibt unbekannt, was den Furor des Königs erregt hat.

Überall Ambivalenzen: Machthaber wollten schon immer Drogenkonsum und Drogenkontrolle der Massen

Drogengesetze konnten niemals den übermäßigen Konsum von Substanzen völlig besiegen. Dies zu erwarten wäre völlig unrealistisch. Die psychischen Konsequenzen des Konsums von Alkohol, Opiaten, Cannabis, Kokain usw. sind kurzfristig so positiv verstärkend und psychogen stark beeinflussend, dass eine gesetzliche Abschreckung niemals alle Menschen vom Konsum abhalten konnte und auch niemals wird können. Ein Grundmerkmal jeglicher Drogengesetzgebung ist jedoch ihre Ambivalenz – und damit ihre innere Widersprüchlichkeit. Die Machthaber haben einerseits Interesse daran, Konsumexzesse, welche die Stabilität ihrer Systeme gefährden, zu verbieten, wie sie andererseits daran interessiert sind, Unruhe und Revolten der Massen mit sedierenden Substanzen und Vergnügungen zu dämpfen. Es gilt stets, Vorteile und Nachteile abzuwägen, Wirkungen und Nebenwirkungen zu bedenken.

Bierpanscher werden bestraft, Brot und Spiele beruhigen die Massen

Der römische Dichter Decimus Juvenalis (ca. 58 – 138 n. Chr.), der in einer Satire den Begriff „panem et circences“ (Brot und Zirkusspiele) prägte, wollte auf die Manipulierbarkeit des Volkes hinweisen, dass die republikanischen Freiheiten gegen die Unterhaltungen der kaiserlichen Zeit in den kleinen und großen Amphitheatern des Reiches eingetauscht hatte. Es spricht einiges dafür, dass zu dem Prinzip „Brot und Spiele“ zur Beruhigung der Massen auch noch Wein hinzukam. Die beschriebene Ambivalenz der Obrigkeiten setzte sich kontinuierlich bis in die Gegenwart fort. Heute sind es besonders Alkohol und Medien, welche die potentielle Unruhe des Volkes dämpfen sollen. In dieser Tradition stehen die seit einigen Jahren völlig entfesselt agierenden „neuen Medien“.

Obrigkeiten unterdrücken nicht nur den Drogenkonsum – sie fördern ihn auch

Natürlich sind auch Drogengesetze ein Instrument zur Disziplinierung von Menschen. Aber der Witz an der Sache ist, dass diese Disziplinierung in zwei Richtungen geht: Nicht nur sollen bestimmte Substanzen und Konsumformen unterdrückt werden, sondern es sollen auch auf der anderen Seite Substanzen und deren Konsum – zumindest in spezifischen Situationen – gefördert werden. Dies betrifft ganz eindeutig Alkohol, lange Zeit Tabak, immer mehr Cannabis – zumindest in zunehmend vielen Ländern der Welt – und auch schon länger Opioide in der Schmerz- aber leider auch Allgemeinmedizin, vor allem in den USA. Hierzulande ist es besonders die sehr niedrige Alkoholbesteuerung, die auffällt. Seit mehr als 35 Jahren wurden diese Steuern nicht mehr erhöht. Der politische Wille dazu fehlt, heißt es dann. Aber der geheime politische Wille ist im Grund ein ganz anderer: Beruhigung der Massen!

Durchgängige Ambivalenz gegenüber Drogen

Die Geschichte der Menschheit ist von einer durchgängigen Ambivalenz im Umgang mit Drogen gekennzeichnet. Einerseits lieben Menschen – wie alle Säugetiere – die Wirkung psychoaktiver Substanzen und haben ein enges Verhältnis zu Anbau, Kultivierung und Konsum der Drogen. Andererseits fürchten sie die negativen Folgen, vor allem im Kollektiv. Zusammenrottungen, Aufstände, Zerfall der öffentlichen Ordnung machten vor allem den Obrigkeiten in allen Kulturen immer wieder Sorgen.

Am deutlichsten wird die Ambivalenz im Umgang mit Drogen am Beispiel der Kolonialmacht England die im 19. Jahrhundert mit Gewalt China dazu zwang, den Import von Opium im Tausch vor allem gegen Tee zuzulassen. Das Opium wurde im groß organisierten Handel aus der englischen Kolonie Bengalen herangeschafft. Also eine harte Droge, von der im Laufer Zeit Millionen Chinesen abhängig wurden im Tausch gegen das milde Stimulanz „Coffein“, das im Tee enthalten ist. China wurde in zwei Opiumkriegen (1839-1842 und 1856-1960) gezwungen, das Land mit Opium überspülen zu lassen. Im Jahre 1880 soll es in China ca. 20 Millionen Opiumsüchtige gegeben haben.

Die Erpressung Chinas mit „englischem Opium“ wird zum Boomerang für die westliche Welt

Durch die Auswandererwellen von China nach Kalifornien und British Columbia (Kanada) einige Jahrzehnte später importieren diese Länder das Opiumproblem wiederum in ihre Großstädte. Zunehmend steigerte sich die Angst, dass die amerikanische und angelsächsische Jugend (besonders junge Frauen) durch chinesische Opiumhändler verderbt und missbraucht würden. Durch klar rassistische und sexistische Motive und Stimmungsmache begann im Westen – vor allem in den puritanischen Gemeinden – ein Sinneswandel in Richtung Drogenprohibition.

Noch vor dem Ersten Weltkrieg hatten vor allem die USA den internationalen Druck so sehr erhöht, dass 1911/1912 auf der ersten Internationalen Opiumkonferenz in Den Haag eine „drogenfreie Welt“ beschlossen wurde. Es ging hauptsächlich um Opium und dessen Abkömmlinge (Morphin, Codein, Heroin), aber erstmals auch um Kokain. Der weltweit größte Exporteur von Heroin und Kokain war zu dieser Zeit das Deutsche Reich, dessen mächtige chemische Industrie die Patente darauf besaß, die es 1919 als Kriegsreparation im Zuge des Versailler Vertrages (Art. 295) verlieren sollte. Deutschland hatte nämlich die Haager Opiumkonvention von 1912 bis dahin nicht ratifiziert, vor allem um seine chemische Industrie zu schützen. 

Internationale Opiumkonferenzen auf Druck der USA im frühen 20. Jahrhundert

Die Erste internationale Opiumkonferenz fand vom 1. Dezember 1911 bis zum 23. Januar 1912 auf Initiative der USA in Den Haag statt. Dort einigten sich die Vertreter des Deutschen Reiches, aus USA, China, Frankreich, Großbritannien, Italien, Japan, den Niederlanden, Persien, Portugal, Russland und Siam auf den Text eines Internationalen Opium-Abkommens, das am 23. Januar 1912 unterzeichnet, aber von den meisten Teilnehmerstaaten – so auch Deutschland – nicht ratifiziert wurde. Vom 1. bis 9. Juli 1913 und neuerlich vom 15. bis 25. Juni 1914 fanden in Den Haag Folgekonferenzen zur Begleitung des Unterzeichnungs- und Ratifizierungsprozesses statt. 1915 wurde das Abkommen von den USA, den Niederlanden, China und weiteren kleineren Staaten umgesetzt.

Da sich die meisten europäischen Länder zu diesem Zeitpunkt bereits im Krieg befanden, wurde das Abkommen in vielen Ländern nicht umgesetzt. Erst  1919 im Rahmen des Friedensvertrags von Versailles wurde es den unterlegenen Mittelachsemächten – zusammen mit dem Verlust der Patente auf Heroin und Kokain für die deutsche chemische Industrie – aufgedrückt. Das Deutsche Reich schaffte es dann noch bis 1929 mit manchen Tricks und Winkelzügen die Umsetzung des Vertrags hinauszuzögern, um seine chemische Industrie und dessen Handelsbeziehungen weiterhin zu schützen. Während einer dritten internationalen Opiumkonferenz in Genf wurde am 19. Februar 1925 eine Revision des Abkommens von den USA, Frankreich, Großbritannien, Niederlanden und anderen Mächten unterzeichnet und am 25. September 1928 in Kraft gesetzt. Darin wurden auch Nicht-Opiate wie Kokain und, auf Drängen Ägyptens, auch Cannabis (wegen der Konkurrenz der Hanfherstellung zu seiner Baumwollindustrie) gänzlich verboten.

Religionen und Drogen

Aber nicht nur Wirtschaft und politische Macht spielen seit jeher eine große Rolle in der Drogenpolitik und im Umgang mit Drogenkonsum. Auch Sinnsysteme zur Bewertung und Normierung menschlichen Verhaltens in Form von Ideologien und Religionen sind entscheidende Versuche, Verhaltensexzesse zu normieren und einzudämmen

In den meisten Religionen herrscht eine ablehnende Haltung gegen Drogenkonsum und – ganz allgemein – exzessives Verhalten. Sie gelten meist als Zeichen der Maßlosigkeit, des Sündigen oder gar der Besessenheit („Saufteufel“ im Protestantismus). Im Buddhismus steht die Mäßigkeit im Zentrum der Lehre. Die Mäßigung wird als die Kontrolle und Herrschaft über die Begierden und das Verlangen hoch bewertet. Mäßigung geschieht ohne Übereifer, weil dieser schon wieder eine Verletzung der Mäßigung bedeutet. Buddhistischen Mönchen und Nonnen ist der Konsum von Alkohol und anderen Drogen nicht erlaubt. Auf dem Weg ins Nirwana zur Erlösung aus dem schier ewigen Kreislauf der Wiedergeburten ist die Mäßigung aus Einsicht und Willen von entscheidender Bedeutung. Mäßigung ist der Weggefährte der Weisheit, heißt es in buddhistischen Texten.

Der Islam ist besonders alkoholkritisch – aber nicht durchgängig

Im Islam steht die Bekämpfung von Alkohol und Glücksspiel im Fokus. Allerdings ist auch der Koran keine homogene Schrift. Es lassen sich durchaus alkoholfreundliche Textstellen in einzelnen Suren finden.  So heißt es etwa in Sure 16, Vers 67: „Und (wir geben euch) von den Früchten der Palmen und Weinstöcke (zu trinken), woraus ihr euch einen Rauschtrank macht, und (außerdem) schönen Unterhalt. Darin liegt ein Zeichen für Leute, die Verstand haben.“ Demgegenüber stehen sehr alkoholverdammende Verse, wie Sure 5, Vers 90: „Ihr Gläubigen! Wein, das Losspiel, Opfersteine und Lospfeile sind (ein wahrer) Greuel und Teufelswerk. Meidet es! Vielleicht wird es euch (dann) wohl ergehen.“ Es wird angenommen, dass im Laufe der Entstehung des Korans beim Propheten Mohammed die Haltung gegenüber Alkohol und Glücksspiel immer kritischer und negativer wurde.

Die geschichtliche Forschung geht davon aus, dass der Weinkonsum in den meisten islamischen Kernländern erst ab dem 13. Jahrhundert zurückging. Die heute weit verbreitete starke alkoholkritische und stark eifernde Haltung hat sich mit den Wiedererweckungsbewegungen des Islam (Wahabismus, Salafismus) ab dem späten 19. Jahrhundert etabliert und stößt auch in der islamischen Welt nicht überall auf Akzeptanz.

Judentum und Christentum als alkoholambivalente Religionen 

Im Judentum und Christentum herrscht überwiegend eine ambivalente Haltung gegenüber Alkohol. Meistens wird der Konsum akzeptiert, der Rausch negative bewertet. Wein galt im Mittelalter als gute Gabe Gottes und als Elixier der Lebenskraft. In römischer Zeit war der Alkoholkonsum den Männern vorbehalten, während bei den Germanen auch die Frauen konsumierten. Im Christentum ging die Reformation einen Sonderweg. Nachdem schon in der Zeit von Martin Luther der Saufteufel immer wieder als Verursacher und Repräsentant des Lasters der Trunkenheit benannt worden war, fiel den Reformatoren auf, dass die Gläubigen, die nunmehr endlich Gottes Wort auf Deutsch hören konnten, dies nicht verstünden, wenn sie betrunken seien. Bier war zu dieser Zeit ein wichtiges alltägliches Nahrungsmittel und galt als die gute Gabe Gottes.

Protestantische Radikalisierung schafft den geistigen Boden für Abstinenzbewegung und Prohibition

Die Drogenpolitik des 20. Jahrhunderts ist in besonderer Weise von der eifernden Kultur des Protestantismus, insbesondere des Calvinismus, geprägt und ohne dessen Kenntnis nicht nachvollziehbar. Der radikale Reformator Johannes Calvin (1509 – 1564) verordnete der Stadt Genf, sobald er dort Macht und Einfluss hatte, ein Alkoholverbot, die Schließung aller Kneipen und das Unterlassen von Tanzveranstaltungen. Es galt, die Sündigkeit der Menschen zu besiegen und sie zu frommen Gläubigen zu erziehen. Er scheiterte damit schon nach wenigen Wochen. Der Rat der Stadt Genf beschloss die Kneipenschließung am 29. April 1546 und hob sie nach heftigen Protesten schon am 22. Juni 1546 wieder auf.

Die Strategie zeigt jedoch seinen mentalen Plan und die Idee, dass die Zügellosigkeit und die Ausschweifungen der Menschen mit harten Maßnahmen bekämpft werden müssen. Das paternalistische Prinzip, dass der Mensch zur Gesundheit und zum Glück auch durch „fürsorgllichen“ Zwang zu bringen ist, wird deutlich. Hier liegen auch die mentalistischen Wurzeln der späteren europäischen Abstinenz- und Prohibitionsbewegung.

Die Idee der Abstinenz aus dem Geist der eifernden Frömmigkeit

Im Jahre 1774 forderte der Quäker Anthony Benezet das erste amerikanische Pamphlet, in dem die völlige Abstinenz von destilliertem Alkohol (!) als der rechte und einzige Weg zum Gottesreich gefordert wurde. Im Galaterbrief des Apostel Paulus heißt es dazu im Kapitel 5, 19-21: „Offenkundig sind aber die Werke des Fleisches, als da sind: Unzucht, Unreinheit, Ausschweifung, Götzendienst, Zauberei, Feindschaft, Hader, Eifersucht, Zorn, Zank, Zwietracht, Spaltungen, Neid, Saufen, Fressen und dergleichen. Davon habe ich euch vorausgesagt und sage noch einmal voraus: Die solches tun, werden das Reich Gottes nicht erben“.

Die menschliche (Fleisches-)Lust wird zunehmend mit Rückbezug auf einzelne (!) Bibelstellen und Predigten von Heiligen negativ gesehen und extrem problematisiert. Die körper- und lustfeindlichen Ursprünge des Denkens reichen weit zurück. Die asketischen und lustfeindlichen Schriften eines Augustinus verbanden sich in der Reformation mit dem Eifer und Furor der radikalen Prediger, die einen neuen Menschen schaffen wollten: fromm, gottesfürchtig und frei von Sünden. Dazu ist der Verzicht auf Fleischeslust, Exzess und Völlerei von grundlegender Bedeutung. Aus tiefenpsychologischer Sicht stellen diese Reaktionen einen intensiven, über Jahrhunderte chronifizierten Abwehrmechanismus gegenüber den angsterzeugenden Impulsen Lust, Genuss, Lebensfreude und Exzessivität dar. Durch die Kultivierung des Abwehrmechanismus wird dem Individuum letztendlich die Möglichkeit der Entwicklung internalisierter Selbstkontrolle genommen und es fixiert sich alles auf externale Kontrolle.

Die sieben Todsünden – Völlerei ist die Nummer sechs 

Dass sich die Drogenpolitik und die aus ihr resultierenden Gesetze in den letzten Jahrhunderten aus dem Geist des radikalen Protestantismus speisten, ist schon hinlänglich beschrieben und analysiert worden (siehe erweiternd vor allem auch die Schrift von Hasso Spode: „Die Macht der Trunkenheit“). Beginnend im frühen 16. Jahrhundert entstand die Idee, dass es nicht gottesfürchtig sei, übermäßig Alkohol zu trinken. Überhaupt galt das Übermaß, die Exzessivität, in Europa zunehmend als Laster, wie dies in den östlichen Kulturen (Konfuzianismus, Taoismus, Buddhismus) schon viel länger der Fall war.

Nur sind die Begründungen dafür sehr unterschiedlich: Einmal ist es ein sich von außen auferlegender Moralismus, der ganze Völker zu moralischem Lebenswandel zwingt, im anderen Fall geht es um den selbst zu wählenden Weg ins Nirwana, ist also eine Empfehlung. Auf christlicher Seite wird als Begründung für das moralisch integre Leben die Lehr der sieben Todsünden herangezogen. Sie umfassen auch die Völlerei und Gier (sechste Hauptsünde), worunter übermäßiges Essen und Alkoholtrinken verstanden wurde. Dieses auch Wurzelsünde genannte Fehlverhalten wird auch – etwas moderner – als Unmäßigkeit bezeichnet. Auf Dauer ist es nach der Lehre verderblich für den Charakter und zieht andere Sünden und Fehlverhaltensweisen nach sich.

Protestantische Arbeitsethik und Drogenpolitik 

Die Lehre der Todsünden, die aus dem katholischen Mittelalter stammt, hat sich mit der protestantischen Lehre der Bibeltreue und der Verantwortung des Einzelnen vor Gott in intensiver Weise verbunden. Der berühmte Soziologe Max Weber (1904/1905) erkannte dies als erster. Er analysierte im frühen 20. Jahrhundert, wie Gottesglaube, Einstellung zur Arbeit und der aufkommende Kapitalismus zusammenhängen. Durch die Verantwortung des Einzelnen vor Gott („Individuum“) ist dieser zur Arbeit verpflichtet. Die Arbeit ist keine Last oder Fron mehr, sondern eine Notwendigkeit zur Erlangung des Gottesreiches und schafft damit die Voraussetzung für die Mentalität im Kapitalismus, dass immer mehr gearbeitet wird und dass Geld und Gewinne maximiert werden.

Damit ist die Arbeit die Pflicht eines jeden und kann auch zur Erfüllung und damit ins Paradies führen. Der Bezug zu den Suchtmitteln besteht dann darin, dass diese – im Übermaß konsumiert – den Einzelnen von seinen Arbeitspflichten abhalten und das System zum Kollabieren bringen. So jedenfalls die Befürchtung. Mit der Mentalität der protestantischen Arbeitsethik waren auch die psychologischen Grundanforderungen an den modernen Menschen in der Welt: Fähigkeit zum Belohnungsaufschub, Impulskontrolle, Emotionsregulation, Selbstmanagement. Alles Fähigkeiten, die dem chronischen Substanzkonsumenten bzw. Suchtkranken abgehen!

Die Geschichte der USA hat schon lange ein intensives Verhältnis zu Drogen

Kommen wir wieder zur Geschichte der Drogenverbote zurück. Diese haben sich in den USA in exemplarisch analysierbarer Form entwickelt, weil es sich um ein besonders großes Land mit einer starken puritanischen Tradition handelt. Die USA haben zwar vergleichsweise nur eine kurze Geschichte als Land und Nation, diese ist aber intensiv mit Drogenfragen und Drogenpolitik verwoben. Die Wurzeln liegen hier ebenfalls vor allem im Religiösen, genauer gesagt in den starken protestantischen Einflüssen bei den Einwanderern, konkret in der protestantisch-anglikanischen Immigration von England und Schottland nach Nordamerika über Jahrhunderte. Schon die ersten Einwanderer, die im frühen 17. Jahrhundert sesshaft wurden, werden seit dem 19. Jahrhundert als die Pilgrim Fathers (Plymouth Colony, mit dem Schiff Mayflower 1620 gekommen) bezeichnet.

Ironischerweise kam das erste Opium vermutlich an Bord der kleinen Schiffsapotheke des Schiffsarztes der Mayflower in die neue Welt. Als Laudanum, einer opiumhaltigen Tinktur, gehörte es für Jahrhunderte zur Standardausrüstung aller Apotheken und vieler Haushalte. In Amerika kannte man diese Pflanze zuvor nicht. Aber vor allem ging es um Alkohol. Die späteren englischen Zuwanderer, vor allem im frühen 18. Jahrhundert, waren direkt oder indirekt Zeugen der ersten großen Alkoholkrise der Neuzeit, der „Gin-Epidemie“, im frühindustrialisierten England geworden, die der Aufklärer und Sozialphilosoph William Hogarth mit dem Bild „Gin Lane“ drastisch darstellte. Große Teile der Bevölkerung hatten einen hemmungslosen Konsum des industriell erzeugten, noch unbesteuerten und daher extrem preiswerten Gins entwickelt. Gin ist ein destillierter Schnaps mit hohem Alkoholgehalt, meistens auf der Basis von Getreide und Wacholderbeeren. 

Die amerikanische Drogengesetzgebung aus dem Geist des Rassismus und Sexismus

Die im Kern puritanische und durch die englische „Gin-Epidemie“ bis ins Hysterische internalisierte moralische Einstellung gegenüber Alkohol und späterhin auch anderen Drogen markiert die Basis einer Drogenpolitik, die im 20. Jahrhundert durch den enormen globalen Machtzuwachs der USA die ganze Welt in ihren Bann und Knechtschaft bringen sollte. Der Schrecken der „Gin-Epidemie“ treibt in den USA noch heute seinen Spuk in Form einer hochgradig irrationalen und ambivalenten Alkoholpolitik. Die puritanische Mentalität im Hintergrund ist von Angst und Hysterie geprägt. Diese hochemotionalisierte Grundstimmung prägte entscheidend die mächtige amerikanische Drogenpolitik des 20. Jahrhunderts.

Den Beginn der amerikanischen Drogengesetzgebung im engeren Sinn markiert der Harrison Act (1914). Ab 1875 hatten amerikanische Städte an der Westküste begonnen, den Opiumkonsum in den Ghettos der chinesischen Einwanderer zu verbieten, weil sie negative Einflüsse auf die weiße amerikanische Jugend befürchteten. Vor allem vermehrten sich rassistische und sexistische Narrative, dass junge weiße Frauen, die vom Opium abhängig gemacht worden waren, zu Sex mit älteren chinesischen Männern gezwungen würden. Dieses überaus erfolgreiche Narrativ – das sich einige Jahrzehnte später auf schwarze Jazzmusiker und weiße Frauen und Cannabiskonsum wiederholen sollte – steigerte die Sensibilität und alarmierte die weiße bürgerliche Mittelschicht nach und nach im ganzen Land. Interessant ist, dass zeitgleich der Konsum von medizinisch verordneten Opiaten (Opium und Morphin) weite Teile der weißen Mittel- und Oberschicht im Land erfasst hatte.

Geschichte wiederholt sich nicht?! – Doch!

US-Präsident Trump erklärte 2017 den Gesundheitsnotstand für die USA. Er merkte an, dass die Nation noch nie zuvor eine solche Drogenkrise erlebt hätte. Seit 1999 waren mehr als eine halbe Million Menschen an ihrer Opioidsucht gestorben. Die prohibitive Drogenpolitik des Landes hat die Krise verschärft, nicht verhindert. Noch nicht einmal entschärfen konnte sie die Krise. Aber die Annahme ist falsch.

Die USA erleben – derzeit immer noch – schon ihre zweite schwere Opioid-Krise. Bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, insbesondere in den Jahren nach dem Bürgerkrieg 1865, entwickelte sich in den USA eine schwere Opiatkrise. Laudanum, eine Mischung aus Wein und Opium, war in den USA des 19. Jahrhunderts weit verbreitet. Jedermann konnte es freiverkäuflich erwerben. Es wurde als Mittel gegen Zahnschmerzen, chronischen Husten, als Schlafmittel – auch bei Kindern – und bei Körperschmerzen aller Art angewandt. Die heutige zweite Opioid-Krise in den USA weist manche Ähnlichkeiten zu der ersten auf: Leichtfertige Verschreibung von Opiaten, intensive Werbung und anschließende Massenverelendung sind die wichtigsten Parallelen.

Was gibt es überhaupt zu verbieten?

Die Frage nach den Motiven einer irgendwie gearteten Drogenpolitik, sei sie übermäßig prohibitiv, sei sie übermäßig laissez-faire, ist komplexer, als sie zunächst erscheint. Schon eine Prüfung des gültigen Betäubungsmittelgesetzes (BtmG) und anderer Rechtsbestimmungen zeigt, dass überraschenderweise der Drogenkonsum selbst gar nicht verboten ist. Vielmehr sind Besitz und Handel verboten. Was sind also die zugrundeliegenden Motive für derartige Bestimmungen? Für Juristen ergibt sich daraus die denkbare, aber praktisch recht absurde Fallkonstellation, dass eine Person, die zuvor von einer anderen des Bewusstseins beraubt wurde und dann Heroin injiziert bekommt, straffrei bleibt. Sie hat das Heroin nie besessen.

Diese recht absurde Rechtskonstruktion macht auch deutlich, wie wichtig es ist, das Drogenrecht auf „gesunde Beine“ zu stellen. Das BtmG gehört zur Gruppe der Handelsgesetze und nicht zu den Gesundheitsgesetzen. Dort müsste es aber einschlägige Regelungen geben. Es muss um die Gesundheit der Bürger und potentiellen Konsumenten gehen bei gleichzeitiger Kontrolle über Herstellung und Vertrieb potentiell riskanter Substanzen.

Gibt es einen geheimen Plan?

Die Geschichte der Drogenkontrolle, die nach heutigem Forschungsstand vor mehr als 3.500 Jahren begonnen hat, zeigt, wie wichtig es Herrschenden immer wieder war, den Konsum bestimmter Substanzen – in Babylon war es das einfach herzustellende Bier – zu kontrollieren und resultierende Fehlverhaltensweisen mit harten Sanktionen zu ahnden. Früh wurde erkannt, dass in den Wirtsstuben unter Alkoholeinfluss obrigkeitskritische Gespräche stattfanden. Der lateinische Standardsatz „in vino veritas“ (im Wein ist Wahrheit) wurde erst viel später geprägt. Aber deutlich wird sehr schnell bei einer Betrachtung verschiedener historischer Epochen, dass die jeweiligen Obrigkeiten mit Drogen die Massen beruhigten, aber auch immer wieder Furcht vor dem Mob hatten, wenn dieser Gelegenheit hatte, sich auf seine Unzufriedenheit und negativen Affekte gegenüber der jeweiligen Herrschaft zu konzentrieren. Aufstände und Revolten drohten. Diese konnten wiederum mit sedierenden Drogen aufgefangen werden.

Auch die „shitstorms“ der heutigen Online-Welt von Facebook, Twitter und Co. ähneln diesem Phänomen. Die jeweiligen Obrigkeiten haben schon sehr früh gelernt, dass sie die Unzufriedenheit und eine entstehende rebellische Stimmung früh auffangen müssen, entweder mit harter Hand und drastischen Strafen oder mit Vergünstigungen für einige Privilegierte (Prinzip „teile und herrsche!“). Wenn es einen geheimen Plan der Herrschenden in den Jahrtausenden seit Alt-Ägypten, wo Bier auch schon eine wichtige Alltagsrolle spielte, und Babylon gibt, so ist es der, dass damit das Verhalten der Massen zu steuern ist. Zum einen durch Strafandrohungen und Sanktionen, zum anderen durch sedierende und ablenkende Massenveranstaltungen.

Mit der Sesshaftwerdung der Menschen begannen die Probleme mit den Substanzen

Der exzessive Konsum von Drogen hängt eng mit der Sesshaftwerdung der Menschen, den frühen städtischen Gesellschaften und der massenhaften Herstellung, Lagerung und Kultivierung von Drogen jedweder Form zusammen. Dabei spielte Alkohol wegen seiner besonders geselligkeitsfördernden und hemmungsabbauender Wirkung die wichtigste Rolle. Die Idee der Mündigkeit und Selbstbestimmung des Drogengebrauchers ist noch so neu, dass sie bislang in der Sozial- und Kulturgeschichte keine Rolle spielt. Nun kommt sie aber in den liberalen Gesellschaften des Westens mit Macht auf und gilt als Ausdruck der Selbstverwirklichung des Individuums. Dass sozial förderliche Drogen – dazu zählen neben Alkohol auch Nikotin, Koffein – den Zusammenhalt der nicht mehr als Stammesgesellschaften verfassten Städter steigert, ist dabei ein mehr als willkommener Effekt.

Rationalität und Irrationalität der Drogenpolitik

Die internationale Drogenpolitik erreichte im 20. Jahrhundert einen Höhepunkt der Hysterie und Irrationalität. Das, was viele gutgläubige Bürger hierzulande für vernünftig und reflektiert halten, ist im Grunde das Resultat hysterischer, sexistischer und rassistischer Gedanken- und Gefühlszustände. 

Die handelnden Personen der Drogenpolitik der letzten 120 Jahre waren oft stark evangelikal engagiert oder bisweilen sehr narzisstisch (siehe im Folgenden die Ausführungen zu Harry Anslinger). Die Drogenpolitik des 20. Jahrhunderts ist ohne eine Psychographie der handelnden Personen einerseits und einer Sozialanalyse der westlichen Gesellschaften dieser Zeit nicht verständlich. Durch die Vormachtstellung des Westens und der USA im Speziellen wären diese im Grunde sektiererischen Gedanken nicht zur global beherrschenden Drogenpolitik geworden.

Die rassistisch-sexistischen Wurzeln der amerikanischen Drogenpolitik

Es geht bei Drogenpolitik zu oft um hochemotionale intrapsychische Konflikte und zu selten um Verstand und Vernunft. Die Verfolgung von Minderheiten unter dem Vorwand des Schutzes der „eigenen“ Jugend, der Transport rassistischer Vorurteile gegen Chinesen, Schwarze, Mexikaner u.a. sowie die gezielte Desinformation der Bevölkerung sind schwere Fehler und Vergehen, die auch direkt zu Opfern in Form von Menschenleben, Verletzten, Verfolgten und Strafhäftlingen führte. Die USA waren und sind der Siedepunkt („hot spot“) und Schmelztiegel („melting pot“) der weltweiten Drogenprobleme. Die Strategie der amerikanischen Drogenpolitik war in so hohem Maße irrational, dass Ängste, Furcht und Panik bei den Zielpersonen geschürt werden konnten. Dies war lange die weiße Mittelschicht.

Ein ehemaliger Alkoholprohibitionsagent und notorischer Lügner wurde der mächtigste Drogenverfolger der Welt

Das Hintergrundgeschehen der US-amerikanischen Drogenpolitik war seit dem späten 19. Jahrhundert in hohem Maße irrational. Mit perfiden Methoden wurden Drogenabhängige verfolgt und bestraft, viele Ärzte, die ihren drogenabhängigen Patienten helfen wollten, wurden unter Druck gesetzt und kriminalisiert. Dies nahm seinen Weg unter dem Diplomaten und späteren Leiter der US-Drogenbehörde „Federal Bureau of Narcotics“ (ab 1930), Harry J. Anslinger (1892 – 1975), der ganz entscheidenden Anteil an der Kriminalisierung von Cannabis in den USA hatte.  Als erster Leiter des FBN wurde Anslinger vom Onkel seiner Frau, Andrew W. Mellon, dem US-Finanzminister eingesetzt. Dieser wiederum war ein enger Vertrauter des 31. US-Präsidenten Herbert C. Hoover. Nachdem Anslinger ursprünglich noch in der bis 1933 herrschenden Alkoholprohibition tätig war, baute er ab 1930 die zunächst nur spärlich mit Personal ausgestattete Behörde FBN zur später sehr mächtigen US-Drogenbehörde auf. Er wurde damit – spätestens ab den 60-er Jahren der mächtigste Drogenverfolger weltweit. 

Wie ein Drogenproblem erfunden wird: Die Geschichte der Cannabisprohibition in den USA

Unter Anslingers Führung setzte sich das FBN für härtere Strafen für Drogengebrauch ein und erwirkte das Quasi-Verbot von Cannabis durch den „Marijuana Tax Act“ von 1937. Gleichfalls war Anslinger die treibende Kraft hinter dem Einheitsabkommen über die Betäubungsmittel, das 1961 verabschiedet wurde. In den Jahren 1936/37 entstand mit seiner wohlwollenden Unterstützung der bekannte Anti-Drogen-Film „Reefer Madness“ (dt.: Kifferwahnsinn). Darin fallen Jugendliche nach Cannabiskonsum dem Wahnsinn anheim, verursachen Verkehrsunfälle oder begehen Suizid.

Im Jahr 1937 fasste Harry J. Anslinger seine Ansichten zu Marihuana (er bezeichnete Cannabis mit diesem indianischen Begriff, um die Herkunft des Stoffes und dessen Konsum von „Primitiven“ deutlich zu machen) in einem Artikel für das „American Magazine“ zusammen (Titel: „Marihuana – Assassin of Youth“). Darin wird Marihuana als Moloch dargestellt, dem die Jugend geopfert wird. Im August desselben Jahres wurde als vorläufiger Höhepunkt der Anti-Cannabis-Kampagne der „Marihuana Tax Act“ von 1937 von Präsident Franklin D. Roosevelt unterzeichnet, mit dem drastische Strafen in Kraft traten. Heute gilt Anslinger in der Rückschau als notorischer Lügner, Rassist und Narzisst.

Übermäßige Drogenprohibition erzeugt Kriminalität und Unterweltstrukturen

Anslinger, der stark narzisstische Persönlichkeitszüge aufwies (vgl. Hari, 2015), wurde über Jahrzehnte von intensivem Hass gegenüber Minderheiten, besonders Mexikanern und Afroamerikanern, getrieben. Er sah diese als Verderber der amerikanischen Jugend an, insbesondere auch durch ihren Drogenkonsum. Anslinger hatte wesentlichen Anteil am Zustandekommen des weltweiten Drogenabkommens von 1961, der sogenannten Single-Convention, das auch heute noch im Wesentlichen gilt. Dabei spielte die US-Regierung ihre beherrschende Macht immer wieder gegenüber andersdenkenden oder zögerlichen Staaten aus. Auch Deutschland vermochte es damals und bislang nicht, eine autonome Rolle in der Drogenpolitik einzunehmen. Anslinger kann außerdem zu Recht auch als Wegbereiter des „war on drugs“ (ab 1971) gelten. Dabei wurde die Diskriminierung und Marginalisierung der verhassten Randgruppen mit andern Mitteln fortgesetzt und vertieft.

Das Drogenprohibitionssystem erzeugt immer mehr Strafgefangene

Als Nachfolgeorganisation des FBN wurde ab 1973 die „Drug Enforcement Administration“ (DEA; deutsch etwa „Drogenvollzugsbehörde“) aufgebaut. Die Arbeit der DEA sorgte in den folgenden Jahrzehnten dafür, dass immer mehr Drogenabhängige dem Justizsystem zugeführt wurden, wo sie mit teilweise extrem drastischen Gefängnisstrafen bestraft wurden. Interessant an dieser Stelle ist es auch zu vermerken, dass ab den späten 1980-er Jahren immer mehr privatwirtschaftliche Unternehmen Strafanstalten in den USA betreiben durften. Diese mussten als börsennotierte Unternehmen auch gewinnbringend arbeiten.

Das System entwickelte also eine Kreisläufigkeit aus Schaffung von Gefängnisplätzen und Füllung dieser Plätze mit Gefangenen, vor allem aus dem Bereich der selbst geschaffenen Drogenkriminalität. Dies wiederum traf verstärkt die benachteiligten und diskriminierten Bevölkerungsgruppen. Die amerikanische Drogenforschungsbehörde NIDA (National Institute of Drug Abuse) schätzte im Juni 2020, dass 65% der Gefängnisinsassen ein akutes Substanzmissbrauchsproblem (Abhängigkeit oder Missbrauch) aufweisen und weitere 20% zum Zeitpunkt der Begehung ihres Delikts unter Substanzeinfluss standen (https://www.drugabuse.gov/publications/drugfacts/criminal-justice). Die Delikte und Inhaftierung vieler dieser Personen – genaue Zahlen können leider nur geschätzt werden – stehen in Zusammenhang mit Drogenhandel und –abhängigkeit. Etwa 50% aller Gefängnisstrafen in USA werden wegen Drogendelikten ausgesprochen.

Drogenpolitik und Emotionskontrolle

Drogenpolitische Debatten verlaufen – auch hierzulande – in der Regel hochemotional und nach einem vorhersehbaren Schwarz-Weiß-Muster. Was sind die Gründe dafür?  Dies trifft auf Debatten um Reformen im Umgang mit Cannabis genauso zu wie auf das jahrelange Ringen im Umgang mit Alkoholwerbung oder Einschränkungen beim Glücksspiel. Im Kern geht es beim Substanzkonsum um Glücksgefühle, deren Auslösung und Steuerung. Was gibt es im Leben von Menschen wichtigeres als Glück?

Als der Volkswirtschaftsprofessor Werner W. Pommerehne (1943 – 1994) schon vor mehr als 25 Jahren eine rationale Drogenpolitik in der Demokratie forderte, war das akademisch-theoretisch richtig, aber psychologisch nicht durchsetzbar, weil die emotional erregte Reaktionen auf Drogendiskussionen – wie so oft – unterschätzt wurden. Es gibt keine Drogenpolitik ohne Emotionen. Damit müssen alle Akteure im Umfeld rechnen und die entsprechenden Reaktionen antizipieren. Das erfordert besonders viel Authentizität und Ehrlichkeit. Genauso wie Drogenpolitik aufgrund der hohen Emotionalisierung des Konsumthemas oft irrational ist, ist das Drogenkonsumthema schon seit langer Zeit hochgradig ambivalent.

Die Ängstlichen durch Liberalisierung angstfrei machen?

Ein relevanter, aber oft unterschätzter Anlass auf Drogenverzicht ist die Ängstlichkeit in Bezug auf die Folgen des Konsums, besonders die Entstehung einer Sucht. Dass durch die Legalisierung einer Substanz deren Konsum gesteigert wird, ist evident. Auch der Aspekt, dass die Ängstlichen in Zukunft bei liberaleren Politikstrategien weiter geschützt bleiben müssen, ist zu bedenken. An die Stelle der Abschreckung muss dann eine intensive, evidenzbasierte Drogenerziehung im Schulsystem treten, die das Thema nicht nur nebenbei in Biologie und Chemie behandelt, sondern zu dem macht, was es ist: „Drogenkonsum oder nicht“ als zentrales Thema eines gelingenden Lebens.

Mündige Drogenkonsumenten – Science or Fiction?

In der Suchtprävention ist das Modell der Drogenmündigkeit, in Deutschland besonders von Gundula Bartsch formuliert, ein wichtiges Denkmodell zur Reform der Drogengesetzgebung. Die vier Säulen eines mündigen, integrierten und autonom kontrollierten Umgangs mit Drogen sind nach Bartsch: 

Übertragen auf Drogenpolitik bedeutet Drogenmündigkeit die Befreiung des Einzelnen aus seiner selbst verschuldeten Drogenunmündigkeit. Lange hat der paternalistische Staat die Bürger vor den Gefahren des Drogenkonsums geschützt, sie dafür aber auch mit Strafandrohungen vom Konsum abgehalten. Das alternative Modell der Drogenmündigkeit legt die Latte, was die Kompetenzen der potentiellen Konsumenten angeht, sehr hoch. Ob Menschen in die Lage versetzt werden können, diese Stufe der Mündigkeit angesichts der Strukturen und Prozesse moderner Gesellschaften zu erreichen, erscheint fraglich. Möglicherweise wäre ein Mischmodell aus partiell noch schützendem Staat und freierem selbstbestimmten Bürger eher realistisch und damit adäquat. Bei einem so sensiblen Thema wie dem Umgang der Massen mit Drogen sollte die Drogenstrategie der Gesellschaft („drug policy“) die bestmögliche Evidenz hinsichtlich Maximierung der Vorteile und Freiheiten und Minimierung der Nachteile und Schäden aufweisen. Eben eine smarte Drogenpolitik muss her.

Viele Drogengebraucher sind von Anfang Menschen mit psychischen Störungen

Ein weiteres Problem in der Praxis der Drogenpolitik ist die latente Selbstmedikation vieler Drogengebraucher. Dieser Aspekt ist in den bisherigen Debatten über Drogenkonsum kaum jemals adäquat erörtert, geschweige denn gelöst worden. Es bedeutet, dass viele Drogengebraucher die Substanzen nicht zur Rekreation oder als Freizeitvergnügen, sondern – bewusst oder implizit – zur Beeinflussung bzw. Verbesserung ihrer psychischen Befindlichkeit benutzen. Es handelt sich also schlicht um Selbstmedikation. Zu viele – vor allem traumatisierte – Drogenkonsumenten betreiben von Anfang an Drogenkonsum, um sich psychisch zu stabilisieren, also um mit Selbstmedikation eine gewisse psychische Stabilisierung zu erreichen. Eine Reform der Drogengesetzgebung bedeutet für diese Menschen zwingend auch eine Reform der psychiatrisch-psychotherapeutischen Versorgung, wo Drogenkonsumenten noch viel Abwehr und Stigmatisierung erfahren.

Ziviler Ungehorsam 

Wenn immer Gesetze dysfunktional (geworden) sind, die bestehenden gesellschaftlichen Probleme nicht adäquat angehen und lösen oder gar selbst Probleme und Benachteiligungen erzeugen, besteht in der Gesellschaft die Gefahr bzw. Chance – je nach Sichtweise – des zivilen Ungehorsams. Dies reicht von Eltern drogenabhängiger Jugendlicher, die gegen die repressive Drogenpolitik protestierten bis hin zu Aktivisten für die Legalisierung von Cannabis. In dieses Stadium des zivilen Ungehorsams gerät Deutschland allmählich. Viele Initiativen – von www.akzept.org bis www.mybrainmychoice.de – zeigen dies. Darauf sollte Drogenpolitik adäquat reagieren. Die britische und schweizerische Regierung haben dies schon mit der Einsetzung unabhängiger Kommissionen zur Reform der Drogenpolitik getan.

Wer im Glashaus sitzt, sollte wissen, wo die Steine sind…

Eines der erstaunlichsten Phänomene der Suchthilfepraxis ist für mich schon seit jeher ihre weitgehende Enthaltsamkeit in drogenpolitischen Fragen. Lediglich einige Initiativen, die auf die 68-er-Bewegung zurückgehen, sind übrig geblieben oder haben sich daraus entwickelt (www.ag-dropo-hamburg.de; www.akzept.org). Ihr Einfluss insgesamt ist jedoch zu gering. Die Mehrzahl der Akteure in der Suchthilfe sind drogenpolitisch stumm oder rigide-konservativ. Es geht dabei um die Regeln und Gesetze, nach denen die Zielpersonen, die Suchtkranken, behandelt werden. Aber auch um den Kontext, in dem sich Drogenverhalten insgesamt abspielt. Dieser muss von den Experten für Konsum und Behandlung determiniert werden. Je nach dem, ob Drogenkonsumenten eher verfolgt und diskriminiert oder beraten werden und schnelle und niedrigschwellige Hilfen erfahren, erhält die Fachkraft in der Suchthilfe höchst unterschiedliche Aufträge. Das sollten alle Suchtfachkräfte reflektieren und evidenzbasierte Position beziehen.

Die Suchtexperten müssen die Deutungshoheit über das Drogenproblem erlangen

Die amerikanische Drogenkontrollgeschichte im 20. Jahrhundert (siehe weiter oben) verdeutlicht, wie wichtig es ist, welche Berufsgruppe die Deutungshoheit über Drogenkonsum und –abhängigkeit besitzt. Während vom 16. bis 18. Jahrhundert Priester das Suchtproblem mit ihren Konzepten (Besessenheit, Sündhaftigkeit) erklärten, wechselte ab dem frühen 19. Jahrhundert die Deutungshoheit zu den Medizinern (Krankheit, Kontrollverlust, Unfähigkeit zur Abstinenz). Erst im frühen 20. Jahrhundert begannen Juristen und Politiker (Gesetzesbruch, Kriminalität, Antisozialität) zu dominieren und die Drogenpolitik verschlimmerte sich drastisch (siehe FBN, DEA). Die wirklichen fachlichen Drogenexperten sind heutzutage die Fachkräfte aus Medizin, Psychotherapie und Sozialer Arbeit, die mit Konsumenten und Abhängigen arbeiten. Sie müssen die öffentliche Debatte und damit langfristig die Meinungsbildung im Land dominieren und bestimmen.

Beispiel: Cannabislegalisierung 2021 ff.

Ein Beispiel mit besonderer aktueller Brisanz ist der Umgang mit Cannabiskonsum und –abhängigkeit. Durch das weltweit vorhandene Momentum in Richtung Cannabisfreigabe (medizinisch und nicht-medizinischer Konsum) wird die Suchtfachkraft vor Ort bald unter Druck geraten, eine Position zu beziehen und nach ihr zu handeln. Schon bei der Einführung der Heroinsubstitution in den 90-er Jahren des letzten Jahrhunderts haben die Suchtfachkräfte und die Suchtfachverbände überwiegend zunächst keine oder eine abwehrende Position eingenommen. Und dies nicht aus wissenschaftlich begründeter Evidenz, sondern aus moralischem Reflex, wie er so oft in der Drogenpolitik immer noch dominiert.

Die Suchthilfe zeigt sich insgesamt immer noch als zu wenig selbstreflexiv und selbstbewusst. Dabei ist schon lange klar, dass die Berufsgruppe, die die Deutungshoheit über den Drogenkonsum erobert, auch die Reaktionen und Konsequenzen maßgeblich beeinflusst und letzten Endes steuert. Waren dies zu Beginn der Neuzeit noch die evangelischen Priester, also Theologen, haben sich ab dem späten 18. Jahrhundert Ärzte Stück für Stück diese Position erobert. Es begann eine Metamorphose vom spirituell-religiösen Suchtmodell zum medizinischen Suchtmodell. Die Relikte des religiösen Suchtmodells – wenigstens in Deutschland –  sind immer noch an der starken Position der konfessionellen Wohlfahrtsverbände als freie Träger der Suchthilfe zu erkennen.

Später kamen konservative Sozialpolitiker (Bismarck´sches Invalidenversicherungsmodell) hinzu. Die Suchthilfe entstand ab 1861 im Deutschen Reich als Modell der sozialen Disziplinierung der Suchtkranken mit medizinischen und spirituellen Elementen. Im 20. Jahrhundert engagierten sich zunehmend Sicherheits- und Handelspolitiker und Juristen in der Drogenpolitik. Gelingt es den Suchtfachkräften im 21. Jahrhundert nicht endlich, sich als die ultimativ zuständige und kompetente Stimme für Suchtfragen zu etablieren, wird sich der Irrweg aus moralisch-hysterischer Drogenpolitik vermutlich fortsetzen

Drogenpolitik in Deutschland – quo vadis?

Die weitere Entwicklung der Drogenpolitik in Deutschland steht auf der Kippe. Niemand gewinnt Wahlen mit Drogenpolitik, es sei denn in einem völlig aufgepeitschten Klima mit hysterischen, prohibitiven Botschaften, wie dies in USA schon geschehen ist. Auch das Unterlassen notwendiger Reformen ist keine Option für die Zukunft. Das hatten wir schon zu lange. Drogenpolitische Maßnahmen sind immer ambivalent und haben erwünschte und unerwünschte Folgen. Dies ist der Öffentlich nur schwer zu vermitteln und setzt einen längeren, ausführlichen Diskurs voraus. Ambiguitätstoleranz hilft beim Diskurs – aber wer kann die in Medien und Politik herstellen? Denn vereinfachende Dichotomie (Schwarz-Weiß-Denken) ist dagegen viel einfacher. 

Die Experten für Drogenfragen aus der Suchthilfe sollten aufstehen und ihre Kompetenz und Stimme in den fachpolitischen Diskurs einbringen. Es braucht mehr bürgerschaftliches Engagement für eine evidenzbasierte Drogenpolitik. Man sollte nicht hoffen, dass von Parteien und Bewegungen, die aus extremen politischen Lagern kommen, rationale Lösungen zu erwarten sind. Diese werden in drogenpolitischen Fragen wiederum extreme Konzepte umsetzen – sei es extrem prohibitiv oder extrem libertär. Die Idee einer zur Mündigkeit führenden Drogenerziehung ist der herrschenden Drogenpolitik fremd. Es ist jedoch schon lange bekannt, dass sehr viele Menschen, die Drogen konsumieren, diese auch dauerhaft kontrolliert konsumieren können. Die Forschungen von Linda Sobell (Florida, USA) und Harald Klingemann (Schweiz) unterstreichen dies und zeigen darüber hinaus, dass auch etliche problematisch Konsumierende selbst wieder den Ausstieg schaffen können.

Regulieren ist besser als Verbieten

Eine rationale Drogenpolitik, die sich auf historische Erfahrungen und die vorhandene Evidenz fokussiert, konzentriert sich auf das Regulieren. Und zwar aller Prozesse und Phasen, die für den Drogenkonsum relevant sind: Produktion, Qualitätssicherung, Transport, Handel, Vertrieb, Konsum, Konsumfolgen. Um diese Teilaspekte optimal regulieren zu können, müssen Staat und Gesellschaft konzeptionell denken und handeln, Hysterie und Panik dämpfen, möglichst viel Einfluss auf die genannten Prozesse nehmen, für Transparenz sorgen und die Elemente des Prozesses möglicherweise selbst übernehmen bzw. wenigstens konsequent die Verantwortung dafür übernehmen. Die angesehene britische Drogenpolitikorganisation „Transform Drug Policy Foundation“ (www.transformdrugs.org) hat ausführlich beschrieben und auch in Expertenrunden konsentiert, welche Regulationsstrategien beim Vertrieb von Drogen die geringsten gesellschaftlichen und individuellen Schäden erzeugen würden. Es werden fünf Grundmodelle der Drogenabgabe beschrieben: (1) Verschreibung, (2) Apothekenmodell, (3) Lizenzsystem, (4) lizenzierte Orte und (5) Verkauf ohne besondere Zulassungsbeschränkungen.

(1) Verschreibungsmodell

Das medizinische Verschreibungsmodell ist am besten bewährt und untersucht. In Bezug auf etliche psychische Störungen (ADHS, Depression, Heroinabhängigkeit) wird es praktiziert. Die Verschreibung darf nur durch approbiertes Fachpersonal (i.d.R. Ärzte) erfolgen. Der Prozess der Verschreibung, Abgabe und Einnahme wird streng kontrolliert, um Missbrauch und Handel zu vermeiden. Das Modell richtet sich am ehesten an chronische Kranke und vermeidet Leidensprozesse (Schmerzen, Suizidalität) und Kriminalisierung.

(2) Apothekenmodell

Auch hier wird innerhalb eines klar definierten Rahmens agiert, der ebenfalls klar dem medizinischen Bereich zuzuordnen ist. Bislang ist die Abgabe von Drogen in Apotheken an medizinischen Gebrauch gebunden. Dies ist – etwa im Bereich der Heroinsubstitution – ein wichtiger Kontext zur Gesundheitsförderung und Entkriminalisierung. Durch das Apothekenmodell ließe sich auch die Abgabe wenig riskanter Substanzen zum Freizeitgebrauch – wie dort jetzt schon Life-Style-Produkte in vielfältiger Form abgegeben werden – regulieren und qualitätsgesichert durchführen. Auch die Schaffung spezialisierter Apotheken für psychotrope Stoffe mit intensiver Beratung und Qualitätssicherung ist in diesem Modell vorstellbar.

(3) Lizenzsystem

Bislang existiert ein Lizenzsystem bereits im Bereich der Abgabe von Alkohol und Tabak. Die Akteure in diesem System sollten stärker geschult und sensibilisiert werden, so dass sie Käufer und Interessierte qualifiziert beraten und auch Präventionsstrategien anwenden können. Die Abgabeschwelle für die legalen Substanzen kann innerhalb dieses Systems angehoben werden, andere risikoarme Substanzen können für die Abgabe an Erwachsene in das System integriert werden, so dass sich ein hochqualifiziertes System der lizenzierten Abgabe wenig und mittelgradig intensiv wirksamer Drogen entwickelt.

(4) Lizenzierte Orte für Kauf und Konsum

Neben der Erteilung von Lizenzen für Produktion und Vertrieb von Substanzen sind die Orte für Kauf und Konsum von besonderer Wichtigkeit, um den gesamten Prozess zu überwachen und zu regulieren. Die Lizenznehmer müssen mehr oder weniger strenge Regeln (Abgabezeiten und –mengen, Qualitätssicherung, zugelassene Substanzen) einhalten. Beispiele sind Kneipen und Bars, Raucher-Lounges, aber auch Coffee-Shops (Niederlande) und Diamorphin-Vergabestellen (in Deutschland derzeit in 11 Städten). Die Regularien und Elemente des Apotheken-Modells, des Lizenzmodells und des lizenzierte-Orte-Modells können miteinander verbunden werden, um Sicherheit, Verlässlichkeit und Kontrolle zu verbessern.

(5) Freier Verkaufsbereich

Der zuletzt genannte Bereich unterliegt kaum noch Beschränkungen. Er kommt für die Produkte Kaffee, Tee (meiste Sorten) und andere schwach psychotrope Lebensmittel in Frage. Hier gelten die Bestimmungen des Lebensmittelrechts, was Qualitätssicherung und –kontrolle angeht.

Das zentrale Anliegen des dargestellten und von TRANSFORM vorgelegten, von vielen anderen Organisationen unterstützten Modells, ist einerseits die Zerschlagung der weltweit agierenden Drogenkartelle, die viele Staaten, Organisationen, Polizei- und Justizapparate und Politiker korrumpieren und manipulieren. Sie beeinflussen mit riesigen Geldmengen und kriminellen Strategien relevante Akteure und Prozesse. Die Macht der Drogenkartelle ist weltweit so groß, dass sich viele Politiker, Polizeiführer und Richter nicht mehr an sie herantrauen. Andererseits müssen die Konsumenten besser und umfassender geschützt werden, was sowohl Qualitätskontrollen als auch Prävention und Behandlung umfasst. Der jahrzehntelange Irrweg der einseitig auf Drogenprohibition ausgerichteten Drogenpolitik muss ein Ende finden und in eine smarte, rationale, regulierte Gesundheitspolitik, die Drogenpolitik umfasst, transformiert werden.

Drogenpolitik muss smart sein

Es ist keine Lösung des Dauerdilemmas der Drogenpolitik, sie zu streng oder zu liberal, zu rechts oder zu links, zu hart oder zu weich zu gestalten. Diese Wege erzeugen nur neue Irrungen und Wirrungen. Sie muss adäquat, human und gesundheitsorientiert sein. Derzeit ist sie immer noch zu emotional, zu hysterisch und zu inkonsistent. Sie sollte vielmehr smart sein. Dies bedeutet, dass Drogenpolitik die wesentlichen Essenzen umfasst: rational, fundiert, informiert, human und mündig. Dass die deutsche Drogenpolitik nicht besonders smart ist, erschließt sich schnell beim Studium der Sucht- und Drogenberichte der Bundesregierung – und speziell ihrem Verharren in den amerikanisch geprägten Denkmustern des 20. Jahrhunderts.

Waren diese bis zum Jahr 2002 einschließlich streng dem Ductus des „War on Drugs“ ergeben, benutzten kriegerische Vokabeln wie Bekämpfung und Grenzschließung, hat sich das Ganze ab 2003 liberalisiert und damit verbessert. Ab dann wurden die vier Säulen der deutschen Drogenpolitik von Bund und Ländern beschlossen und operationalisiert: Prävention, Beratung und Behandlung, Risikoreduktion sowie Repression. Für deutsche Verhältnisse ein Quantensprung, aber unterm Strich und vor allem auf Dauer nicht genug: Es fehlt noch so viel! Die Mündigkeit des Bürgers, die adäquate Information zu Drogen, die effektive Kontrolle des Staates über Drogenherstellung und –vertrieb, Drug Checking an Konsumorten zur Risikoreduktion für Konsumenten, Therapieprogramme mit Konsumreduktion als Ziel und – vor allem – eine deutlich bessere Förderung und Finanzierung der Sucht- und Drogenforschung. Dazu gehören auch Drogenpolitik- und Suchthilfeforschung.

Es ist ehrenhaft, aber insgesamt einfach zu wenig, wenn sich Politiker, nachdem sie aus ihrem Amt ausgeschieden sind, für eine weltweit andere Drogenpolitik stark machen. Der Einsatz für eine faire, humanitäre und rationale Drogenpolitik muss deutlich früher einsetzen. Im Gegenteil: Amtierende Politiker in Verantwortung sind für eine humane und smarte Drogenpolitik verantwortlich! 

Fazit und Ausblick

Die Drogenpolitik des 20. Jahrhunderts ist gescheitert. Ihre Wurzeln liegen im religiösen Eifern und führten zu sexistischen und rassistischen Handlungen. Unzählige Menschen kamen dadurch zu Tode. Seit vielen Jahren werden Alternativen entwickelt und vorgeschlagen. Viele dieser Modelle zeigen rationale und gangbare Reformwege auf. Der tiefsitzende Anti-Drogenreflex bei den Verantwortlichen, aber auch in der Bevölkerung, ist von hoher Emotionalität (insbesondere Angst und Hysterie) getragen. Dies steigert die Irrationalität und die Paradoxien der Drogenpolitik.

Fachkräfte aus der biopsychosozialen Sucht- und Drogenhilfe sollten zusammen mit Experten aus anderen Disziplinen (Recht, Pharmakologie, Ökonomie usw.) den Verantwortlichen in allen demokratischen Parteien deutlich machen, dass auch Deutschland einen grundlegenden Wandel der Drogenpolitik braucht. Untätigkeit und Unterlassung in der Drogenpolitik – der Politik in Bezug auf psychotrope Substanzen, die in Zukunft besser Substanzpolitik genannt werden soll – sind nicht weiter akzeptabel. Je länger die Verantwortlichen in Bund und Ländern zuwarten, desto schlimmer kann die nächste Drogenwelle, die mit Sicherheit kommen wird, werden. Die Abwägung zwischen den Freiheitsrechten des einzelnen Bürgers, der Selbstbestimmung über Leben und Gesundheit, der Selbstverwirklichung auf der einen Seite und dem Schutz der Bürger, besonders der Kinder, Jugendlichen und (psychisch) Kranken auf der anderen Seite, muss zu einer smarten, rationalen Drogenpolitik führen. 

Weiterführende Literatur (in Auswahl): 

Bonengel, Timo (2020). Riskante Substanzen. Der „War on Drugs“ (1963 – 1992). Frankfurt: Campus. 

Hari, Johann (2015, 2. Auflg.). Drogen. Die Geschichte eines langen Krieges. Frankfurt/M.: S. Fischer.

Hoffmann, Annika (2012). Drogenkonsum und –kontrolle. Zur Etablierung eines sozialen Problems im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. Wiesbaden: VS Verlag. 

Holzer, Tilmann (2002). Globalisierte Drogenpolitik. Die protestantische Ethik und die Geschichte des Drogenverbotes. Berlin: VWB. 

Schlieckau, Jürgen (2015). Kompendium der deutschen Alkoholpolitik. Hamburg: Disserta Verlag.