„In the Mood“ – Mood-Management: Theorie und Praxis. Eine Betrachtung aus Sicht der Suchtprävention und Suchthilfe

Die eigene Befindlichkeit im Sinne von Mood-Management zu beeinflussen und erfolgreich zu steuern, ist ein Bedürfnis, das Menschen in der modernen Gesellschaft immer stärker aufweisen. Stimmungsmanagement ist für den modernen Menschen zunehmend ein wichtiger Grundpfeiler der mentalen Gesundheit und die Grundvoraussetzung für ein gelingendes Leben. Stimmungen dürfen nicht entgleiten, müssen aber auch situationsadäquat und reagibel auf Umwelteinflüsse sein. Stimmungen beeinflussen einerseits Wahrnehmung und Denken, diese kognitiven Prozesse wirken aber auch wieder modulierend auf die Stimmung zurück.


Menschen haben wohl schon immer versucht, negative Stimmungen zu vermeiden, oder wenn sie auftraten, sie nicht lange aushalten zu müssen. Dabei gibt es durchaus Ausnahmen: Die melancholische Stimmung galt in früheren Zeiten durchaus als ein Zustand, den man erleben konnte und durfte, auch mit der Gewissheit, dass man hindurchkommt und hernach vielleicht sogar gestärkt ist. Es spricht aber vieles dafür, dass durch die Bedingungen der postmodernen Welt – Individualisierung, Beschleunigung des Alltags, dauernde hohe Leistungsfähigkeit in Beruf und Freizeit – Ausmaß und Häufigkeit negativer Stimmungen zugenommen hat.

Definitionen: Psychologie der Stimmungen

Stimmungen unterscheiden sich von Gefühlen, Emotionen und Affekten dadurch, dass sie als zeitlich länger ausgedehnt erlebt werden. Bei gesunden Menschen ist von einer ausreichenden Stimmungsstabilität auszugehen. Dennoch sind auch sie bestimmten situationsbezogenen Schwankungen unterworfen. Sie weisen meist keinen scharf umrissenen Anfang oder ebenso kein deutlich markiertes Ende auf. Auch müssen Stimmungen nicht immer einen klaren Auslöser aufweisen. Im Unterschied zu Emotionen sind Stimmungen länger anhaltend und nicht von so starker Intensität wie plötzliche Gefühlsregungen. Sie weisen meist auch keinen klaren Anfang oder ein markant definiertes Ende auf, verlaufen damit eher schleichend und diffus. Stimmungen werden dabei als Resultat aus inneren emotionalen und kognitiven Prozessen und Interaktionen mit Umweltreizen und –ereignissen angesehen. Sie haben vor allem die Funktion, Menschen über ihr Wahrnehmungs- und Informationsverarbeitungssystem Orientierung in Bezug auf die Umwelt und sich selbst zu geben. 

Qualität und Dauer von Stimmungen sind entscheidend 

„Das schlägt mir aufs Gemüt“ ist eine eher altertümliche Beschreibung einer Stimmungskrise. Derartige Redewendungen sind selten geworden. Menschen reden heute eher von Gefühlen und Emotionen, die aber kurzlebigerer Natur sind, was vielleicht gerade dem Zeitgeist der Schnelllebigkeit entgegenkommt. Stimmungen werden in der Regel bipolar nach Qualität und Dauer bewertet, von negativer andauernder oder kurzfristiger Dysphorie über normale, durchschnittliche Stimmung bis hin zu positiver andauernder oder kurzfristiger Euphorie. Gute Stimmung – und nicht nur eine ausgeglichene Stimmung – zu haben, ist aber zunehmend eine soziale Norm. Missstimmung, Verstimmungen und andere dysphorische Stimmungslagen werden ungern toleriert.

Mood-Management schon in der Antike bekannt

Schon viele in der Antike entstandenen Philosophien und Religionen dienten dazu, den Menschen mehr Kontrolle über ihre Stimmungslagen zu ermöglichen. Dies spricht dafür, dass stimmungsbezogene Probleme tief in der Evolution des menschlichen Gehirns verankert sind. Die Lehren des Buddhismus und der Stoa sind solche historischen Versuche, Stimmungsschwankungen, die den Menschen beherrschen, zu kontrollieren. Dies kann durch Meditieren, Philosophieren und Reflektieren, aber auch Aktivitäten, Sport und feste Rituale gelingen. Das Ziel ist meist ein stabiler gelassener und friedlicher Gemütszustand. Im Extrem ist der angestrebte Zustand die Apatheia („Unempfindlichkeit, Leidenschaftslosigkeit“) als ein stabil gleichmütiger und friedlicher Gemütszustand. Das deutsche Wort Apathie, das heutzutage eindeutig negativ konnotiert ist, macht jedoch deutlich, dass ein Zuviel an Stimmungskontrolle in einen gleichgültigen, unerreichbaren Gemütszustand führt, der als Schwingungslosigkeit bezeichnet und meist abgelehnt wird. Ein anderes Ziel aus der Antike war die Ataraxie, ein von den Philosophen angestrebter Zustand der Unerschütterlichkeit. 

Für Zenon von Kition (333–264 v. Chr.), Gründer der Stoa, war Eudämonie (Glückseligkeit) nur dann zu erreichen, wenn kein störender Affekt vorherrschte. Er sah Affekte als übermäßige Triebe, von denen die Menschen sich durch die richtige Geisteshaltung und Lebensführung befreien sollten. Die Anstrengungen seit der Antike zur Gemütsberuhigung sind ein Hinweis darauf, wie groß die Schwierigkeiten der Menschen mit Dysphorie und Hyperaggressivität schon damals und vermutlich auch schon ganz lange gewesen sind. 

Beschleunigung des Alltags und die „Entdeckung“ des Stresses

In der modernen Welt kommt die zunehmende Fremdbestimmung des Menschen durch die Arbeitswelt als neues Lebenselement hinzu. Erst dadurch wurde die Unterscheidung zwischen Arbeits- und Freizeit erfunden. Das Lebenstempo und der Alltag haben sich wesentlich beschleunigt. Obwohl es Stresszustände sicher schon immer gab, wurde das Stresskonzept erst 1936 von dem ungarischstämmigen Mediziner Hans Selye während seiner langjährigen wissenschaftlichen Tätigkeit in Kanada erstmalig beschrieben. 

Menschenmassen bewegen sich in Hektik in einem Bahnhof.  Gelingendes Mood-Management wird zum zentralen Faktor.
Das Lebenstempo und der Alltag haben sich in den vergangenen Jahrzehnten beschleunigt.

Die Stressforschung legt nahe, dass eine Fülle von externalen und intrapsychischen Belastungssituationen die Vulnerabilität für Stimmungsschwankungen erhöht. Die Unfähigkeit oder der Verlust von Entspannungs- und Rekreationsfähigkeit sind Indikatoren für drohende Dysphorie. Stimmungen erscheinen als die organismische Bilanz der dauerhaften und akuten Lebenslagen einer Person vor dem Hintergrund von Biographie, Lernerfahrungen und Persönlichkeit. 

Heutzutage wollen Menschen immer mehr und stärkere Kontrolle über ihre Affekte haben, schlechte Stimmungslagen selbst kurzfristig nicht aushalten und sich stets in guter Verfassung zeigen. Diese Verhaltensnormen befördern auf der einen Seite fassadenhaftes, unechtes Verhalten, auf der anderen Seite steigt der Druck nach schnellen Lösungen, zu denen ganz besonders auch Substanzkonsum gehört. Eine besonders gute Selbstregulation hinsichtlich aller relevanten psychischen Funktionen gehört für den postmodernen Menschen zur Alltagsanforderung. Die Psychogenese relevanter Mood-Management-Probleme wird von den Menschen immer weniger der Biologie, sondern immer mehr der Kultur zugeschrieben. Dabei brauchen sie in Wirklichkeit Stressresistenzen (Resilienzen) auf biopsychosozialer Ebene, die umfassend genug sind, ihnen im postmodernen Berufs- und Lebensalltag umfassende Stimmungsstabilität zu ermöglichen. 

Stimmungen – Formen und Qualitäten

Mit Stimmungen werden intrapsychische Befindlichkeiten gemeint, die überdauernd sind und sich aus mehreren Emotionen zusammensetzen. Es geht insofern um eine komplex emotional gefärbte Bilanz des eigenen Zustands. 

Stimmungen bezeichnen somit die subjektive perzipierte psychophysiologische Gesamtverfassung eines Menschen. Sie besitzen neben ihrem positiven Pol (Angenehmsein) und negativen Pol (Unangenehmsein) zahlreiche andere Qualitäten. Stimmungen geben für den Einzelnen die gefühlte und repräsentierte Einstellung zu sich selbst und zur Umwelt wieder, d. h. sie färben den Hintergrund des täglichen Lebens und können somit als Wahrnehmungsfilter verstanden werden. Stimmungen können bewusst oder überwiegend bewusst wahrgenommen werden. Sie zeigen sich als erregende oder anregende Veränderung des subjektiven Befindens in der physiologischen-vegetativen Dimension als auch im Ausdruck und sind dann für andere wahrnehmbar. Die Interpretation einer Stimmung im Sinne einer selbstbezogenen Reflektion (Mentalisierung) kann jedoch durchaus unbewusst oder unterentwickelt sein, so dass Menschen wenig über ihre Stimmung bewusst Auskunft geben können. 

Wie entstehen Stimmungen im intrapsychischen System?

Stimmungen werden meist durch akute oder dauerhaft vorherrschende Emotionen, Kognitionen oder unbewusste Schemata hervorgerufen. Zu den Schemata gehören Selbst- und Weltbilder, die bestimmte dauerhaft auftretende Verhaltensweisen triggern, wie z.B. „man muss auf der Hut sein“, „Leistung und Anerkennung sind das wichtigste im Leben“, „am Ende zählt nur die Familie“. 

Ein Schema kann daher als intrapsychisches Instrument verstanden werden, um Informationen, die über die Sinnesorgane wahrgenommen werden, schnell zu verarbeiten und mit Bedeutungen bzw. Bewertungen und somit auch mit Stimmungen zu versehen. Schemata ermöglichen dem Menschen, sich in jeder Situation schnell und mühelos zurechtzufinden und sinnvoll zu verhalten.

Stimmungen können aber auch von exogenen Faktoren wie Jahreszeit, Wetter, Lärm und wiederkehrenden körperlichen Faktoren wie Schlafmangel, Sport, Ernährung oder Alkohol- und Drogenkonsum beeinflusst werden. Stimmungen unterscheiden sich von Gefühlen, Emotionen und Affekten auch dadurch, dass sie als zeitlich länger ausgedehnt erlebt werden, allerdings auch gewissen situationsbezogenen Schwankungen unterworfen sind. Im Gegensatz zu Emotionen bleiben Stimmungen für den Betroffenen meist im Hintergrund, äußern sich nur diffus und sind nicht objektbezogen. 

Stimmungen helfen zur Orientierung im Leben

Es wird in der psychologischen Forschung (Eldar et al., 2016) inzwischen davon ausgegangen, dass Stimmungen Menschen dabei helfen, sich schnell und effektiv in ihrer Umwelt zu orientieren und sich anzupassen. Verschiedene Stimmungen, die oft subjektiv auch als Launen empfunden werden, resultieren in der Regel aus einer Diskrepanz zwischen Soll- und Ist-Werten: schlechte Laune entsteht, wenn man sich von einer Situation mehr erwartet hätte, gute, wenn man weniger erwartet hätte. Stimmungen haben im Lauf der Evolution vermutlich den Vorteil mit sich gebracht haben, dass sich Menschen schneller auf Veränderungen einstellen zu können. So waren vermutlich in einer bedrohlichen Umwelt ängstliche Menschen im Vorteil, denn sie rechneten mit Bedrohungen und bewegten sich dementsprechend angemessen vorsichtig in ihrem Lebensraum. 

Eldar et al. (2016) vermuten, dass Stimmungen dazu beitragen, dass Menschen sich schnell in ihrer jeweiligen Umwelt orientieren und sich effektiv an veränderte Bedingungen anpassen können.  Sowohl gute Stimmung als auch schlechte Stimmung resultieren im Regelfall aus einer Diskrepanz zwischen Soll- und Ist- Zuständen: Schlechte Laune entsteht besonders dann, wenn von einer Situation mehr und besseres erwartet wurde, gute Laune, wenn weniger und schlechteres erwartet wurde. Stimmungen bilanzieren insofern die Wahrnehmungen, die Menschen von ihrer Umwelt und auch von sich selbst machen. Stimmungen haben im Laufe der Evolution vermutlich den Zweck gehabt, dass sich Menschen schneller auf Veränderungen einstellen konnten.

Sie sind insofern eine Weiterentwicklung und Spezialisierung von Instinkten und Reflexen. Stimmungen können – ähnlich wie Emotionen in akuten Situationen – als „Leitplanken“ zur Bewältigung des Alltags im Großen und Ganzen angesehen werden. Ängstlich gestimmte Menschen waren in einer durch Wahrnehmungsreize erkennbar bedrohlichen Situation im Vorteil, weil sie mit Bedrohungen rechneten, sie dies in ihrer Gestimmtheit bilanzierten und sie sich dementsprechend vorsichtiger in der entsprechenden Situation verhielten. 

In der postmodernen Berufswelt ist das Gehirn das beherrschende Produktionsmittel

Die Bedeutung von geistiger und mentaler Fitness im postmodernen Alltag hat mit dem Siegeszug der Industrialisierung und besonders der Dienstleistungs- und Informationsgesellschaft enorm zugenommen. Früher war Muskelkraft in der Arbeitswelt gefragt, heute ist es vor allem Gehirnleistung: Ausdauer, Konzentration, Kreativität und Gedächtnis sind die modernen Produktionsmittel der Arbeitswelt. Kein Wunder, dass viele Menschen einen Druck erleben, immer fit, mental frisch, leistungsfähig, erreichbar und besser als andere zu sein.
Aber auch in den anderen Bereichen des Alltagslebens wird mehr und mehr mentale Fitness und Stabilität erwartet. Dies bezieht sich auf Partnerschaft, soziale Netzwerke, Freizeit und Sport.

Mood-Enhancement

Der vorliegende Beitrag beschäftigt sich – vor allem wegen des Bezugs zur Suchtprävention und Suchthilfe – schwerpunktmäßig mit Mood-Enhancement mittels Psychopharmaka. Damit ist die pharmakologische Verbesserung der Grundstimmung bei Gesunden gemeint.  Hierfür kommen vor allem Antidepressiva, Psychostimulantien, Antiepileptika und Lithium in Betracht.  Pharmakologisches Mood-Enhancement (PME) als Unterkategorie des Mood-Managements (MM) lässt sich als Unterkategorie des Neuro-Enhancements begreifen. Unter Neuro-Enhancement (NE) sind alle möglichen Maßnahmen zur Erweiterung und Steigerung geistiger Fähigkeiten oder psychischer Befindlichkeiten bei Gesunden zu verstehen. Es ist naheliegend, dass die Beeinflussung der Stimmung eine besonders wichtige Kategorie des Neuro-Enhancements ist.

Formen des Neuroenhancements

Die vielen modernen Versuche des NE entwickeln sich auch bei Gesunden immer stärker in Richtung pharmakologische Beeinflussung (PNE: pharmakologisches NE). In diesem Bereich werden folgende Ansätze unterschieden: 

Gehirndoping (GD)

Unter Hirndoping versteht man den Versuch gesunder Menschen, die Leistungsfähigkeit des Gehirns durch die Einnahme von verschreibungspflichtigen Medikamenten oder illegalen Drogen zu verbessern. Dabei ist die Einnahme nicht medizinisch indiziert, die Substanzen wurden nicht ärztlich verordnet und der Konsum erfolgt nicht aus Genussgründen, sondern dient dem Ziel, die Leistungsfähigkeit des Gehirns trotz vorhandener guter Fähigkeiten weiter zu steigern (vgl. Moesgen & Klein, 2015; Franke, 2020).

Pharmakologisches Neuroenhancement (PNE)

Pharmakologisches Neuroenhancement (PNE) bezeichnet den Versuch gesunder Menschen, die Leistungsfähigkeit des Gehirns und/oder ihr psychisches Wohlbefinden durch die Einnahme von verschreibungspflichtigen Medikamenten oder illegalen Stimulanzien zu verbessern. Dabei ist die Einnahme nicht medizinisch indiziert, die Substanzen wurden nicht ärztlich verordnet und der Konsum erfolgt nicht aus Genussgründen. Der Konsum von legalen und frei verkäuflichen Präparaten ist nicht als PNE zu verstehen (Moesgen & Klein, 2015).

Mood-Management (MM)

Mood-Management (MM) bezeichnet den Versuch, Emotionen und Stimmungen zu beeinflussen, richtet sich also nicht wie das GD auf kognitive Leistungsprozesse. Dabei kann indirekt auch eine Verbesserung der kognitiven Leistungsfähigkeit angestrebt werden. Deshalb gehören zum MM besonders stimmungsverändernde Substanzen, insbesondere Antidepressiva (Franke, 2019). Das MM kann von Mood-Stabilzing bis zu Mood-Enhancern reichen, was auf jeweils unterschiedliche Ziele verweist von der Stabilisierung bei dysphorischen Phasen bis zur Verbesserung in Richtung „better than normal“.

Wozu überhaupt Stimmungsverbesserer (Mood-Influencers)?

Alleine schon das gesteigerte Bedürfnis nach Stimmungsstabilisierung und Stimmungsverbesserung bei gesunden, aber häufig gestressten oder selbstunzufriedenen Menschen, ist ein bezeichnendes Alltagsphänomen der Postmoderne. Das Wissen um die Möglichkeit eines pharmakologischen ME schafft am Ende auch Nachfrage nach diesen Substanzen (vgl. Moesgen & Klein, 2015). Die oben erwähnten Substanzen, die üblicherweise in der Pharmakotherapie psychisch kranker Menschen zum Einsatz kommen, bilden die Grundlage des ME bei Gesunden. Dabei kann ein derartiges Konsumverhalten von stimmungsstabilisierenden oder –verbessernden Substanzen durch gesunde Menschen zu Gewöhnung und psychischer Abhängigkeit führen

Eine Liste missbrauchsfähiger Substanzen zum Mood-Management findet sich hier.

Mood-Management: Funktionalität der Stimmungen 

Viele Tätigkeiten und Handlungen des menschlichen Lebens können bewusst oder unbewusst als Strategien verstanden werden, Stimmungen zu verändern. Es ist so, als ob Menschen ihr Gehirn kontinuierlich „füttern“, um eine möglichst positive Stimmung zu erhalten. Es gibt also ein kontinuierliches Mood-Management im menschlichen Alltag. Zu den Methoden zählen freundschaftliche soziale Interaktionen, guter Schlaf, Bewegung, Sport, gesundes Essen, Musik, lesen und oft auch der Konsum von Alkohol und anderen Substanzen. Eine filigrane, fein kalibrierte Abstimmung der Stimmung mit äußeren und inneren Reizen gehört zum Selbstmanagement. 

Auch viele gezielt rekreative Tätigkeiten – wie Entspannung, Meditation oder Yoga – beeinflussen die Stimmung positiv. 

Praxis des Mood-Managements

Die tägliche Stimmungsbeeinflussung beginnt meist schon mit einem Kaffee am Morgen. Über den Tag verteilt kommen allerlei weitere Beeinflussungen, z.B. über das Essen, aber auch durch Engery-Drinks, weitere Kaffes usw., hinzu. Aus vielen Nahrungsbestandteilen können die Neurotransmitter Serotonin, Dopamin, Noradrenalin usw. verstoffwechselt werden, so dass die Menschen die biochemische Grundlage für gute Stimmung und Gefühle haben. Nun müssen eine entsprechende Umwelt und vor allem die Psyche in förderlicher Weise hinzukommen. 

Der Anspruch der Menschen an ihre Stimmung beeinflusst meist auch ihre reale Stimmung (vgl. Eldar et al., 2016). Der Basisanspruch ist der des Normalizing: Es soll keine schlechte, getrübte Stimmung vorherrschen. Menschen wollen dann negative Gedanken „aus dem Kopf“ bekommen. Der darüber hinausgehende Anspruch, der auch die Nutzung von pharmakologischem Mood-Management (PMM) wahrscheinlicher macht, ist der des Better-than-well: Hierunter wird eine möglichst kontinuierlich vorhandene gehobene bis euphorische Stimmung verstanden. 

Hilfen gegen Verstimmungen

Jeder Mensch kann seine Stimmungen beeinflussen, der gesunde Mensch so weit, dass er keine regulierenden Psychopharmaka benötigt. Nicht jede Verstimmung oder Stimmungsschwankung, nicht jedes Stimmungstief sollte problematisiert oder gar pathologisiert werden. Verstimmungen gehören zum normalen Lebensalltag und sollten Anlass zur Selbstüberprüfung und –reflektion sein. Zur mentalen Gesundheit gehört neben einer basalen Stressresistenz auch eine gesunde Umgebung und ein verlässliches, enges soziales Netzwerk. Besonders wichtig erscheint auch ein gesundheitsförderlicher Lebensstil. Erst wenn Stimmungsschwankungen oder Stimmungstiefs sie dauerhaft anhalten und nicht mehr situationsangemessen sind, können sie die Entwicklung in eine psychische Störung darstellen.

Mood-Management: Chancen und Aufgaben der Suchthilfe und Suchtprävention

Pharmakologisches Mood-Management [Mood Stabilizer (MS) und Mood Enhancer (ME)] ist in der Gebrauchshäufigkeit bei Gesunden noch relativ selten. Genaue Zahlen liegen bislang nicht vor. Die Neugierde auf solche Enhancer ist bei Menschen, insbesondere solchen mit hohem Stress einerseits und Experimentierbereitschaft andererseits, hoch (Schröder et al., 2015). Nach dieser umfangreichen Studie mit mehr als 8.000 hochqualifizierten Akademikern in Stressberufen haben 1.5% reale Erfahrungen, ca. 21% sind bereit, Neuroenhancer (NE) zu konsumieren, wenn diese leicht zugänglich sind. 

Für die Zukunft ist es wichtig, dass Menschen lernen, ihre Stimmung mit nicht-pharmakologischen Methoden so zu beeinflussen, dass sie zufrieden und ausgeglichen sind. Dies gilt für eine zunehmend komplexe und stressaffine Lebenswelt im 21. Jahrhundert. Dafür steht nach wie vor eine große Zahl von psychologischen, physischen und kreativen Ansätzen zu Verfügung, wie z.B. Entspannung, Meditation, soziale Teilhabe in Gruppen, Sexualität, Sport, Musik und Malen. Aufgabe der Suchthilfe, und insbesondere der Suchtprävention, ist die Vermittlung genussvoller Lebenswege und Stimmungsmacher. Viele der genannten nicht-pharmakologischen Mood-Enhancer zeigen gute Wirksamkeit und können auf eine lange Tradition verweisen. Sie sollten in Kooperation zwischen Suchtprävention und Bildungswesen routinemäßigen Einzug in Schule und Arbeitswelt nehmen. 

Nicht pharmakologisches Mood-Management als Präventions- und Behandlungsauftrag der Suchthilfe und Suchtprävention

Suchthilfe kann sowohl Menschen, die einen gesünderen Umgang mit Alltagsstress und konkreten Belastungen suchen, präventiv helfen als auch solchen, die schwerwiegende Probleme mit Stimmungstiefs und Stimmungsschwanken aufweisen. Die Suchthilfe sollte das Thema des Mood-Managements (MM) proaktiv zu ihrem Angebot machen. Eine Begründung ergibt sich vor allem aus den Abhängigkeits- und Suchtgefahren vieler missbrauchsfähiger Substanzen. Während die stärkeren MM-Substanzen (Ampehtamine, Kokain) suchterzeugend sind, weisen viele andere Substanzen (Antidepressiva) das Risiko einer psychischen Abhängigkeit auf. Dies kann auch in einer erheblichen Schwierigkeit des Absetzens bestehen, obwohl dies medizinisch indiziert wäre, da keine behandlungsbedürftige Krankheit im Sinne einer affektiven Störung vorliegt.

Affektregulation als Thema in der Rückfallprävention

Für Kinder und Jugendliche stellt die gelingende Affektregulation ohne Psychopharmaka eine wichtige Entwicklungsaufgabe dar. Die Zielrichtung eines gelingenden MM trifft aber nicht nur für die Suchtprävention in der Arbeit mit Jugendlichen oder mit gefährdeten Gruppen in der Arbeitswelt zu, sondern auch für die Beratung und Therapie. So können MM-Konzepte auch in der Rückfallprävention wichtige Beiträge leisten. Hier bestehen im Übrigen auch enge Bezüge zu achtsamkeitsbasierten Verfahren, die sehr gut in MM-Konzepte integrierbar sind. Gerade in der Stabilisierung von Effekten in der Suchttherapie spielt das alltägliche MM eine wichtige Rolle. Mehr als zwei Drittel aller Rückfälle stehen in Zusammenhang mit negativen oder unausgeglichenen Emotionen und haben daher einen relevanten Bezug zu den Stimmungslagen.

Die Stimmungsstabilisierung – gerade bei gefährdeten Menschen – ist eine zentrale Aufgabe des Selbstmanagements. Viele Suchtkranke weisen ein Stimmungsprofil auf, das zwar keine Diagnose einer affektiven Störung rechtfertigt, sich dennoch aber als bedrückte, unausgeglichene Stimmungslage bezeichnen lässt. Diese Dysphorien erschweren den Alltag uns machen empfänglicher für Stresseffekte. Es handelt sich um Fälle subklinischer affektiver Probleme, vor allem nach einer Suchttherapie. Insofern stellt dies eine Aufgabe der Nachsorge und Rückfallprävention zugleich dar. Es kann sich dabei um eine Affektlabilität vor dem Hintergrund einer neu erworbenen Abstinenz handeln. Für diese Personen mit vorwiegend dysphorischer Stimmungslage sollte die Suchthilfe nützliche Angebote in Richtung nicht-pharmakologischem MM anbieten, die aus der Fülle der erprobten alltagsbezogenen Ansätze von Sport, Meditation, sozialer Interaktion bis Selbstreflektion reichen können. 

Literatur

Eldar, E., Rutledge, R. B., Dolan, R. J. & Niv, Y. (2016). Mood as Representation of Momentum. Trends in Cognitive Sciences 20 (1), 15 – 24. 

Franke, A. G. (2019). Hirndoping & Co. Die optimierte Gesellschaft. Berlin: Springer. 

Moesgen, D., Klein, M., Köhler, T., Knerr, P. & Schröder, H. (2013). Pharmakologisches Neuroenhancement – Epidemiologie und Ursachenforschung. Suchttherapie 14, 8 – 15. 

Moesgen, D. & Klein, M. (2015). Neuroenhancement. Stuttgart: Kohlhammer (Reihe: Sucht: Risiken – Formen – Interventionen. Interdisziplinäre Ansätze von der Prävention zur Therapie). 

Schröder, H., Köhler, T., Knerr, P., Kühne, S., Moesgen, D. & Klein, M. (2015). Einfluss psychischer Belastungen am Arbeitsplatz auf das Neuroenhancement – empirische Untersuchungen an Erwerbstätigen. Dortmund: Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin BAUA.

Weiterführendes:

Eine ausführlichere Fassung dieses Beitrags mit Übersicht zu Präparaten und Indikationsbereichen im Rahmen des pharmakologischen Neuroenhancements findet sich in der Schweizer Fachzeitschrift SuchtMagazin 2021, Jahrgang 47, Heft 1, S. 14  – 18.

Downloadbar hier.

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