Das Wichtigste zu Beginn: Kein Suchtkranker muss alleine bleiben. Unter Suchtproblemen leiden Millionen Menschen im Land. Und gegenseitige Unterstützung und Hilfe sind möglich. Zur Suchthilfe gehören unverzichtbar Angebote im Gruppenformat.
Seitdem Suchtkranke das Gespräch in der Gruppe für sich entdeckt haben – in den 1930er Jahren -, haben sich die Hilfemöglichkeiten bei Suchtkrankheit revolutioniert. Die aus der evangelikalen Tradition der Oxford-Gruppen entscheidend weiterentwickelten 12-Schritte-Gruppen (USA), die vor allem in Form der AA-Gruppen und Al-Anon-Gruppen weltweit verbreitet sind, verdeutlichen die relevante Bedeutung des Gruppenansatzes in der Suchthilfe. Dort herrschen feste Regeln zum Ablauf der Gruppengespräche, durch die Respekt und Intensität sichergestellt sind.
Die Berichte von Suchtkranken, denen die Teilnahme an Gruppen Gleichgesinnter entscheidend geholfen haben, können auch anderen Mut machen. Dies gilt für Suchtkranke ebenso wie für Angehörige. Mut beim Einstieg, Hoffnung auf Veränderung und Erfolg in der Kontinuität sind die Meilensteine des Gruppenansatzes.
Inhaltsübersicht
Wieso Gruppen?
Zu Beginn stellt sich die Frage, warum Gruppen in der Suchthilfe so besonders wichtig sind. Die Antwort ist ganz einfach: Gruppen Betroffener sind untereinander ehrlich, zugewandt und voller Akzeptanz und Empathie – das kann jeder Einzelne spüren und erleben. Gruppen unterstützen, ermutigen, aber fragen auch nach und geben wichtige Hinweise und Korrekturen. In Gruppen entsteht eine besondere Atmosphäre, die Gruppendynamik, die eine starke Auswirkung auf die Stimmung und Gefühle der Gruppenmitglieder hat. Dadurch erleben die Gruppenmitglieder die Teilnahme intensiver und die Prozesse haben tiefere Effekte.
Keine Angst vor der Gruppentherapie
Viele Suchtkranke erleben Angst, wenn sie hören, dass die Therapie bei Alkohol-, Drogen- und Glücksspielsucht überwiegend in der Gruppe stattfindet. Dies gilt für den ambulanten wie für den stationären Bereich. Gerade Suchtkranke mit begleitenden Angstproblemen erschrecken schnell bei der Vorstellung, in einer Gruppe über sich sprechen zu müssen. Dabei ist die Gruppe der ideale Kontext, um bei einer Suchtkrankheit eine Umkehr und Veränderung zu erreichen. Das Sprechen über sich wird in der Gruppentherapie langsam angestrebt und schrittweise eingeübt. Die Suchttherapieforschung zeigt, dass insbesondere Suchtkranke mit sozialen Ängsten besonders stark von Gruppentherapie profitieren.
Suchtselbsthilfegruppen, die eine Gemeinschaft von Suchtkranken ohne einen Therapeuten darstellen, sind ein weiteres Beispiel für die Wirksamkeit des Gruppenansatzes. Gruppendynamiker gehen davon aus, dass in Gruppen eine ganze besondere, heilsame Atmosphäre entstehen kann, die in der Einzeltherapie so nicht auftritt. Das machen sich Suchtselbsthilfegruppen (wie AA, Blaukreuz und Kreuzbund) in besonderer Weise zu Nutze.
Was für Gruppen gibt es?
Gruppen in der Suchtbehandlung sind an verschiedenen Orten anzutreffen und stellen das Grundgerüst der Suchthilfe dar. In Kliniken und Beratungsstellen einerseits, in der Suchtselbsthilfe andererseits. Sie können im ambulanten Bereich in Präsenz oder online stattfinden. Meistens sind es Gruppen im Umfang von 6 bis 10 Personen, in der Sozialpsychologie sogenannte Kleingruppen. Es wird zwischen offenen, teiloffenen und geschlossenen Gruppen unterschieden. Bei einer offenen Gruppe können ständig neue Mitglieder hinzukommen, bei einer teiloffenen nur zu bestimmten wenigen Zeitpunkten (z.B. nach jeder vierten Sitzung). Geschlossene Gruppen bleiben vom Anfang bis zum Ende zusammen, ohne dass neue Personen hinzukommen. Gruppen können thematisch offen oder themenfokussiert arbeiten. Die Rolle des Leiters ist meist moderierend und strukturierend. Bei anhaltenden, starken Konflikten greift die Gruppenleitung deeskalierend ein.
Regeln und Abläufe in Gruppen
Hilfen für Suchtkranke haben sich in Gruppen besonders bewährt, bevor es verhaltenstherapeutische oder tiefenpsychologische Gruppentherapie gab. Was ist das Besondere am Gruppenformat? Die anderen Suchtkranken in der Gruppe sind Experten in Sachen Sucht und den zugrundeliegenden Prozessen. Dazu gehören auch Realitätsverzerrung, Selbstbetrug und Abwehrmechanismen. Die Gruppe ist der beste Weg zur Selbstreflektion und Veränderung. Die Rückmeldungen und korrigierenden Hinweise sind ebenso wichtig wie Ermutigungen und Lob. Die Gruppenmitglieder können ihre eigenen Erfahrungen mit kognitiven Abwehrprozessen, Motivationsfaktoren und Rückfälligkeit einbringen. Basisregeln in den Gruppen sind: Ausreden lassen, gezielt zuhören, Respekt zeigen und Authentizität. Die Mitglieder reden von sich oder geben gezielte, konstruktive, durchaus auch kritische Rückmeldungen.
Die Kraft der Gruppendynamik
Es gibt eine lange Tradition in der Erforschung von hilfreichen Gruppen. Gruppen – so ist bekannt – entwickeln eine ganz besondere Kraft, die Gruppendynamik, die Menschen unterstützt, Kraft gibt und sie genesen lässt. Dies ist gerade beim Ausstieg aus der Sucht und den anliegenden Veränderungen von besonderer Bedeutung. Die Suchtselbsthilfegruppe, aber auch Therapie- und Selbsterfahrungsgruppen, sind besonders wirksam, wenn die Grundvoraussetzungen, gegenseitiger Respekt, Ehrlichkeit und Offenheit, Zuhören und Unterstützung, gegeben sind. Auch darauf sollte die Gruppenleitung kontinuierlich achten. Die Kraft der Gruppendynamik kann den Genesungsprozess unterstützen und intensivieren. Dazu gehören die Erfahrung akzeptiert und verstanden zu werden, Hilfen und Unterstützung auch in Krisensituationen zu erfahren und aus den Erfahrungen anderer wieder Hoffnung und Zuversicht entwickeln zu können.
Suchtkrankheit und Gruppe
Gruppen sind in der Behandlung von Suchtkrankheit das häufigste und zentrale Hilfeangebot. Dies bezieht sich auf Gruppenpsychotherapie genauso wie auf Suchtselbsthilfegruppen. In Gruppen kann sich eine spezielle hilfreiche Energie und Dynamik entwickeln. Diese wird getragen von gegenseitigem Respekt, Offenheit und Unterstützung. Gleichzeitig geschieht ein Abbau von Schamgefühlen und Ängsten, das Falsche zu sagen. Die Erfahrung, dass man endlich so sein darf, wie man ist, und sich so zeigen kann, wird von vielen Betroffenen als ein zentraler Wirkfaktor benannt. Die Nutzbarmachung der Ressourcen einer Gruppe ist eine besonders wichtige Aufgabe der Gruppenleitung und bietet jedem Betroffenen die Chancen, für sich und von anderen zu lernen. Gerade die Suchtkrankheit mit ihren spezifischen Mustern und Problemen, etwa kognitiver Abwehr, emotionalen und motivationalen Problemen sowie Rückfälligkeit, kann sehr gut im Gruppenkontext behandelt werden. Die Gruppenbehandlung spielt in der Suchtbehandlung eine zentrale, nicht wegzudenkende Rolle. Während in den Frühzeiten der professionellen Suchttherapie Suchtkranke aus Gründen der Diskriminierung keine Einzeltherapie erhielten, wird die Gruppentherapie heute wegen ihrer besonderen Wirksamkeit als häufigstes Verfahren angewandt.
Gruppenleitung in der Suchtselbsthilfe
In der Suchtselbsthilfe übernehmen Betroffene die Gruppenleitung. Es geht darum, die Kraft der Gruppe förderlich zu nutzen zum Wohl aller Gruppenmitglieder. Die Gruppenleitung kann durch ihr Verhalten und durch Moderation für Klarheit und positive Gruppenatmosphäre sorgen. Dafür gibt es spezielle Gruppenleiterqualifikationen und begleitende Intervision mit anderen Gruppenleitungen. Zu den Basiskompetenzen für Gruppenleiter zählen Ruhe und Souveränität. Hinzu kommen kognitive und emotionale Reflektionsfähigkeiten zum Verständnis der Gruppendynamik und spezifischer Krisen und Probleme der Gruppe oder einzelner Gruppenmitglieder. Die besondere Rolle der Gruppenleitung in der Suchtselbsthilfegruppe besteht darin, die eigenen Erfahrungen als ehemals Suchtkranker konstruktiv in den Gruppenprozess einzubringen und sich selbst weiter zu entwickeln.
Tipps zum Abschluss
(1) Nutze als Betroffener regelmäßig die Ressourcen von Selbsthilfegruppen!
(2) Bringe Dich in Gruppen ohne Scheu ein! Es wird Dir hinterher gut tun.
(3) Gerade in Krisen, bei Gefühlschaos und bei drohender Rückfälligkeit sind Gruppen Hilfen der ersten Wahl.
(4) Höre den anderen Gruppenmitgliedern genau zu und entscheide, was für Dich selbst wichtig ist!
(5) In Momenten größter Verzweiflung ist es besser, sich wohlwollenden Menschen anzuvertrauen als sich zurückzuziehen.
