Disclaimer: Alle therapeutischen und medizinischen Empfehlungen vor Anwendung unbedingt mit einem Arzt (insbesondere Psychiater, Suchtmediziner oder Schlafmediziner) abklären.
Inhaltsübersicht
Warum Schlafprobleme nach dem Entzug so häufig sind
Nach Alkohol-, Medikamenten- oder Drogenkonsum ist das Schlafsystem stark irritiert. Die natürliche Balance von Neurotransmittern wie Dopamin, GABA und Serotonin ist gestört; die Tiefschlafphasen sind verkürzt, der REM-Schlaf oft überaktiv. Typische Beschwerden sind Einschlaflatenz (lange Dauer bis zum Einschlafen), häufiges nächtliches Erwachen ohne schnelles Wiedereinschlafen und nicht erholsamer Schlaf. Ebenso kann es zu vermehrten Albträumen in den ersten Wochen der Abstinenz kommen (vgl. Suchtträume – die vergessene Welt der Suchtkranken). Deshalb treten häufig auch morgendliche anhaltende Müdigkeit und Tagesschläfrigkeit auf. In Kombination mit einer depressiven Grundstimmung kann dieser Schlafmangel Rückfälle begünstigen und die emotionale Stabilisierung erschweren.
Schlafstörungen als Rückfallrisiko
Menschen mit anhaltenden Schlafproblemen nach Entgiftung haben ein bis zu doppelt so hohes Rückfallrisiko (Brower, 2003). Schlafmangel senkt die Impulskontrolle, verstärkt Depressivität und begünstigt Substanzverlangen. Darum gilt: Schlafstabilisierung ist Rückfallprophylaxe. Betroffene sollten intensiv auf ihre Schlafhygiene achten und auftretende Probleme mit ihrem Arzt besprechen. Auch der Austausch in der Suchtselbsthilfegruppe kann hilfreich sein. Oft geht es darum, gegenüber den auftretenden Problemen Ausdauer und Resilienz zu entwickeln.
Therapeutische Bausteine
Die Behandlung von Schlafstörungen sollte multimodal erfolgen. Elemente sind Schlafhygiene, kognitive Verhaltenstherapie bei Insomnie (CBT-I), Lichttherapie und ggf. vorsichtige medikamentöse Unterstützung ohne Suchtpotenzial (z. B. Mirtazapin, Agomelatin). Benzodiazepine und Z-Substanzen sind kontraindiziert. Die multimodale Therapie geht die vorhandenen Schlafprobleme auf mehreren Ebenen an. Eine begleitende Psychotherapie bei einem erfahrenen Suchttherapeuten sollte dazugehören. Tiefenentspannung und Stressreduktionsprogramme können zusätzlich besonders wirksam sein.
Praktische Empfehlungen
Regelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus, Bewegung, Licht am Morgen, Entspannung am Abend und psychotherapeutische Begleitung unterstützen den Heilungsprozess. Wichtig ist Geduld mit sich selbst – Rhythmus geht vor Perfektion. Führen Sie ein Schlaf- und Traumtagebuch, in dem Sie auch Fortschritte und angenehme Ereignisse sowie kleine Veränderungen dokumentieren.
Fazit
Gesunder Schlaf ist kein Luxus, sondern ein menschliches Grundbedürfnis. Ausgeglichener, regelmäßiger Schlaf ist aber auch ein Therapeutikum, besonders in der ersten Zeit der Abstinenz. Bei komorbider Depression und Sucht verliert der Mensch seinen gesunden intrapsychischen und organismischen Rhythmus. Die Wiederherstellung dieses inneren Takts ist Heilung durch Ordnung. Wer wieder schlafen lernt, gewinnt Vertrauen in den eigenen Körper zurück und festigt damit seine Abstinenz.
Empfehlungen
Sorgen Sie für gesunden Schlaf durch regelmäßige, feste Zubettgehzeiten. Setzen Sie sich nicht unter Druck beim Einschlafen! Bei Einschlafproblemen helfen angenehme Gedanken, Entspannung und Meditation sowie Achtsamkeitsübungen (achtsames Atmen). Lassen Sie sich durch Misserfolge nicht entmutigen! Behalten Sie einen langen Atem und Geduld mit sich selbst!
Tipps
- Abends zur Ruhe kommen: Kein Fernsehen oder Handylicht ab 22 Uhr.
- Regelmäßiger Rhythmus: Gleiche Schlaf- und Aufstehzeiten, auch am Wochenende.
- Licht und Bewegung am Morgen: 30 Minuten moderate Bewegung bei Tageslicht.
- Abendliche Rituale: beruhigende Musik, achtsames Atmen, Journaling (Tagebuch, Tagesnotizen, positive Gedanken) statt Grübeln.
- Kein Alkohol, kein Cannabis, kein Nikotin als „Schlafhilfen“ – sie verschlechtern damit die Schlafarchitektur.
- Vertrauen in die Zeit: Der Körper lernt wieder schlafen, wenn er Sicherheit erlebt.
In der Depression wie in der Sucht ist der Schlaf der verletzlichste, aber auch der kostbarste Bereich. Er zeigt, wie weit das Nervensystem aus dem Takt geraten ist – und wie es sich wieder ordnen kann. Schlaftherapie bedeutet nicht nur, besser zu schlafen, sondern den inneren Rhythmus des Lebens wiederzufinden.
Heilung geschieht nicht nur nicht im Licht des Tages – sondern auch im Vertrauen zur Nacht.
Weiterführende Literatur
Wetter, T. C. & Dirlich, G. (2021). Schlafstörungen und Sucht. Stuttgart: Kohlhammer.
Brower, K. J. (2003). Insomnia, alcoholism and relapse. Sleep Medicine Reviews, 7(6), 523–539.
Manber, R. et al. (2008). CBT for insomnia enhances depression outcome. Sleep, 31(4), 489–495.
Benedetti, F. et al. (2005). Chronotherapeutics for Affective Disorders. Springer.
Wirz-Justice, A. (2006). Biological rhythm disturbances in mood disorders. Int. Clin. Psychopharm., 21(Suppl 1), S11–S15.
