Bei der 5. Berliner Pflegekonferenz vom 08.11. bis 10.11.2018 referierte Prof. Michael Klein erstmals zum Thema der Kinder suchtkranker Eltern als pflegende Angehörige. Dieser bislang von d er Forschung vernachlässigte Aspekt der Alltagsrealität der von elterlicher Sucht und schweren psychischen Störungen betroffenen Kinder und Jugendlichen betrifft die körperlichen und psychischen Folgen einer chronischen elterlichen Suchterkrankung. Insgesamt sind in Deutschland bis zu 2.6 Millionen Kinder von einer elterlichen Suchterkrankung betroffen, bei einem Drittel erleben die Kinder vermutlich schwere und oft lebensbedrohliche Verläufe der elterlichen Erkrankung mit. Die Aufsicht und Kontrolle des Jugendamtes greift bei der Komplexität der Suchterkrankung oft gar nicht oder zu spät.

Die durch die Kinder realisierte Pflege der Eltern beginnt dabei mit intensiven, oft grüblerischen, Sorgen um das Wohlergehen, die Alltagsbewältigung und die Zukunft des suchtkranken Elternteils. Dies betrifft vor allem den Verlust der Arbeitsstelle, den Rückzug aus Freundes- und Bekanntenkreis, eine Trennung vom Partner mit folgender Vereinsamung. Daraus kann sich in der Folge ein übermäßiges, chronifiziertes Kümmern, dauernde enge Kontrolle des Elternteils und die regelhafte Übernahme von Elternaufgaben, wie z.B. die Betreuung jüngerer Geschwisterkinder, entwickeln. Experten sprechen dann von Rollenfixierungen im Verhalten der Kinder, welche wiederum zu eingeschränktem Verhaltensrepertoire und der Vernachlässigung der eigenen Entwicklungsaufgaben führen. Die Pflege der Eltern kann in einzelnen Fällen von den gesamten Haushaltserledigungen bis hin zur Hygieneversorgung reichen. Hinzu kommen psychische Aufgaben, wie das Bewahren vor schlimmeren Rückfällen und Unfällen, die Begleitung in suizidalen Krisen und die Pflege bei schweren körperlichen Erkrankungen.

Zu den möglichen dauerhaften Komplikationen für Kinder als pflegende Angehörige gehören die Vernachlässigung der eigenen Emotionen, des eigenen Wohlergehens, der Verlust von Freunden und Bekannten und die Entwicklung vieler altersunangemessener Rituale. Da Suchterkrankungen meist lange oder dauerhaft im Geheimen verlaufen, sind diese Entwicklungen vor Nachbarn, Verwandten und dem Jugendamt oft verborgen oder werden von der Familie verleugnet oder verzerrt dargestellt. Besonders betroffen sind Mädchen, weil dies der traditionellen Rolle in Familien entspricht. Weitere Informationen unter: https://berliner-pflegekonferenz.de/

(MK) Köln, 18.11.2018