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Verleugnung gehört zur Sucht
Verleugnung ist ein psychischer Mechanismus, durch den die Wahrnehmung einer schwer erträglichen Realität abgewehrt werden kann. Das ursprünglich aus der Psychoanalyse stammende Konzept wird sowohl im individuellen Zusammenhang als auch im gesellschaftlichen Kontext gebraucht. Im Unterschied zur Verdrängung als innere Abwehr richtet sich die Verleugnung gegen die erlebte innere oder äußere Realität. Verleugnung bestreitet oder deutet die Realität um. Äußere Gegebenheiten genauso wie innere psychische oder gesundheitliche Prozesse.
Im Fall von Suchterkrankungen bezieht sich der kognitive Abwehrmechanismus (vgl. Sucht als Wahrnehmungs- und Denkstörung: Kognitive Abwehr und Verzerrungen bei Suchtstörungen (Sucht und Kognition #1)) der Verleugnung auf die äußerliche Realität von Familie, Arbeitswelt, die häusliche Umgebung und die Konsumabläufe (Mengen, Zeiten, Stoffe) selbst, aber auch die inneren Prozesse wie Kontrollverlust, emotionale Prozesse, Selbstwahrnehmung und zentrale kognitive Prozesse. Verleugnung gehört zur Sucht wie Kontrollverlust, Toleranzerhöhung und unwiderstehliches Verlangen, wird jedoch viel seltener thematisiert.
Kognitive Abwehrmechanismen sorgen für Abschottung und Schamreduktion
Kognitive Abwehrmechanismen sind universelle, unbewusste Regulationsstrategien, die sowohl Schutz als auch Begrenzung herstellen und zweckmäßig sind, wenn sie nicht Überhand nehmen. Intrapsychisch sind sie ein Fenster in die Tiefe der Persönlichkeit und zeigen deren Organisation, Durchlässigkeit und Flexibilität. Sie können aus Unreife und wahnhaften Verzerrungen herrühren. Bei übermäßigen – und damit sehr mächtigen Abwehrprozessen – überwiegen die langfristigen negativen Folgen. Die Stärke und das Einsatzgebiet von Abwehrmechanismen ist zugleich Indikator für Reife, Flexibilität und psychische Integrität. Bei der Suchterkrankung sorgen sie für Abschottung von der Realität und für Schamreduktion. Sie bieten damit Schutz vor unerträglichen Emotionen und nicht akzeptabler Realität. Alles natürlich nur kurzfristig und nur mit sich immer häufiger wiederholender Intoxikation.
Verleugnung als kognitiver Abwehrmechanismus hat die gleiche rein kurzfristig erfolgreiche Wirkung für den Einzelnen wie der Substanzkonsum selbst. Verleugnung wirkt wie ein Sedativum. Sie dämpft die Scham, Unruhe und Sorgen, bis die Realität kaum noch durchdringt. Es handelt sich um eine doppelte Täuschung – durch den chronischen Substanzkonsum und durch die sich entwickelnde kognitive Abwehrstrategie der Verleugnung entfernt sich der Betroffene immer mehr von der Realität – und damit auch von seinen Angehörigen und sich selbst. Es kommt so zu einer tiefen Selbsttäuschung und einem dauerhaften Selbstbetrug (vgl. Selbsttäuschung und Selbstbetrug bei Sucht (Sucht und Kognition #4)). Suchtkranke, die Jahre oder Jahrzehnte in diesem Zustand verharren, verlieren nicht nur ihren Realitätsbezug, sondern auch ihre realistischen, mental gesunden Handlungsfähigkeiten. Verleugnung führt zu Lügen, sich selbst und anderen gegenüber. Lügen dienen der Anpassung an die manipulierte (veränderte) Realitätsverarbeitung.
Die Funktion der Verleugnung im Suchtprozess
Sucht ist nicht nur eine Verhaltensstörung mit Kontrollverlust und Exzessivität, sondern eine komplexe Selbstregulationskrankheit. Substanzkonsum dient der Affektkontrolle, Selbstwertstabilisierung und Spannungsreduktion – in vielen Fällen als Ersatz für fehlende emotionale Bewältigungsstrategien und selbstgesteuerte Verhaltensweisen. Die Verleugnung bildet in diesem System den psychischen Kitt, der das fragile Gleichgewicht zwischen Scham und Zusammenbruch zusammenhält. Der Süchtige weiß innerlich meist um seine Abhängigkeit und seinen Kontrollverlust, doch er akzeptiert diese Tatsachen nicht – weil die Anerkennung dieser Wahrheit sein ohnehin labiles psychisches Gleichgewicht zerstören würde. So entsteht immer mehr Vermeidung vor der Anerkennung der Realität. Auf kognitiver Ebene wird dies mit Verleugnung der Realität begleitet und vertieft. Der Suchtkranke glaubt an das, was er sich mit größter Energie vormacht.
Psychodynamisch gesehen schützt die Verleugnung den Betroffenen vor Scham („Ich bin schwach“; siehe auch Scham – Die Kernemotion der Sucht (Sucht und Emotionen #10)), Angst vor komplettem Kontrollverlust, Schuld gegenüber Familie, Partnern oder sich selbst und vor der inneren Leere (siehe Innere Leere und ihre Überwindung (Sucht und Emotionen #15)), von der befürchtet wird, dass sie ohne die Suchtmittel auftauchen würde. Die chronische Verleugnung und Realitätsverweigerung sind also nicht Ausdruck von charakterlicher Unehrlichkeit, sondern eine Überlebensstrategie des Ichs. Trotzdem erleben sich die Betroffenen immer wieder als Lügner und ihre Angehörigen verspüren dies noch stärker (vgl. Sind Suchtkranke Lügner? – Einsichten und Hilfsmöglichkeiten für Betroffene und Angehörige (Sucht und Kognition #3)).
Das Zusammenspiel von Verleugnung mit Scham, Kontrolle und Identität
Die Verleugnung ist eingebettet in ein inneres Gleichgewichtssystem:
- Schamabwehr führt zu Verleugnung („Ich habe kein Problem“)
- Selbstwertschutz dient der Kontrollüberzeugung („Ich kann aufhören, wenn ich will“)
- Beziehungsmanipulation zur Idealisierung oder Entwertung anderer („Meine Frau übertreibt nur“)
- Realitätsabwehr zur Minimierung der Konsequenzen („Ich weiß, wie es ist“).
Dieser Mechanismus stabilisiert kurzfristig das Selbst, verhindert aber langfristig Veränderung und Beziehungstiefe. Therapeutisch bedeutet das: Verleugnung muss zum Thema werden. Man kann Suchtverleugnung nur von innen heraus verstehen und verändern, aber nicht verbieten oder gar brechen.
Von ein bisschen Verleugnen zum babylonischen Lügenturm
Suchtkranke erstarren immer mehr in Lügen und Täuschungen, sich selbst und anderen gegenüber. Die Lügen bauen sich schleichend zu einem Lügengebäude, einem babylonischen Lügenturm, auf. Eine Lüge zieht die nächste nach sich. Die Betroffenen glauben meist, dass man ihnen diese Lügen nicht anmerkt, dabei enttäuschen und verletzen sie ihre Angehörigen fast täglich. Die langfristigen Folgen bei Verleugnung bestehen in einer Verschärfung der inneren psychischen und der sozialen Konflikte. Diese führen nicht selten zu Vereinsamung (siehe Einsamkeit und Sucht: Einsame Menschen mit Suchterkrankung – Suchtkranke mit Einsamkeitsproblemen),Depression (siehe Männerdepression und Suchtstörungen) und Suizidalität (siehe Sucht und Suizidalität – Hintergründe, Risiken, Lösungen). Am Ende kann ein physischer und psychischer Kollaps zur Behandlung der Suchtstörung und dem Zusammensturz des Lügengebäudes führen.
Formen der Verleugnung im Suchtverhalten
Verleugnung kann verschiedene Formen im Verhalten annehmen, die meist in kombinierten Formen auftreten. Im Folgenden die wichtigsten davon mit jeweils einem Beispiel:
| Form | Beschreibung | Beispiel |
|---|---|---|
| Bagatellisierung | Das Ausmaß des Konsums oder der Folgen wird verharmlost | „Ich trinke nur ein paar Bier – das ist doch normal.“ |
| Rationalisierung | Substanzgebrauch wird logisch gerechtfertigt | „Ich brauche das, um mich zu entspannen.“ |
| Externalisierung | Verantwortung wird nach außen verlagert | „Ich trinke nur, weil meine Frau mich stresst.“ |
| Vergleichsabwehr | Verharmlosender Bezug auf andere, um eigenes Verhalten zu relativieren | „Die anderen sind viel schlimmer dran.“ |
| Alibi-Abstinenz | Kurze Abstinenzphasen als Beweis von Kontrolle | „Ich habe ja schon mal zwei Wochen nichts genommen.“ |
| Verdeckte Verleugnung | Betroffene erkennen die Diagnose, aber nicht die emotionale Bedeutung | „Ich weiß, dass ich abhängig bin, aber das hat nichts mit mir zu tun.“ |
Was tun gegen (zu viel) Verleugnung?
Um der bei Sucht oft zur Gewohnheit werdenden Verleugnung ein Ende zu setzen, braucht es einen deutlichen Cut in der Lebensrealität. Dies kann durch eine stationäre Behandlung, durch die regelmäßige Teilnahme an Suchtselbsthilfegruppen oder durch eine tiefgreifende spirituelle Veränderung geschehen. Ein wesentliches Veränderungs- und Therapieziel ist daher die Wahrheitstüchtigkeit. Wahrheitstüchtigkeit ist die Fähigkeit, Wirklichkeit zu erkennen, emotional zu tragen, kritisch zu prüfen und verantwortlich zu integrieren – individuell wie kollektiv. Um Wahrheitstüchtigkeit zu erlangen, bedarf es der dauerhaften und tiefen Anstrengung nach Wahrheitlichkeit. Wahrheitlichkeit umfasst die Bereitschaft zur Selbstkorrektur, Toleranz gegenüber Ambivalenz und Nichtwissen, Fähigkeit, unangenehme Fakten innerlich zu integrieren und den Verzicht auf systematische Selbsttäuschung. Letzten Endes geht es darum, ob jemand bereit ist, sich von der erfahrbaren Realität korrigieren zu lassen.
Das Erlernen eines reflektierteren Umgangs mit den eigenen Abwehrmechanismen ist Kern jeder psychodynamischen, integrativen oder traumaorientierten Therapie. In der Suchttherapie wird ein Abbau und eine Revision der konsumbezogenen Abwehrmechanismen angestrebt, damit überhaupt eine gesunde und förderliche Selbstreflektion und daraus abgeleitete Verhaltensänderungen möglich sind. So ist es wichtig, das Ausmaß des Konsums, die situativen und emotionalen Auslöser und die Konsequenzen genau zu betrachten, um Veränderungsmotivation zu entwickeln.
Wahrheitlichkeit, Sinnfindung und Selbstinventur
Wenn die eigene innere Stimme nicht mehr verlässlich ist, weil sie zu lange mit der Realitätsverzerrung beschäftigt war oder der Zugang zu der authentischen inneren Stimme blockiert ist, helfen bestenfalls die Rückmeldungen anderer wohlwollender und wahrheitlicher Menschen. Diese können den Bezug zur Realität und sich selbst schrittweise wieder ermöglichen. Wenn es bei den Anonymen Alkoholikern (AA) im 4. Schritt heißt, „wir machten eine gründliche und furchtlose Inventur in unserem Inneren“, ist damit dieser Prozess der Selbstreflektion mit Streben nach tiefer Wahrheitlichkeit gemeint. Um wieder oder vielleicht sogar erstmalig seinen sinnerfüllten Weg im Leben zu finden, kann ein spirituelles Angebot (Retreat, Exerzitien o.ä.) einen signifikanten Input leisten.
Fazit
Verleugnung ist eine der tiefsten menschlichen Schutzformen – sie schützt das fragile Ich vor dem Zusammenbruch, den die Wahrheit über die eigene Ohnmacht auslösen könnte. Bei Suchtstörungen ist dieser Schutz- und Abwehrmechanismus besonders stark. Therapeutisch entscheidend ist nicht, ob Verleugnung da ist, sondern wie mit ihr umgegangen wird: Nicht Entlarvung und Gegenbeweise sind nötig, sondern eine behutsame Begleitung in eine erträgliche Realität, die dann gelebt werden kann. Das Ganze bis das Ich stark genug ist, die Realität zu ertragen, die es unbewusst schon immer kannte. Dann kann die Person beginnen, ihr reales Leben zu verbessern.
