Männerdepression und Suchtstörungen

Dass Männer depressiv werden oder gar eine spezifische Männerdepression aufweisen und dabei zugleich eine Suchtproblematik in Bezug auf Alkohol oder andere Drogen entwickeln, erscheint im ersten Moment vielen überraschend oder wird schnell mit dem lapidaren Kommentar „Wo gibt´s denn so was?“ quittiert. Aber die Forschung zu psychischen Komorbiditäten zeigt, dass gerade der Zusammenhang zwischen depressiven Befindlichkeiten und Substanzkonsum bei Männern deutlich erhöht ist. Depressive Probleme stellen bei Männern ein ernstzunehmendes Thema dar, auch wenn sie seltener als Frauen an Depressionen erkranken. Die männerspezifischen Formen von Depression werden bei der folgenden Betrachtung der Symptome, Prävalenzen und Verläufe schnell deutlich. Es sollte allen Betroffenen, Angehörigen und Fachkräften bewusst sein, dass Depressionen bei Männern ein ernstzunehmendes Problem sind. Sie sind meist schwerer zu entdecken, zu diagnostizieren und einer Behandlung zugänglich zu machen als bei Frauen.

Fallbeispiel für eine Männerdepression: Depressiver Mann im mittleren Alter

Fallbericht: Thorsten (40) leidet seit einigen Monaten an Schlaflosigkeit, Lust- und Antriebslosigkeit, ist oft schlecht gelaunt und leicht reizbar. Er ist seit 11 Jahren verheiratet und Vater zweier Söhne (7 und 4 Jahre). T. hat nach einem erfolgreichen Studium (Informatik), promoviert, etliche Weiterbildungen absolviert und sich habilitiert. Er strebt eine Universitätsprofessur an. Dafür hat er bereits intensive Vorarbeiten in Form einiger internationaler Publikationen geleistet. Er unterstützt trotz seiner Karriereambitionen seine Frau intensiv bei Haushaltsaufgaben und Kindererziehung. Zu seinen Söhnen hat er ein intensives und liebevolles Verhältnis. Dies ist ihm besonders wichtig, weil er sich von seiner Mutter, die sehr karrierebewusst gewesen sei, wenig akzeptiert und geliebt gefühlt habe. Sie habe ihn oft alleine gelassen und sei sehr schnell ungeduldig und laut geworden, wenn er etwas falsch gemacht habe. Seinen Vater habe er nie kennengelernt, weil dieser schon vor seiner Geburt bei einem Unfall verstorben war.

Bei den beiden Söhnen habe er nach der Geburt jeweils zwei Monate Erziehungsurlaub genommen, was ihm von seinem Chef in der Uni negativ angekreidet worden sei. Nach drei erfolglosen Versuchen in den letzten fünf Jahren, auf eine Professur in Informatik berufen zu werden, meint er, dass dies vor allem daran gelegen habe, dass er keine Frau sei. In allen Fällen seien Frauen auf den Berufungslisten vor ihm platziert worden. Dies habe man ihm so hinter der Hand vermittelt mit der Bemerkung, dass gerade in der Informatik jetzt dringend Frauen auf Lehrstühle berufen werden müssten, sonst würde man als Fachbereich innerhalb der Universität Probleme bekommen. Die Gleichstellungsregelungen der Länder für die Universitäten würden diese Berufungspolitik in der Praxis alternativlos machen. Er sei als Mann derzeit nahezu chancenlos.

Bei der zahlenmäßigen Übersichtlichkeit seines Spezialgebiets weiß er, dass alle drei auf eine Professur berufenen Kolleginnen kinderlos waren. Er denkt, dass diese sich mehr für ihre Karriere einsetzen konnten als er, der er sich stark um seine Kinder kümmere. Sein Engagement für Kindererziehung und Familie würden ihm nicht honoriert. Er fühlt sich persönlich diskriminiert und wegen seines Geschlechts benachteiligt. Eine entsprechende Nachfrage bei der Gleichstellungsbeauftragten seiner Universität hatte sich schnell erledigt, als diese ihm erklärte, dass sie nur für Anliegen von Frauen zuständig sei. 

Er wurde in den letzten zwei Jahren immer negativer und verbitterter und fürchtet, dass er sich bald einen Job außerhalb der Universität suchen müsse, da sein jetziger Post-Doc-Vertrag bald auslaufe und die Universität ihn – um Präzedenzfälle zu vermeiden – nicht verlängern wolle. T. trinkt seit zwei Jahren auch immer häufiger am Abend und an den Wochenenden Alkohol. Dann geht es ihm emotional besser und er vergisst dann seine hoffnungslose berufliche Lage. Er weiß, dass „dies keine Lösung sei“, aber das kurzfristige Vergessen und Abschalten genieße er sehr.

Seine Frau (Ärztin) macht sich große Sorgen um ihn, insbesondere um sein Alkoholtrinken und weil er ansonsten immer mehr grübele und emotional unerreichbar sei, und schlägt ihm wiederholt vor, sich psychotherapeutische Hilfe zu suchen. Dies weist Thorsten zunächst von sich. Nachdem er aber mit den Söhnen im Alltag immer ungeduldiger wird und sie einmal schrecklich angeschrien habe, stimmt er schließlich zu, weil er ihnen ein guter Vater bleiben will. Er sucht einen Psychotherapeuten in ambulanter Praxis auf und hofft auf die Möglichkeit einer Besserung seiner Problematik.

Affektive Störungen (vor allem Depressionen)

Depressionen gehören zu den affektiven Störungen. Dies sind Erkrankungen der Stimmungslage, die in der Regel länger als 3 – 6 Monate anhalten müssen, um eine solche Diagnose zu rechtfertigen. Bis zu 7% aller Männer sind im letzten Jahr an einer affektiven Störung erkrankt. Affektive Störungen können unipolar (Depression, Manie, dysthyme Störung) oder bipolar (Bipolare Störung mit manischen und depressiven Phasen, zyklothyme Störung) verlaufen. Unipolare Depressionen stellen die häufigste Form einer affektiven Störung dar. Bei ihnen sind Stimmung und Antrieb dauerhaft im negativen Bereich. Bei bipolaren Störungen wechseln Stimmung und Antrieb zwischen übertrieben negativ und unrealistisch euphorisch. Diese Wechsel geschehen normalerweise im Abstand von mehreren Wochen oder Monaten. 

Außerdem können affektive Störungen episodenhaft (mit einer einzelnen Episode oder wiederkehrenden Episoden) oder dauerhaft auftreten. Episoden dauern im Regelfall von 6 Wochen bis zu 9 Monaten. 

Die häufigste Form einer affektiven Störung ist die unipolare depressive Episode („major depression“). Die Erkrankung wird je nach Schweregrad in eine leichte, mittelgradige oder schwere Verlaufsform unterschieden. Zur Diagnose einer schweren Depression müssen ≥ 5 der folgenden Punkte in der selben 2-wöchige Periode fast jeden Tag auftreten, und einer von diesen muss depressive Stimmung oder Verlust von Interesse oder Freude sein:

  1. Depressive Stimmung fast den ganzen Tag.
  2. Deutlich vermindertes Interesse oder Freude an allen oder fast allen Aktivitäten für die meiste Zeit des Tages
  3. Signifikante (>5%) Gewichtszu- oder abnahme oder verminderter oder gesteigerter Appetit
  4. Insomnia (Durchschlafstörungen) oder Hypersomnie
  5. Von anderen beobachtete psychomotorische Unruhe oder Retardierung (nicht selbst berichtet)
  6. Müdigkeit oder Antriebslosigkeit
  7. Gefühle der Wertlosigkeit oder übermäßige oder unangemessene Schuldgefühle
  8. Verminderte Fähigkeit zu denken oder sich zu konzentrieren oder Unentschlossenheit
  9. Wiederkehrende Gedanken an Tod oder Selbstmord, Selbstmordversuch oder einen bestimmten Plan, um Selbstmord zu begehen.

Das Gehirn verändert sich unter der Depression

Depressionen liegt auch eine Veränderung des Gehirnstoffwechsels (insbesondere hinsichtlich der Neurotransmitter Serotonin und Noradrenalin) vor. Hinzu kommen kognitive Auffälligkeiten (sogenannte kognitive Triade in Form negativen Denkens in Bezug auf sich selbst, andere und die Zukunft). Oft gibt es genetische Vorbelastungen in der Familie. Aber Depressionen können auch eine intensive, langanhaltende Reaktion auf negative Lebensereignisse (Trennung, Arbeitsplatzverlust, Selbstwertkrisen) darstellen. 

Die beiden Entstehungsbereiche von Depressionen – psychosozial und neurobiologisch – schließen sich nicht aus, sondern ergänzen sich vielmehr. Sie können die Risiken verstärken oder abschwächen. Das bedeutet im Detail, dass eine Depression nicht ausschließlich körperliche (neurobiologische) oder psychosoziale Ursachen hat, sondern vielmehr immer auf beiden Seiten nach Ursachen gesucht werden sollte. Gleiches gilt dann für die therapeutische Behandlung, die sowohl die Psyche (Denken, Fühlen, Verhalten) als auch den Gehirnstoffwechsel (Medikation) umfassen sollte.  Mit der Depression ist es ähnlich wie mit einer Medaille, die auch immer von zwei Seiten zu betrachten ist (vgl. Prof. Dr. U. Hegerl, Deutsche Depressionshilfe).

Etwa jede vierte Frau und jeder achte Mann ist im Laufe des Lebens von einer Depression betroffen. Frauen erkranken also zwei– bis dreimal so häufig an einer Depression wie Männer (https://www.deutsche-depressionshilfe.de). Die Symptome einer Depression können mannigfaltig sein, so dass die Erkrankung – besonders am Anfang – oft schwer zu erkennen ist. Sie äußern sich in den Bereichen: 

  • Kognition – negatives Denken in Bezug auf sich selbst, andere und die Zukunft
  • Emotion – Gefühle von Verzweiflung, Niedergeschlagenheit, Aussichtslosigkeit, Hoffnungslosigkeit
  • Motivation – Antriebslosigkeit, Lustlosigkeit, Gleichgültigkeit
  • Verhalten – Verlangsamung, Leistungsprobleme, Rückzug, häufiges WeinenKörper – Schlaflosigkeit, Kopfschmerzen, Körperschmerzen. 
  • Körper – Schlaflosigkeit, Kopfschmerzen, Körperschmerzen. 

Männerdepression: Substanzkonsum bei depressiven Männern

Bei psychischen Missempfindungen setzen Männer oft sehr schnell und wenig bewusst Substanzen ein, um diese Dysphorien zu bekämpfen. Dies bezieht sich vor allem auf Alkohol und Tabak, aber auch – wenn auch in geringerem Umfang – auf Cannabis, Benzodiazepine und Opioide. Kurzfristig verschaffen diese Substanzen eine Erleichterung (negative Verstärkung), langfristig können Abhängigkeit und eine Verschlimmerung der Ausgangssituation eintreten. Das Einnahmeverhalten in Bezug auf diese Substanzen kann als ein Versuch der Selbstmedikation bzw. Selbstheilung – oft unbewusst – verstanden werden. Suchtkranke Männer weisen ein zwei- bis dreifach erhöhtes Risiko für eine depressive Störung im Vergleich mit nicht suchtkranken Männern auf.

Zwei Drittel aller Suchtkranken mit unipolaren depressiven Störungen entsprechen in ihrer Entwicklung dem Entstehungsmodell einer Selbstmedikation. Bei dem restlichen Drittel handelt es sich um substanzinduzierte Depressionen, vor allem in Bezug auf Alkohol (Preuss et al., 2016). Dabei lösen die neurobiologischen Effekte der Substanz im Verlauf der Gehirnverstoffwechselung depressive Reaktionen aus. Solche alkoholinduzierten Depressionen entstehen oft in oder kurz nach Phasen intensiven, exzessiven oder dauerhaft erhöhten Alkoholkonsums. Sie können Folge einer übermäßigen Intoxikation oder einer schon einsetzenden Entzugssymptomatik sein. Eine amerikanische Studie konnte zeigen, dass depressive Symptomatiken bei Männern mit einer höheren Zahl von Trinktagen als bei Frauen zusammenhängen. Depressivität scheint demnach bei Männern zu einer intensiveren Dauerintoxikation mit Alkohol zu führen. Bei einer Therapie muss daher der enge Zusammenhang der beiden Problematiken zwingend mitberücksichtigt und –behandelt werden. 

Am Anfang gelingt oft die Maskierung der Depression mit Suchtmittelkonsum

In Bezug auf Männer, Depression und Substanzkonsum ist außerdem noch zu bedenken, dass viele ihre depressiven Symptome so frühzeitig mit Alkohol- und Drogenkonsum dämpfen, dass es zunächst nicht zu einer erkennbaren depressiven Krankheitsentwicklung kommt. Über längere Zeit gelingt dann die Selbstmedikation, so dass die Depression nicht wahrgenommen wird und sich bestenfalls schleichend weiterentwickelt. Erst nach einer längeren Suchtproblematik mit entsprechender Toleranzentwicklung und Dosiserhöhung kommt er soweit, dass dann die depressiven Probleme durchbrechen und nicht mehr mit den Suchtmitteln „maskiert“ werden können. 

Männerdepression? – Symptome und Verlauf

Es gibt schon länger die Annahme einer männerspezifischen Form der Depression („male depression“). Bei dieser dominieren besonders Reizbarkeit, Unruhe, Irritierbarkeit und Aggressivität als Abwehrmechanismen gegenüber der depressiven Grundproblematik. Auch Alkohol- und Drogenkonsum als Versuch der Affektmanipulation (antidepressive Effekte) können auftreten. Die antidepressive Wirkung der Substanzen hält jedoch nicht lange an, und der betroffene Mann muss wieder und nach und nach mehr konsumieren. So kann ein Teufelskreis aus Depressionsbekämpfung und zunehmendem Substanzkonsum entstehen. 

Empirisch gesichert ist, dass depressive Männer etwas häufiger von Schlaflosigkeit betroffen sind und mit höherer Gereiztheit reagieren als depressive Frauen. Auf Dauer können auch suizidale Gedanken und Phantasien auftreten („Parasuizidalität“). Männer begehen drei- und viermal häufiger Suizid als Frauen, oft ohne darüber vorher zu sprechen. Die meisten dieser Männer leiden (unerkannt) an Depressionen. Bei einer Depression empfiehlt sich eine intensive Psychotherapie (ambulant oder stationär), oft anfangs in Kombination mit einer antidepressiven Medikation. Begleitend sollte auch Sport wegen seiner antidepressiven Wirkung betrieben werden. 

Eine besonders eindrückliche Darstellung einer depressiven Krankheitsentwicklung findet sich in dem Buch „Mein schwarzer Hund“ von Matthew Johnstone (2008). Dieses aufklärerische, informierende Buch mit vielen Illustrationen und wenig Text macht Betroffenen alltagsnah begreiflich, was die Depression als Erkrankung bei ihnen bewirkt. Der große schwarze Hund, der am Ende von dem betroffenen Mann an die Leine gelegt wird, steht für die Rolle und Macht der Depression.

Symptome der Männerdepression

Die Verhaltensanzeichen bei Depression können sich zwischen Frauen und Männern unterscheiden. 

Vor allem zeigen Männer häufiger Alkohol- und Drogenmissbrauch und reagieren öfter mit Ärgerattacken, Gereiztheit und riskantem Verhalten. Dieses kann sich z.B. auf Glücksspiel, gefährliches Autofahren und Pornosucht beziehen. 

Männer mit depressiver Symptomatik zeigen vor allem folgende Merkmale:

  1. Mehr Substanzkonsum: Alkohol, Tabak, Drogen
  2. Rückzug und Vermeidung von familiären und sozialen Kontakten
  3. Leugnung, Verschlossenheit, Abwehr in Bezug auf den eigenen Zustand
  4. Dysphorie, Übellaunigkeit, Reizbarkeit
  5. Exzessives Arbeiten ohne angemessene Pausen
  6. Schwierigkeiten, mit Verpflichtungen (Arbeit, Familie) zurechtzukommen
  7. In Beziehungen kontrollierender und negativer werden
  8. Mehr Risikoverhaltensweisen und Verhaltensexzesse (Glücksspiel, Online Pornokonsum)
  9. Verborgene Parasuizidalität 

Was macht Männer depressiv?

Die Auslöser einer Depression sind zahlreich. Sie können sich auf negative Lebensereignisse, Trennungen, Verlusterlebnisse, Unfälle und Krankheiten beziehen. Auch kann eine Empfänglichkeit (biologische Vulnerabilität) für Depressionen bestehen, die bei erhöhtem Stress zum Ausbruch kommt. Bei Männern beziehen sich Depressionen oft auf Versagenserlebnisse im Beruf und auf Trennungen von der Partnerin oder von den Kindern. Im Wesentlichen geht es darum, dass Lebenskonzepte und Rollenmuster erschüttert oder bedroht sind. Wenn keine flexible Anpassung an die Bedrohungen, Ereignisse oder einen Dauerstress gelingt, erhöht sich das Risiko für eine depressive Erkrankung. Oft geht mit einer längeren Phase von Kränkung, Trennung und Versagenserlebnissen ein Gefühl der Verbitterung oder Vereinsamung einher. Diese beiden Phänomene werden im Folgenden behandelt.

Risikogruppen für Depression und Suizid

Eine groß angelegte US-Studie von Professor Rob Whitley ergab, dass unverheiratete Männer im Alter von 40 bis 60 Jahren ein 3,5-mal höheres Risiko haben, durch Selbstmord zu sterben, als verheiratete Männer und unverheiratete Frauen im gleichen Alter. Eine andere große US-Studie zeigte, dass unverheiratete Männer im Alter von 40-75 Jahren im Vergleich zu verheirateten Männern derselben Altersgruppe ein 2-faches Risiko für einen Suizid hatten

Andere Untersuchungen eruierten, dass ledige Männer höhere Raten an Depressionen haben als verheiratete Männer. So wurde in einer Studie eine mehr als doppelt so hohe Rate an Depressionen bei alleinstehenden Männern (3,6 Prozent) im Vergleich zu verheirateten Männern (1,7 Prozent) festgestellt. In weiteren Studien wurde herausgefunden, dass alleinstehende Männer eine viel höhere Rate an Süchten haben als andere Personengruppen, einschließlich verheirateter Männer und alleinstehender Frauen. 

Sind einsame Männer häufiger depressiv?

Einsamkeit stellt für viele Betroffene einen Entstehungskontext für Depression dar. Einsamkeit ist dabei zum einen die Situation der sozialen Isolation, bei der es keine oder nur sehr wenige soziale Kontakte gibt. Betroffene fühlen sich dann vom sozialen Geschehen und der gesellschaftlichen Teilhabe abgeschnitten. Sie schaffen es nicht, Kontakte herzustellen oder zu vertiefen. Im Hintergrund kann eine starke Schüchternheit oder soziale Ängstlichkeit dafür verantwortlich sein. Männer reagieren auf dieses Problem, das sie bei sich erleben, oft mit noch stärkerem Rückzug, Alkoholkonsum und chronischer Unzufriedenheit. Negative Gedanken in Bezug auf sich selbst und andere entwickeln sich. Es kann zu negativer Sichtweise der eigenen Person, aber auch der anderen kommen. Dadurch entstehen Gefühle von Feindseligkeit und Wertlosigkeit.

Im Unterschied dazu entsteht emotionale Distanz, wenn Menschen zwar Kontakte mit anderen haben, sich von diesen aber zu weit entfernt und nicht akzeptiert fühlen. Dann kulminiert die emotionale Einsamkeit in dem schmerzlichen Gefühl, anderen nicht wirklich nahe zu sein, sich nicht öffnen und mitteilen zu können, letztlich nicht dazu zu gehören. „Einsam unter Menschen“, lautet dann die Beschreibung des inneren Zustands. Diese Männer haben oft schon in ihrer Kindheit keine bedingungslose Nähe und Akzeptanz erfahren. Sie konnten nicht lernen, wie es sich anfühlt, starke Nähe und Akzeptanz zu erleben und haben für diese Zustände keine Sensibilität („Antennen“) entwickeln können. 

Eine spezielle Problematik: Verbitterungsstörung 

Eine der männlichen Depression bisweilen nicht unähnliche Form einer psychischen Störung, die langanhaltend sein kann und mit starker Vereinsamung einhergeht, ist die Verbitterungsstörung. Diese tritt nach wiederholten Kränkungen, psychischen Verletzungen und als ungerecht erlebten Enttäuschungen auf. Sie weist aber auch zahlreiche Ähnlichkeiten mit posttraumatischen Problemen auf. 

Zu schweren Verbitterungsreaktionen kann es kommen, wenn durch ein unkontrollierbares Ereignis oder bestimmte Personen wichtige Normen und Grundannahmen im Leben eines Menschen grob verletzt werden. Grundannahmen sind psychologische Einstellungen und Wertorientierungen, über die sich alle Menschen definieren. Sie dienen dazu, sich über die Lebensspanne hin kohärent und weitgehende stabil verhalten und erleben zu können (zum Beispiel „Die Familie ist das Wichtigste im Leben!“ „Der Beruf ist das Wichtigste im Leben!“ „Materielle Sicherheit oder Reichtum sind das Wichtigste im Leben!“ „Verlässlichkeit und Ehrlichkeit sind das Wichtigste im Leben!“ usw.).

Grundannahmen werden dabei oft auch transgenerational von den Großeltern an die Kinder und Enkelkinder weitergegeben und prägen damit wesentlich die Kultur von Menschengruppen, insbesondere wenn diese gegen äußere Einflüsse stark abgeschirmt sind. Eine der wichtigsten Grundannahmen, die zu psychischen Problemen führt, ist der Glaube an eine gerechte Welt. Darunter wird der unerschütterliche Glaube verstanden, dass die Welt (am Ende) stets gerecht sein muss und dass einem ausgleichende Gerechtigkeit widerfahren muss.
Zu den wichtigsten Symptomen der Verbitterungsstörung gehören (Linden, 2017): 

  1. Es ist ein schwerwiegendes negatives Lebensereignis zu identifizieren, in dessen unmittelbarer Folge sich die psychische Störung entwickelt hat. 
  2. Dieses Ereignis wird als grob ungerecht, persönlich herabwürdigend oder kränkend erlebt. 
  3. Es besteht ein Leiden, das aus wiederkehrenden, sich aufdrängenden und schwer kontrollierbaren Erinnerungen an dieses Ereignis besteht. 
  4. Es erfolgt eine dauerhafte Reaktion mit Verbitterung und emotionaler Erregung, wenn die Erinnerung an das Ereignis auftritt.

Zusätzlich können noch einzelne weitere Symptome auftreten: Dauerhafte Herabgestimmtheit; dysphorische Grundstimmung; bei Ablenkung normaler Affekt; Gefühl der Antriebsblockade oder Antriebsverharrung; klares und durchgängiges Opfer-Selbstbild; Hilflosigkeitsgefühl gegenüber Ereignis und auslösenden Personen; Selbstvorwürfe, das Ereignis nicht verhindert zu haben; Gefühl, das Ereignis nicht bewältigen zu können; Gleichgültigkeits- und Resignationsgefühle; unspezifische somatische Beschwerden, wie Appetitverlust, Schlafprobleme, Schmerzen; phobische Reaktionen gegenüber Ort und Urheber des kritischen Ereignisses; Lebensüberdruss und Suizidgedanken; wiederkehrende Rache- und Aggressionsphantasien. Die Symptome einer Verbitterungsstörung sind vielfältig und vor allem langanhaltend. Deshalb kann sich auch zusätzlich eine depressive Störung entwickeln, da Verbitterung als Gemütszustand schwerlich lange auszuhalten ist. 

Männer mit Kindesentzug nach Trennung: Eine Basis der Männerdepression?!

Für Männer stellt außerdem der Entzug des Kontaktes zu eigenen Kindern nach einer Trennung oder Scheidung (siehe auch „Parental Alienation Syndrome“ PAS unter „Männer als Väter“) ein Risiko für eine depressive Erkrankung dar. Durch dauerhafte Unterbrechung des Kontaktes zum Kind können auch Symptome einer Verbitterungsstörung entstehen. Insbesondere wenn den getrennt lebenden Vätern (in manchen Fällen auch Müttern) der Kontakt zum Kind aus vordergründig ablehnenden oder subtil verunglimpfenden Gründen verwehrt wird, kann dies zu einer dauerhaften Frustration und langfristig auch zu Depression und Verbitterung führen.

Häufig erleben Väter, dass sie in Betreuungs- und Umgangsfragen mit ihren Kindern den Kürzeren ziehen und für vermeintliche oder echte Verfehlungen aus der Ehe- und Partnerschaftszeit büßen müssen. Das praktische Umgangsrecht mit dem Kind wird dann zur Vergeltung, Rache und zur Pflege des eigenen Allmachtgefühls eingesetzt. Umgekehrt sind solche Abläufe nahezu undenkbar. Es muss in der Praxis endlich zu gleichberechtigten Positionen bezüglich Müttern und Vätern im Familienrecht kommen. 

Hilfen für Männer bei Depression

Bei leichten depressiven Symptomen können Gespräche mit Freunden und Verwandten hilfreich sein. Auch anonyme Gespräche und Kriseninterventionen mit der Telefonseelsorge (0800-1110222) oder spezialisierten Hotlines sind möglich. Bei einer anhaltenden depressiven Störung, ist eine psychotherapeutische Hilfe, oft anfangs mit einer Pharmakotherapie kombiniert, der Gold-Standard, d.h. die bestmögliche Hilfe. Dies gilt insbesondere für Männer, die sich mit dem Weg in einer Psychotherapie meist schwerer tun als Frauen, und daher später zu einer Behandlung bereit sind. 

Klassisches Rollenverhalten, Hemmungen und Schamgefühle sind leider oft die Barrieren auf dem Weg zur Hilfe

Männer haben mehr Hemmungen und Schamgefühle als Frauen, was Hilfe durch eine fremde Person angeht. Das hängt mit klassischen Rollenbildern zusammen, nach denen sie stark sein und ihre Probleme alleine lösen müssen. Bisweilen verfügen sie auch über den inneren Glauben („Leitsatz“), dass sie es alleine schaffen müssen. Sie versuchen häufiger, auch die Symptome einer Depression zu verheimlichen und mit sich selbst auszumachen. Zu den ungünstigen Strategien gehören Rückzug, Vereinsamung oder höherer Alkohol- und Substanzkonsum. Auch Gedanken an Suizid (Parasuizidalität) können dann besonders in der Einsamkeit und Isolation auftreten. Nicht selten geraten Männer in eine Scham- und Schuldspirale, aus der sie schwer oder gar nicht mehr herausfinden. Im klassischen männlichen Rollenbild ist es nicht vorgesehen, dass ein Mann nach außen Probleme und Schwächen zeigt. Dabei kann kein Mensch perfekt und frei von Problemen sein.

Aus dem klassischen Rollenbild des vereinsamten, nicht mitteilungsfähigen Mannes ist es auch erklärbar, dass drei- bis viermal mehr Männer als Frauen Suizid begehen. Es ist sehr wichtig, diesen vereinsamenden Rückzug ins Innere umzukehren, und den Männern aufzuzeigen, dass sie sich äußern und mitteilen dürfen und auch sollen. Es ist dann ein Akt der Selbstfürsorge und Selbstbefreiung, wenn betroffene Männer sich Hilfe holen. Viele Männer fürchten auch Ablehnung und Zurückweisung, wenn sie sich öffnen und ihre innersten Gedanken und Probleme offenbar machen. Die heutige, oft männerfeindliche Stimmung in Medien und Gesellschaft (siehe „Stimmung machen gegen Männer als Geschäftsmodell – toxische Männlichkeit und die gesellschaftliche Realität“), die Männer oft pauschal als unsensibel, machthungrig und toxisch stigmatisiert, verstärkt diesen Trend noch. Männer fühlen sich zunehmend unverstanden und nicht akzeptiert in einer Gesellschaft, die sie an den Rand drängt oder verunglimpft. 

Hilfen sind möglich und sollten frühzeitig genutzt werden 

Die Psychotherapie bietet eine wirksame und vertrauliche Hilfe – auch und speziell für Männer – (es gilt strenge ärztliche Schweigepflicht!), Unterstützung in Krisensituationen oder bei dauerhaften Problemen zu erhalten. Dabei stellt gerade die Möglichkeit, sich einer – anfangs völlig fremden – Person mit Einfühlungsvermögen sowie fachlicher Ausbildung und Erfahrung anzuvertrauen, eine große Chance dar, die Probleme mit dem Selbst, den Emotionen oder dem Verhalten in den Griff zu bekommen. Zunächst ist an eine ambulante Psychotherapie zu denken, die im Umfeld aufgesucht werden kann. Im Regelfall zahlt die Krankenkasse. Alle krankenversicherten Personen das Recht auf eine psychotherapeutische Behandlung, wenn sie unter einer behandlungsbedürftigen psychischen Störung nach ICD-10 (International Classification of Diseases; Kapitel F – psychische und Verhaltensstörungen) leiden. Bei schwereren Verläufen und Chronifizierung der Störung, also wenn sie schon sehr lange angedauert hat, kommt eher eine stationäre psychosomatische oder psychiatrische Behandlung in Frage.

Corona- Lockdown macht Männern schwer zu schaffen

Studien aus den Jahren 2020 und 2021 zeigen, dass Männer unter den Bedingungen des Corona-Lockdowns verstärkt mit Rückzug, Vereinsamung und negativen Gefühlen reagierten. Auf die längere Sicht werden verstärkt Depressionen und Suchtprobleme folgen. Entgegen den Darstellungen der meisten Medien weisen Männer eine besondere Sensibilität gegenüber dem Dauerstress der Pandemie auf („Corona-Krise und Männer – Leiden Männer inzwischen mehr als Frauen?“). Auch der Umgang mit den unter der Pandemie entstehenden Ängsten (Ansteckung, Vereinsamung, Krankheit, Leiden, Tod) ist ein für Männer relevantes Thema, das nicht verleugnet oder verdrängt werden sollte. 

Hilfe für depressive Männer durch andere Männer

Männer brauchen und wünschen sich oft einen männlichen Psychotherapeuten, der sie in ihrem Gewordensein und ihrer Problematik besonders gut versteht und akzeptiert. Diese Kombination ist nicht zwingend, hat jedoch vieles für such

Sie sollten es sich jedoch in jedem Fall jedoch wert sein, psychotherapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Viele Männer bevorzugen dabei einen männlichen Psychotherapeuten, weil sie sich – sicher meistens auch zu Recht – ein besonders gutes Verständnis für ihre Lage und Probleme versprechen. Psychotherapeuten bezeichnen diesen Zusammenhang als Übertragung und Gegenübertragung. Dabei werden unbewusst Ähnlichkeiten zu anderen Männern aus dem bisherigen Leben (Vater, Großvater, Bruder) auf den Psychotherapeuten projiziert und dann von diesem empathisch bearbeitet und interpretiert. Diese Passung zwischen Therapeut und Patient ist besonders wichtig, wenn es um die Themen Selbstbild, Selbstwert und Persönlichkeit geht. 

Vom vaterlosen Kind zum reifen Mann

Ein ganz besonders wichtiges Thema, das viele Männer – meist latent, bisweilen offen – beschäftigt, ist die Beziehung zu ihrem Vater, ihre Vätererfahrungen. Sei es, dass es gar keinen anwesenden Vater gab, dass sie ihn durch Scheidung und Trennung früh verloren haben oder dass er sich wenig für sie interessierte oder sie vielleicht sogar physisch und psychisch misshandelte, immer ist der Vater die wichtigste männliche Person im Leben eines Sohnes und späteren Mannes. Auch Stiefväter können zumindest Teile dieser Rolle wahrnehmen. Vom Vater können Söhne im Idealfall lernen, Mann zu werden.

Sehr oft gelingt dies aber nicht. Die erlebten Defizite oder traumatischen Erfahrungen können aber in einer Psychotherapie nachbearbeitet werden. Um ein starker, selbstbewusster und liebevoller Mann zu sein oder zu werden, braucht jeder Mann diese Klärung des Verhältnisses zum eigenen Vater. Dennoch können auch vernachlässigte und misshandelte Männer einen intensiven, konstruktiven Weg zum reifen Mann und Vater voller Stärke, Autonomie- und Liebesfähigkeit beschreiten und ihre Ziele erreichen.  

Quo vadis, Männer? 

Zum Schluss: Männer sollten sich wichtig nehmen, sich in Beziehungen nicht verunglimpfen, erniedrigen oder gar misshandeln lassen und sich weiterentwickeln. Selbstfürsorge und ein Ende selbstaufopfernder Tendenzen sind gerade für depressive Männer zentrale Veränderungsziele. Dies gilt besonders in Anbetracht der komplexen und vielfältigen Anforderungen der heutigen Welt, bei denen Beruf, Partnerschaft und Familie oft starken Stress bereiten. Männer dürfen aber auch keinesfalls andere Menschen misshandeln oder erniedrigen. Dies geschieht bisweilen aus Ohnmachtsgefühlen, aber auch auf der Basis unrealistischer Dominanzmotive.

Gerade in Partnerschaften entwickeln sich oft wiederkehrende Abläufe negativer, zerstörerischer Kommunikation und Interaktion. Wenn es den Partnern nicht gelingt, diese selbst zu durchbrechen, ist fremde fachkundige Hilfe wichtig. Um neue Wege mit sich selbst und in Beziehungen zu gehen, ist oft eine Psychotherapie oder ein Männer-Coaching wichtig.  Es lohnt sich für Männer, sich auf den Weg zu einem starken inneren Selbst zu machen. Starke Männer brauchen keine Gewalt und keine Statussymbole, aber können auch Depressionen mit Hilfe anderer angehen und überwinden. Sie überzeugen durch ihr Wesen, ihre innere Gelassenheit und ihre Ausstrahlung. 

Literatur: 

Arnold, Christopher Patrick & Linden, Michael (2021). Ratgeber Verbitterung. Informationen zum Umgang mit Verletzungen durch Ungerechtigkeit, Kränkung, Herabwürdigung und Vertrauensbruch. Göttingen: Hogrefe. 

Johnstone, Matthew (2008). Mein schwarzer Hund. Wie ich meine Depression an die Leine legte. München: Kunstmann.

Linden, Michael (2017). Verbitterung und Posttraumatische Belastungsstörung. Göttingen: Hogrefe. 

Preuss, U.W. et al. (2016). Psychische Komorbiditäten bei alkoholbedingten Störungen. Der Nervenarzt 87, 26 – 34. 

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