Sorgenfülle und Sorglosigkeit (Sucht und Emotionen #16)

Sorge ist ein ambivalentes Gefühl im Leben von Suchtkranken 

Sorglosigkeit kann sich zwischen gesunder Gelassenheit und gefährlicher Verantwortungslosigkeit bewegen. Für Wohlbefinden und psychische Gesundheit ist es wichtig, die richtige Balance hinsichtlich Selbstfürsorge und Gelassenheit zu finden. Eine Perspektive des Kümmerns gehört ebenso zum Leben wie die Fähigkeit, quälende Gedanken auszuschalten. Oft wird heutzutage die Achtsamkeit als ein Zustand des im Hier-und-Jetzt-Seins empfohlen. Dies kann eine Bereicherung des Alltags und eine wichtige Routine zur Reduktion von Sorgengequältheit darstellen. In einer Zeit der Krisen und Bedrohungen kann zu große Sorglosigkeit aber auch schnell zu einer übermäßigen Verleugnung und Verdrängung führen. Es geht am Ende um die richtige Balance zwischen Gelassenheit (Gelassenheit (Sucht und Emotionen #2)) und Selbstfürsorge (siehe Selbstfürsorge bei Sucht – wichtig, wichtiger, am wichtigsten! (Sucht und Emotionen #9)). Sorgen im Übermaß und ein Übermaß an Sorglosigkeit machen das Spannungsfeld im Leben von Menschen – und insbesondere von Suchtkranken – aus. Sie stellen eine Grundambivalenz dar, die eine gesunde Balance braucht. 

Sorgenfülle und Sorglosigkeit als ambivalenter Zustand

Sorglosigkeit hat förderliche wie hinderliche Bedeutungen für das Leben von Menschen und wird daher positiv wie auch negativ bewertet. Der Begriff kann einerseits eine Haltung beschreiben, in der einerseits Risiken, Pflichten oder Konsequenzen nicht ausreichend berücksichtigt werden. Er kann aber auch andererseits die Abwesenheit quälerischer, grüblerischer Gedanken unterstreichen. Sorglosigkeit bewegt also zwischen adäquater Verantwortungsübernahme für sich und nahestehende Andere und Gelassenheit und Entspanntheit im Hier und Jetzt. Aus dieser Ambivalenz wird deutlich, dass es nicht langt, Sorglosigkeit als alleiniges Ziel zu predigen. Es geht um das richtige Maß und die richtigen Zeitpunkte, die über die Zweckmäßigkeit von Sorgen und Sorglosigkeit entscheiden.

Es gibt einen weiten Spannungsbogen von guter Selbstfürsorge und schlechter Sorgengequältheit. Im Alltag ist es wichtig, hier passende Verhaltensmuster zu entwickeln. Entscheidend ist daher nicht das Vorhandensein von Sorge oder Sorglosigkeit, sondern die Einstellung auf realistische Wahrscheinlichkeiten. Mehr als 80% der Sorgen, die sich Menschen machen, sind unbegründet oder treten nie ein. Die Sorgenfülle ist deshalb ein selbstquälerischer Zustand. Dies ist gerade vor dem Hintergrund der übertriebenen Sorgeorientierung der meisten Menschen und der oft folgenden dysphorischen Haltung wichtig. Grübeln („Overthinking“) über Sorgen ist aber oft ein Risikofaktor für Depression und Rückfälligkeit bei Sucht. Grübeln kann sich zur mentalen Grundhaltung und zum selbstquälerischen Zwang auswachsen. In diesem Zusammenhang macht der Satz „Sorge Dich nicht, lebe!“ oder eine stärkere Orientierung auf das Hier und Jetzt (die nächsten 24 Stunden im Leben) Sinn. 

Vorteile der Sorglosigkeit 

Die antike stoische Philosophie genauso wie östliche Weisheiten (Taoismus, Buddhismus) haben die Sinnlosigkeit des übermäßigen Sorgens um Dinge und Themen, über die keine Kontrolle und Einflussmöglichkeiten bestehen, schon früh erkannt und ausführlich thematisiert. Es ist widersinnig, sich über Themen zu zermartern, auf die man keinen Einfluss hat. Andererseits sollte man sich für Dinge engagieren, die man beeinflussen kann. Beides voneinander zu unterscheiden – und das ist das Schwierigste – ist jedoch die höchste Kunst. Durch die Unterscheidung der Einflussmöglichkeiten entsteht mehr Klarheit über die eigenen Handlungsmöglichkeiten und dadurch mehr Selbstwirksamkeit und gezielte Veränderungsmotivation. Es kann sich aber auch mehr Bewusstsein über zuvor nicht erkannte oder verleugnete Handlungsoptionen entwickeln. Schließlich kann auch das Bedürfnis nach neuen Einflussmöglichkeiten und Kompetenzen wachsen. Zugleich sollte aber auch die Gelassenheit gegenüber nicht kontrollierbaren Bereichen steigen. Insgesamt können sich durch die klarere Haltung gegenüber Kontrollierbarem und Nicht-Kontrollierbarem der innere Stress und die Unruhe reduzieren. 

Positive und negative Folgen von Sorglosigkeit

Die wichtige innere Haltung der Sorglosigkeit ist anderen mentalen Zuständen ähnlich: Gelassenheit (bewusste Akzeptanz bei realistischer Einschätzung), Optimismus (positive Erwartung trotz Kenntnis von Risiken), Vertrauen (Beziehung zu verlässlichen Strukturen oder Personen unter Einschluss des Risikos, betrogen zu werden), Leichtsinn (situationsbezogene Risikoneigung), Naivität (Ausblenden wichtiger Aspekte für Handlungen) und Verdrängung (aktive innere Abwehr unangenehmer Realität). Vor allem ein Übermaß an Leichtsinn, Naivität und Verdrängung können zu unangenehmen, schwierigen Folgen führen. Ganz im Sinne der beschriebenen Ambivalenz kann Sorglosigkeit daher je nach Dosis um Kontext entwicklungsfördernd, adaptiv, aber auch selbstdestruktiv wirken. Die meisten Menschen wollen jedoch das Ausmaß ihrer Sorgen reduzieren, was ein Hinweis darauf ist, dass mehr Menschen von Sorgen geplagt werden und wenige unter zu viel Leichtsinn und Naivität leiden. Aber auch der schnelle Wechsel zwischen Sorgenfülle und Sorglosigkeit kann bei ein und demselben Menschen auftreten. Dies kann bis in Zustände des Bipolaren und emotional Instabilen reichen. 

Sorge – ein Wort mit langer und ambivalenter Geschichte

Das deutsche Wort “Sorge” ist mehrdeutig. Die Grundbedeutung kann als “Vorausschauende Bemühung einer auf die Zukunft bezogenen Gegenwartsgestaltung“ (Brockhaus) verstanden werden. Das Wort „Sorge“ stammt aus dem Althochdeutschen: Dort tritt es als sorga auf mit der Bedeutung: Kummer, Bekümmernis, innere Unruhe. Im Mittelhochdeutschen wandelt es sich zu sorge. Die Bedeutung ist: Kummer, seelische Belastung und bedrückender Gedanke. Der zugrunde liegende germanische Wortstamm lautet *surgō. Dieser Stamm findet sich in vielen germanischen Sprachen wieder.

Im Englischen hat sich Sorge in „sorrow“ (stark emotional gefärbt: Kummer, Trauer) und „care“ (aus dem Lateinischen: Sorge, Fürsorge) getrennt. Im Schwedischen und Dänischen steht „sorg“ für Trauer. Im Indogermanischen taucht das Wort *swergh auf mit der Bedeutung „innerlich bewegt sein wegen etwas“. Die psychische Komponente des Wortes zieht sich durch alles Kulturen und Epochen. Dies korrespondiert zu der evolutionspsychologischen Sichtweise, dass Menschen, die sich grundsätzlich mehr Sorgen über Gefahren und Bedrohungen gemacht hatten, bessere Überlebenschancen hatten. Deshalb hat sich dieses Verhalten als psychologisches Merkmal evolviert und besonders gut transmittiert. 

Buddhismus als hilfreiche Haltung im Umgang mit Sorgen

Es ist bemerkenswert, dass es im indischen Pali, das Buddha gesprochen hat, kein Wort gibt, welches unserem Begriff der Sorge entsprechen würde. Die beiden Seiten der Sorge, die emotionale und die kognitive, werden mit verschiedenen Worten bezeichnet. Die emotionale Komponente wird als Furcht und Angst verstanden, die kognitive Komponente wird als Zweifel, Unsicherheit und Ungewissheit ausgedrückt. Buddha lebte vor, wie durch tiefe Einsicht die kognitive Form der Sorge, das Zweifeln, aus dem Geist vertrieben werden kann, wie aber andererseits tief im Inneren wohnende Angst erst auf dem Wege der Läuterung der Person allmählich zu besiegen ist.

Die Sorge ist stets Ausdruck des um sich, seinen Leib und seine Aktionen besorgten Ich. Die Sorgenfülle kennt die Auflösung des Knotens und die Entrinnung aus dem Nichtwissen nicht, weil es sich selber im Wege steht. Die Sorge stellt alles in Frage – nur nicht sich selbst. Deshalb ist die Befreiung von quälender Sorge besonders wichtig, um psychisch gesund und handlungsfähig zu bleiben. Je mehr man sieht, dass das Ich die Quelle aller Sorgen ist und je näher man den Qualen des Ichs auf den Grund geht, desto illusionärer werden die Sorgen. Das Ich – das sind alle unsere Begierden und Leidenschaften – von denen jede Ich-Ich-Ich ruft und befriedigt werden will, im Zaum zu halten, ist eine der wichtigsten Aufgaben der Person. 

Sorglosigkeit und Sucht

Bei der Entstehung und Aufrechterhaltung von Suchtkrankheiten spielt Sorglosigkeit eine wichtige Rolle. Im Übermaß kann Sorglosigkeit einen übertriebenen Abwehrmechanismus gegen Realitätswahrnehmung und belastende Gefühle (vgl. Sucht als Wahrnehmungs- und Denkstörung: Kognitive Abwehr und Verzerrungen bei Suchtstörungen (Sucht und Kognition #1)) darstellen. Dann zeigt sie sich in Form von Verleugnung (Verleugnung gehört zur Sucht (Sucht und Kognition #5)), Rationalisierung, Bagatellisierung und Omnipotenzphantasien. Diese kognitiven Abwehrmechanismen beziehen sich auf kumulierende Probleme, besser nicht mehr zu leugnende negative Folgen des Substanzkonsums, emotionale Belastungen und interaktionale Konflikte. Sorglosigkeit wird dann zum dysfunktionalen Schutzmechanismus gegen Angst vor der Realität und dem drohenden Zusammenbruch. Typische Selbstaussagen sind dann: „Ich habe es im Griff“, „So schlimm ist es nicht“ und „Die anderen übertreiben“. Sorglosigkeit fungiert hier als frühe Phase pathologischer Verleugnung.

Wie mit Sorgen umgehen?

Gerade für suchtkranke Menschen ist der Umgang mit Sorgen von entscheidender Wichtigkeit. Auf der einen Seite sollten Sorgen nicht zu Gequältheit und Depression führen. Diese Zustände verschlechtern die Lebensqualität entscheidend und sind häufige Rückfallauslöser (Rückfall: 10 Tipps für richtiges Verhalten vor und danach (Sucht und Rückfall #1)). Auf der anderen Seite sollte gegenüber drohenden Rückfallgefahren und negativen Lebensveränderungen keine blinde Sorglosigkeit vorherrschen. Folgende Verhaltenshinweise und Tipps lassen sich formulieren: 

Tipp 1

Sorge Dich nicht um Dinge, die Du nicht beeinflussen und verändern kannst! Quäle Dich nicht über den Zustand der Welt! Richte Deine Aufmerksamkeit auf Deine Fähigkeiten und Möglichkeiten! Konzentriere Deine Energien auf Dein Wohlbefinden und das der Menschen, die Dir am Herzen liegen! 

Tipp 2

Lass Dich nicht von Negativität überfluten! Die Welt ist nicht so, wie sie Dir in den Medien und sozialen Netzwerken vorgespielt wird. Konsumiere – wenn überhaupt – täglich nur einmal Nachrichten! Sei behutsam und förderlich mit Deiner Psyche! Beschäftige Dich lieber mit qualitativ hochwertigen Quellen, wie etwa Büchern aus den Themenbereichen Philosophie, Psychologie, Kunst, Geschichte, Naturwissenschaften, Humor usw.!

Tipp 3

Überprüfe immer wieder den Unterschied zwischen Beeinflussbarem und Nicht-Beeinflussbarem! Lass das Letztgenannte an Dir vorbeifließen, richte alle Energie auf das Erste!

Tipp 4

Zermartere Dich nicht mit Sorgen über Vergangenes oder Zukünftiges! Die meisten Deiner Sorgen werden niemals eintreffen. Lebe Deine Gegenwart bewusst und aufmerksam, vergiss nicht das Genießen und pflege eine ruhige innere Haltung zu Vergangenheit und Zukunft! 

Tipp 5

Sei was Deine Suchterkrankung angeht achtsam und umsichtig mit Dir! Zeige gute Selbstfürsorge mir Dir! Plane hier Deine Schritte achtsam, insbesondere wenn Du Dir unsicher bist, Angst verspürst oder andere Gefühle auftauchen, die Dich früher zum Substanzkonsum gebracht haben!

Tipp 6

Eine gelassene Haltung gegenüber quälenden Sorgen und Zukunftsängsten kann gegen Rückfälligkeit helfen. Es lohnt sich, die Weisheitslehren der Stoa (Mit Seneca und Marc Aurel abstinent bleiben?! (Sucht und Rückfall #2)) jeden Tag einzuüben.