Pornosucht und exzessive Sexualität bei Männern

Es geht im Folgenden um problematischen Pornografiekonsum als mögliche Erscheinungsform einer zwanghaften sexuellen Verhaltensstörung (Compulsive Sexual Behaviour Disorder, CSBD). Entscheidend für eine CSBD sind nicht eine hohe sexuelle Aktivität oder häufiger Pornografiekonsum, sondern anhaltender Kontrollverlust, die Vernachlässigung anderer Lebensbereiche und erhebliche negative Folgen im Leben der Betroffenen. Digitale Pornografie kann durch ständige Verfügbarkeit, Neuigkeitsreize und schnelle Spannungsreduktion dysfunktionale Verhaltenskreisläufe erzeugen und dann dauerhaft aufrechterhalten. Häufig dient der Konsum zunehmend der Regulation von Stress, Einsamkeit, Scham oder innerer Leere. Mögliche Folgen betreffen Alltag, psychische Gesundheit, Sexualität und Partnerschaft. Die Behandlung zielt nicht auf die Unterdrückung von Sexualität, sondern auf Wahlfreiheit, Selbststeuerung und Beziehungsfähigkeit. Psychotherapeutische Ansätze, insbesondere kognitiv-verhaltenstherapeutische Interventionen, gelten als wichtigste Behandlungsform.

Allverfügbarkeit von Pornografie

Pornografie ist heute jederzeit, anonym und vielfach – teils kostenlos – verfügbar. Das unterscheidet digitalen Pornografiekonsum grundlegend von früheren Formen sexueller Darstellungen. Das Smartphone ermöglicht einen nahezu unbegrenzten Wechsel zwischen Szenen, Darstellern und Praktiken. Sexuelle Erregung wird dadurch zu einem schnell abrufbaren Mittel der Selbststimulation, Ablenkung und Spannungsregulation. Oft sind schon Kinder und Jugendliche von exzessivem Pornokonsum betroffen. Besonders Jungen, die ihre Neugierde stillen wollen, sind gefährdet, dass sich ein Kontrollverlust ereignet. Sie lernen, dass sie durch schnelle Masturbation Spannung und Stress reduzieren können und dass sich durch den schnellen Orgasmus ein kurzzeitiges High-Gefühl einstellt.

Pornografie kann bildhaft als „Fast Food für das Gehirn“ beschrieben werden: Sie erzeugt rasch Erregung und ermöglicht durch Masturbation eine unmittelbare Entlastung, befriedigt jedoch keine tieferen Bedürfnisse nach Nähe, Anerkennung oder Verbundenheit. Bei entsprechend gefährdeten Männern kann daraus ein Problemkreislauf entstehen, in dem Pornografie immer häufiger zur Regulation unangenehmer Gefühle eingesetzt wird.

Pornosucht alleinlebender Männer und von Männern in Partnerschaften

Umgangssprachlich wird ein außer Kontrolle geratener Konsum häufig als „Pornosucht“ bezeichnet. Der klinisch maßgebliche übergeordnete Begriff ist die zwanghafte sexuelle Verhaltensstörung beziehungsweise Compulsive Sexual Behaviour Disorder (CSBD, ICD-11: 6C72). Im Folgenden ist von CSBD die Rede. Problematischer Pornografiekonsum kann eine Erscheinungsform der CSBD sein, ist mit ihr aber nicht gleichzusetzen.

Von Pornosucht sind etwa gleich viele Männer, die alleine leben, und Männer in Partnerschaften betroffen. Für die alleinlebenden geht es meist darum, Einsamkeitsgefühle und Hoffnungslosigkeit auf sexuelle Kontakte zu bekämpfen.

In Partnerschaften kann heimlicher, exzessiver Konsum zum „Elefanten im Schlafzimmer“ werden. Häufige pornografiegestützte Masturbation kann die Bereitschaft zu partnerschaftlicher Sexualität vermindern, sexuelle Gewohnheiten verändern und zur Vermeidung realer Intimität beitragen. Entscheidend sind dabei individuelle Konsummuster, psychische Belastungen und die Qualität der Paarbeziehung.

Zwanghafte sexuelle Verhaltensstörung (CSBD) – heutzutage „Pornosucht“ am häufigsten

Weder „Pornosucht“ noch „Sexsucht“ sind eigenständige Diagnosen der ICD-11, dem psychiatrischen Diagnosesystem der WHO. Die Weltgesundheitsorganisation führt stattdessen die CSBD unter den Impulskontrollstörungen und nicht unter den Sucht- und Abhängigkeitserkrankungen. Heutzutage ist die Online-Pornografiegebrauchsstörung (exzessiver, unkontrollierter Konsum) die häufigste Erscheinungsform der CSBD.

Diese Einordnung ist das Ergebnis einer anhaltenden wissenschaftlichen Diskussion. CSBD weist etliche suchtähnliche Merkmale auf: starkes Verlangen, gedankliche Fixierung, Kontrollverlust, Fortsetzung des Verhaltens trotz negativer Konsequenzen und wiederholt erfolglose Veränderungsversuche. Noch ist jedoch nicht abschließend geklärt, ob bei allen Betroffenen dieselben Prozesse vorliegen wie bei Substanzabhängigkeiten, der Glücksspielstörung oder der Computerspielstörung. Der Suchtbegriff kann daher das subjektive Erleben vieler Betroffener verständlich beschreiben, sollte diagnostisch aber nicht undifferenziert verwendet werden (Kraus et al., 2018). Pornosucht als exzessives Masturbationsverhalten erweist sich fast immer als schädlich für Männer (vgl. Pornokonsum und Pornografie – schlecht für Männer!) und sollte als psychisches Problem behandelt und therapiert werden.

Exzessive Sexualität als Oberbegriff

Exzessive Sexualität bezeichnet zunächst eine ungewöhnlich intensive Beschäftigung mit sexuellen Fantasien, Reizen und Handlungen. Dazu können gehören:

  • lang andauernder Pornografiekonsum, 
  • häufiges Masturbieren, 
  • Cybersex und sexuelle Chats, 
  • häufig wechselnde Sexualkontakte, 
  • die wiederholte Nutzung sexueller Dienstleistungen, 
  • zwanghafte (Online-)Partnersuche, 
  • die permanente gedankliche Beschäftigung mit Sexualität. 

Eine starke Libido, häufige Masturbation oder regelmäßiger Pornografiekonsum sind für sich genommen keine psychische Störung. Entscheidend sind nicht die Zahl der Masturbationen oder die wöchentlichen Konsumstunden, sondern die Fähigkeit, das Verhalten selbstbestimmt zu steuern.

Nach der ICD-11 setzt eine CSBD ein über einen längeren Zeitraum – in der Regel mindestens sechs Monate – bestehendes Problemmuster voraus. Sexuelle Impulse und Handlungen werden wiederholt nicht ausreichend kontrolliert. Das Verhalten erhält Vorrang vor Gesundheit, Partnerschaft, Familie, Beruf oder anderen Interessen. Reduktionsversuche scheitern, und der Betroffene setzt das Verhalten trotz erkennbarer negativer Folgen oder trotz nachlassender Befriedigung fort. Schamgefühle sind meist sehr stark und führen zu Gefühlen von Verzweiflung und Wertlosigkeit.

Hinzu kommen müssen deutliche Beeinträchtigungen im persönlichen, familiären, sozialen oder beruflichen Leben oder ein ausgeprägter Leidensdruck. Scham und Schuldgefühle, die ausschließlich aus moralischer oder religiöser Ablehnung des eigenen Sexualverhaltens entstehen, reichen für die Diagnose ausdrücklich nicht aus. Gleichfalls darf eine hohe, aber kontrollierbare sexuelle Aktivität nicht pathologisiert werden (Briken et al., 2024).

Pornosucht und exzessive Sexualität bei Männern – Erscheinungsformen sexueller Fehlsteuerung

Problematischer Pornografiekonsum kann eine zentrale oder auch die einzige Ausdrucksform einer CSBD sein. Pornografie dominiert dann zunehmend die gesamte Sexualität und das Leben der Betroffenen. Es entwickelt sich eine Fehlsteuerung der sexuellen Lust (Libido) mit zwanghaftem Wiederholungsmuster, oft für viele Stunden am Tag mit häufiger Masturbation. Die Suche nach vermeintlich geeigneten Szenen dauert immer länger, reale Begegnungen verlieren an Bedeutung, und die Masturbation nimmt einen ritualisierten oder zwanghaften Charakter an. Für die Betroffenen steht am Anfang einer Veränderung die Erkenntnis, dass die Erscheinungsformen ihres Verhaltens nicht normal, sondern Ausdruck einer Fehlsteuerung ist, die sich aber auch therapieren lässt.

Der Betroffene konsumiert nicht mehr überwiegend aus sexueller Lust, sondern zunehmend, um Langeweile, Einsamkeit, Stress, Kränkungen, Ärger, Scham oder innere Leere zu regulieren. Der typische Kreislauf lautet:

Belastung – Verlangen – Suche nach sexuellen Reizen – Erregungssteigerung und Masturbation – kurzfristige Entlastung – Leere, Scham oder Erschöpfung – erneute Belastung.

Pornografieinduzierte Masturbation wird damit funktional zu einer Form schneller Affekt- und Stressregulation. Sie verändert nicht zwangsläufig zuerst die Sexualität, sondern dient zunächst dazu, unangenehme innere Zustände zu vermeiden. Im weiteren Verlauf erzeugen Zeitverlust, Heimlichkeit, Schlafmangel, Versagens- und Schamgefühle und Beziehungskonflikte zusätzliche Belastungen, die wiederum neuen Konsum auslösen können.

Wie häufig ist die Störung?

Die Angaben zur Häufigkeit hängen stark von den verwendeten Messinstrumenten und diagnostischen Schwellenwerten ab. Screeningverfahren erfassen zudem Risikomerkmale und ersetzen keine klinische Diagnose. In der deutschen GeSiD-Studie (Gesundheit und Sexualität in Deutschland) mit einer bevölkerungsbezogenen Stichprobe berichteten 4,9 Prozent der Männer und 3,0 Prozent der Frauen im bisherigen Leben Erfahrungen, die auf eine mögliche CSBD hinwiesen. Für die letzten zwölf Monate lagen die Werte bei 3,2 beziehungsweise 1,8 Prozent. Dabei handelte es sich ausdrücklich nicht um klinisch bestätigte Diagnosen (Briken et al., 2022). Männer sind also deutlich häufiger betroffen. Sie zeigen im Übrigen meist auch stärkere und härtere Formen der Pornografiesucht. Dies liegt vor allem daran, dass Pornographie überwiegend von Männern produziert wird, um einerseits ihre oft recht engen und phantasielosen Vorstellungen zu Sexualität sichtbar zu machen, und andererseits eine Geldgewinnindustrie darstellt (vgl. Pornosucht – Fakten, Hintergründe und Hilfen). 

In der International Sex Survey mit mehr als 82.000 Teilnehmern aus 42 Ländern wurden 4,8 Prozent einer CSBD-Hochrisikogruppe zugeordnet. Männer erreichten im Durchschnitt höhere Risikowerte, doch auch Frauen und Personen unterschiedlicher sexueller Orientierungen können betroffen sein (Böthe et al., 2023). Beim problematischen Pornografiekonsum schwanken die Schätzungen je nach Erhebungsverfahren erheblich. Ein engeres Messverfahren ergab einen Risikogruppenanteil von etwa 3,2 Prozent, überwiegend Männer (Böthe et al., 2024).

Die früher verbreitete Behauptung, mehr als 90 oder 95 Prozent aller Konsumenten seien Männer, lässt sich nicht mehr aufrechterhalten. Männer konsumieren Pornografie im Durchschnitt jedoch häufiger und werden in Behandlungsangeboten deutlich öfter mit Abhängigkeitsmustern vorstellig. Daher ist nach wie vor davon auszugehen, dass von Pornografiesucht deutlich mehr Männer als Frauen betroffen sind. Die Zahlen für Abhängigkeit können durchaus über 90% liegen (vgl. Pornosucht – Fakten, Hintergründe und Hilfen). Pornosucht und exzessive Sexualität sind bei Männern – auch aufgrund ihrer Anlagen, Erregungs- und Rollenmuster und Erwartungshaltungen – deutlich häufiger als bei Frauen. 

Psychologische und neurobiologische Mechanismen

Die Entwicklung problematischen Pornografiekonsums lässt sich am besten biopsychosozial verstehen. Digitale Pornografie verbindet mehrere wirkungsvolle Verstärker: schnelle sexuelle Erregung, ständig wechselnde Neuigkeitsreize, nahezu unbegrenzte Auswahl, unmittelbare Verfügbarkeit, Anonymität und rasche Spannungsreduktion.

Bei klinisch belasteten Personen zeigen Untersuchungen eine erhöhte Reaktivität auf sexuelle Hinweisreize. Bereits die Erwartung pornografischer Inhalte ist in der Lage, eine starke motivationale Bedeutung zu erlangen. Das „Habenwollen“ kann zunehmen, obwohl das tatsächliche Erleben immer weniger befriedigend wird. Hinzukommen können eine ausgeprägte Aufmerksamkeitsbindung, starkes Verlangen (Craving) und eine situationsabhängig verminderte Impulskontrolle. Diese Befunde weisen auf suchtähnliche Lern- und Motivationsprozesse hin, belegen aber nicht, dass jede Form intensiven Pornografiekonsums eine Verhaltenssucht darstellt.

Besonders bedeutsam ist die psychische Funktion des Konsums. Zu den möglichen Belastungs- und Risikofaktoren gehören:

  • chronischer Stress und Einsamkeit, 
  • depressive Verstimmung oder Ängste, 
  • geringes Selbstwertgefühl, 
  • Scham und soziale Unsicherheit, 
  • Bindungsunsicherheit und Angst vor Zurückweisung, 
  • Schwierigkeiten, Gefühle wahrzunehmen und zu regulieren, 
  • traumatische Erfahrungen, 
  • ein stark vermeidender Umgang mit Konflikten und Belastungen. 

Pornografie ermöglicht sexuelle Erregung ohne das Risiko unmittelbarer Zurückweisung und scheinbare Nähe ohne die Verletzlichkeit einer realen Beziehung. Gerade Männer, denen es schwerfällt, Einsamkeit, Bedürftigkeit oder Kränkungen zuzulassen und mitzuteilen, können in diesen Funktionskreislauf geraten. Der Konsum ersetzt dann zunehmend genau den zwischenmenschlichen und intimen Kontakt, nach dem sich der Betroffene eigentlich sehnt.

Folgen für Alltag, Sexualität und Partnerschaft

Problematischer Pornografiekonsum belastet Partnerschaften besonders durch Heimlichkeiten, Lügen, Rückzug und die Entkopplung der Sexualität vom gemeinsamen Leben. Viele Stunden können verloren gehen; Schlaf, Konzentration und Leistungsfähigkeit nehmen ab. Soziale Kontakte und gemeinsame Aktivitäten werden vernachlässigt.

Die Partnerin erlebt den heimlichen Konsum häufig als Täuschung, sexuellen Rückzug oder demütigenden Vergleich mit inszenierten Körper- und Leistungsbildern. Der Beziehungsschaden entsteht deshalb nicht allein durch die betrachteten Inhalte, sondern ebenso durch Lügen, Verleugnung, gebrochene Absprachen und den Verlust gemeinsamer Intimität und sexueller Nähe.

Pornografische Inhalte können zudem sexuelle Vorstellungen prägen. Sexualität erscheint dann als jederzeit verfügbare Performance, Körperkontakt als technische Abfolge und der andere Mensch vorwiegend als Reizobjekt. Bei starkem, andauerndem Konsum können sexuelle Erwartungen und Erregungsgewohnheiten zunehmend von partnerschaftlicher Sexualität abweichen und diese auch vollkommen zum Erliegen bringen.

Der Ausdruck „pornoinduzierte erektile Dysfunktion“ wird im Internet häufig verwendet, bezeichnet aber keine anerkannte eigenständige Diagnose. Größere Untersuchungen fanden zwischen der bloßen Konsumhäufigkeit und erektilen Störungen überwiegend schwache Zusammenhänge. Es kann in Einzelfällen durchaus zu einer pornoinduzierten Impotenz (Libido- und Erektionsstörung im realen Leben) kommen. Alter, körperliche Erkrankungen, Angst, Depression, geringes sexuelles Interesse und Beziehungsprobleme erwiesen sich vielfach als häufige Folgen. Bei der Untergruppe jüngerer oder sexuell unerfahrener Männer kann die Kombination aus sehr intensivem Pornografiekonsum, häufiger Masturbation und stark eingeübten Erregungsmustern partnerschaftliche Sexualität unmöglich machen. Die Ursachen sollten deshalb individuell und ergebnisoffen untersucht werden (Rowland et al., 2023).

Differentialdiagnostik der CSBD

Vor einer Behandlung muss geklärt werden, ob tatsächlich eine CSBD vorliegt und welche Funktion das exzessive Verhalten erfüllt. Eine gesteigerte sexuelle Aktivität kann beispielsweise während manischer oder hypomanischer Episoden auftreten. Kokain, Methamphetamin und andere Substanzen können Sexualität enthemmen. Dopaminerge Medikamente, etwa zur Behandlung der Parkinsonkrankheit, können Impulskontrollstörungen auslösen.

Zu ist außerdem, ob eine der folgenden Diagnosen vorliegt: ADHS, Depression, Angst- und Traumafolgestörungen, Zwangsstörungen sowie Persönlichkeits- und Bindungsprobleme. Diese könnten das exzessive Konsumieren auch bedingen und so in eine CSBD führen. Auch sexuelle Funktionsstörungen und gegebenenfalls paraphile Störungen müssen fachlich abgeklärt werden. Paraphile Interessen sind jedoch nicht mit einer CSBD gleichzusetzen. Ebenso wenig darf ein ungewöhnliches, aber einvernehmliches und kontrolliertes Sexualverhalten allein aufgrund gesellschaftlicher Wertvorstellungen pathologisiert werden.

Behandlung und Veränderung

Das Behandlungsziel besteht nicht darin, Sexualität zu unterdrücken. Es geht darum, Wahlfreiheit, Selbststeuerung und eine beziehungsfähige Sexualität aufzubauen oder zurückzugewinnen.

Eine zeitlich begrenzte Pornografieabstinenz kann sinnvoll sein, um automatisierte Abläufe zu unterbrechen und individuelle Auslöser deutlicher wahrzunehmen. Sie bedeutet nicht zwangsläufig den Verzicht auf Masturbation, Partnerschaft oder Sexualität insgesamt. Ob langfristig vollständige Pornografieabstinenz oder ein kontrollierter Konsum angestrebt wird, muss individuell entschieden werden. Bei schwerem Kontrollverlust, ausgeprägter Ritualisierung und wiederholt gescheiterten Kontrollversuchen ist vollständige Abstinenz häufig das realistischere Ziel.

Am Anfang einer Psychotherapie stehen eine genaue Verhaltens- und Problemanalyse sowie ein Konsumprotokoll:

  • Wann tritt das Verlangen auf? 
  • Welche Gefühle, Gedanken und Situationen gehen ihm voraus? 
  • Welche digitalen Reize und Gewohnheiten spielen eine Rolle? 
  • Welche kurzfristige Wirkung wird gesucht? 
  • Welche langfristigen Folgen entstehen? 
  • Welche Bedürfnisse werden durch den Konsum vermieden oder nur scheinbar befriedigt? 

Kognitive Verhaltenstherapie besitzt bislang die vergleichsweise beste, insgesamt aber noch begrenzte Evidenz. Sinnvolle Bestandteile sind Motivationsklärung, Reizkontrolle, Rückfallprävention, Emotionsregulation, der Aufbau alternativer Belohnungen und die Bearbeitung dysfunktionaler sexueller Vorstellungen. Akzeptanz- und Commitmenttherapie, achtsamkeitsbasierte Verfahren, Gruppenangebote und Paartherapie können die Behandlung ergänzen. Technische Sperren, veränderte Smartphone-Routinen und klare Regeln für gefährliche Situationen sind hilfreich, ersetzen aber nicht die psychotherapeutische Arbeit (Antons et al., 2022).

Forschungen, Versorgung und Hilfen

Ein aktuelles deutsches Forschungs- und Versorgungsprojekt ist PornLoS (Prof. Rudolf Stark, Universität Gießen). Das Programm verbindet Einzel- und Gruppentherapie mit einem strukturierten, störungsspezifischen Vorgehen und untersucht sowohl abstinenzorientierte als auch konsumreduzierende Behandlungsziele. Die Ergebnisse sollen zur Entwicklung besser überprüfter Therapieangebote beitragen. Das Projekt wird durch den Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses gefördert (G-BA: Projekt PornLoS). Umfassende Ergebnisse sollen ab 2026/27 vorliegen.

Psychotherapie mit begleitender Psychoedukation ist nach aktuellem Kenntnisstand die beste Behandlungsmethode. Die Evidenz für Medikamente bleibt gering. Naltrexon und bestimmte Antidepressiva aus der Gruppe der SSRI wurden untersucht, sollten aber nur nach sorgfältiger fachärztlicher Indikationsstellung und unter Berücksichtigung möglicher Nebenwirkungen eingesetzt werden. Bei komorbider psychischer Problematik können SSRI mit entsprechender Indikation verordnet werden. Eine systematische Übersicht bewertet die pharmakologische Datenlage insgesamt als begrenzt; Naltrexon – ein partieller Opioidantagonist – zeigte zwar die vergleichsweise deutlichsten Hinweise auf Wirksamkeit, jedoch keineswegs bei allen Zielgrößen oder Patienten (Borgogna et al., 2024).

Rückfälle sind weder belanglos noch der Beweis vollständigen Scheiterns. Sie sollten als Informationen über unterschätzte Auslöser, fehlende Grenzen oder unzureichende Alternativen ausgewertet werden. Die Verantwortung für Veränderung und Rückfallprävention bleibt beim Betroffenen. Wird die Partnerin oder der Partner einbezogen, sollte diese Person eigene Grenzen setzen können, jedoch nicht zum Kontrolleur oder Ersatztherapeuten werden.

Fazit

Problematischer Pornografiekonsum ist weniger eine Frage sexueller Quantität als eine mögliche Störung von Selbststeuerung und Emotionsregulation. Pornografie wird zum Problem, wenn ihr Konsum nicht mehr frei gewählt wird, sondern sich zur bevorzugten Antwort auf Stress, Einsamkeit, Scham, Kränkungen oder Angst vor Nähe entwickelt.

Genesung bedeutet deshalb mehr als das Löschen von Dateien oder das Installieren einer Sperrsoftware. Sie verlangt die Wiedergewinnung von Entscheidungsfreiheit, Selbstachtung, realer Begegnung und einer Sexualität, die Körperlichkeit und Beziehung miteinander verbinden kann. Der Betroffene muss nicht nur klären, worauf er verzichten möchte. Er sollte auch herausfinden, wofür er wieder frei sein will.

Fünf Tipps für betroffene Männer

1. Das eigene Verhalten dokumentieren. Notieren Sie zwei bis vier Wochen lang Konsumzeit, Auslöser, Gefühle, verwendete Geräte und unmittelbare Folgen! Dadurch werden automatisierte Muster erkennbar. 

2. Den Zugang erschweren. Entfernen Sie gespeicherte Inhalte, nutzen Sie technische Sperren und lassen Sie das Smartphone nachts außerhalb des Schlafzimmers! Verlassen Sie sich dabei nicht auf Ihre Willenskraft! Vorausschauendes Handeln und Planen ist effektiver.

3. Auslöser anders beantworten. Planen Sie konkrete Alternativen für Stress, Einsamkeit, Ärger oder Langeweile, etwa Bewegung, soziale Kontakte, Entspannungsverfahren oder eine räumliche Unterbrechung der Konsumsituation!

4. Heimlichkeit beenden. Sprechen Sie mit einer vertrauenswürdigen Person oder einer fachlich qualifizierten Beratungsstelle über Ihr Problem! Offenheit bedeutet Verantwortungsübernahme; sie verpflichtet die Partnerin jedoch nicht zur Kontrolle Ihres Verhaltens. In einer Partnerbeziehung sollten Schritte zur Problembewältigung gemeinsam abgesprochen werden, am besten mit therapeutischer Unterstützung.

5. Professionelle Hilfe suchen. Wenn Kontrollversuche wiederholt scheitern oder Partnerschaft, Sexualität, Beruf und psychische Gesundheit leiden, ist eine psychotherapeutische beziehungsweise sexualmedizinische Diagnostik angezeigt. Besonders ausgebildete Sexualtherapeuten sollten aufgesucht werden.

Literatur

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Borgogna, N. C., Owen, T., Johnson, D., & Kraus, S. W. (2024). No magic pill: A systematic review of the pharmacological treatments for compulsive sexual behavior disorder. The Journal of Sex Research, 61(9), 1328–1341. https://doi.org/10.1080/00224499.2023.2282619

Bőthe, B., Koós, M., Nagy, L., Kraus, S. W., Demetrovics, Z., et al. (2023). Compulsive sexual behavior disorder in 42 countries: Insights from the International Sex Survey and introduction of standardized assessment tools. Journal of Behavioral Addictions, 12(2), 393–407. https://doi.org/10.1556/2006.2023.00028

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Rowland, D. L., Castleman, J. M., Bacys, K. R., Csonka, B., & Hevesi, K. (2023). Do pornography use and masturbation play a role in erectile dysfunction and relationship satisfaction in men? International Journal of Impotence Research, 35(6), 548–557. https://doi.org/10.1038/s41443-022-00596-y

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