Autor: Marvin Eichsteller (Seite 1 von 8)

(1) Ein wenig präsentes „Gesicht“ der Sucht ist die Betrachtung der Angehörigen…
(2) Bei der Individuumsfixierung der Suchthilfe auf den einen Kranken überrascht dies nicht sehr…
(3) Wie lässt sich eine parallele Priorisierung in Bezug auf Suchtkranke und Angehörige erreichen?

Infos zu diesen Themen finden Sie hier: „Angehörigenarbeit in der Suchthilfe PDF„.

Frühe Kindheit und Sucht der Eltern – Wo sind die Zusammenhänge?

Kinder sind in ihren frühen Lebensjahren, bis zum 6. Lebensjahr, besonders in ihrer psychischen und körperlichen Entwicklung gefährdet, wenn die Eltern unter einer akuten Suchtstörung leiden. Im Rahmen eines Vortrags mit dem Titel „Kinder drogenabhängiger Eltern – mehr als ein Suchtproblem“ referierte Prof. Michael Klein am 16. Juni 2018 im Rahmen des „Forums Frühe Kindheit 2018“, das von den Lehrstühlen für Früh- bzw. Heilpädagogik der Universitäten Siegen und Köln (Prof. Dr. Rüdiger Kißgen und Prof. Dr. Norbert Heinen) organisiert und durchgeführt wurde (siehe www.forum-fruehe-kindheit.de ). Knapp 500 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus den Bereichen Kinder- und Jugendmedizin, Kinder- und Jugendpsychotherapie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Schule, Erziehungsberatung und Kindertagesstätten waren zur zweitägigen Fachtagung ins Kölner Maternushaus zu mehr als 10 Vorträgen rund um das Thema „Psychische Störungen und Verhaltensauffälligkeiten in den ersten Lebensjahren“ gekommen.

In dem thematischen Schwerpunktbeitrag zu elterlichen Suchtstörungen durch Alkohol und illegalisierte Drogen (insbesondere Cannabis, Heroin, Kokain, Amphetamine) machte Prof. Klein deutlich, dass zahlreiche Forschungsergebnisse belegen, dass besonders junge Kinder unter dem Suchtverhalten ihrer Eltern leiden und oft Verhaltensauffälligkeiten und psychische Störungen entwickeln. Hinzu kommt, dass Alkohol- und Drogenkonsum in der Schwangerschaft das Ungeborene schädigen und in nicht wenigen Fällen dauerhaft beeinträchtigen. Vor allem die Fetalen-Alkoholspektrumstörungen bezeichneten möglichen Folgen des Alkoholkonsums in der Schwangerschaft treffen geschätzt 8.000 – 10.000 Neugeborene jährlich in Deutschland und können zu lebenslangen Problemen in den Bereichen Verhaltens- und Emotionskontrolle, Sozialbeziehungen, Lernen, Aufmerksamkeit und Gedächtnis führen. Als Fazit forderte Michael Klein verstärkte Bemühungen im Bereich der Prävention und Frühintervention betroffener Kinder, um langjährige Leidenskarrieren und generationenübergreifende Negativkarrieren zu vermeiden.

[Michael Klein, 17.06.2018]

Cannabis vs. Alkohol – Was ist schlimmer?

Cannabis und Alkohol sind gerade wegen Ihrer berauschenden Wirkung beliebt. Dabei ist die eine Droge verboten, die andere in unserer Kultur weit verbreitet. Ich möchte heraus finden was bei einem Cannabis- und Alkoholrausch genau passiert, und welche Folgen und Risiken der Konsum hat. Dazu mache ich ein Selbstexperiment bei dem ich verschiedene Aufgaben einmal bekifft und einmal betrunken bewältigen muss, und mich von Experten wie dem Leiter des Deutschen Instituts für Sucht- und Präventationsforschung Prof. Dr. Klein, dem Referent für Suchtprävention der BZgA Andreas Kalbitz, und dem YouTuber Openmind aufklären lasse.

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Angehörige von Suchtkranken brauchen verbesserte Hilfen – Partnerinnen suchtkranker Männer besonders betroffen

Im Rahmen der Hochstadter Gespräche einer Veranstaltungsreihe des Bezirksklinikums Hochstadt am Main (Oberpfalz), die in diesem Jahr zum 18. Mal durchgeführt wurden, referierte Prof. Michael Klein am 06. Juni 2018 vor 200 Zuhörerinnen und Zuhörern zum Thema „Neue Wege der Hilfen für Angehörige Suchtkranker“. Obwohl die Zahl der nahen Angehörigen Suchtkranker mit bis zu 4 Millionen Partnern, Eltern und Kindern viel größer ist als die der Suchtkranken, werden Angehörige meist schlechter versorgt, finden oft keine suchtsensiblen Unterstützungsangebote im allgemeinmedizinischen und psychotherapeutischen Hilfesystem und werden mit unangemessenen, nicht evidenzgesicherten Therapiemaßnahmen behandelt. Im Bereich der Medizinischen Rehabilitation werden Suchtkranke und ihre Partner noch nicht gemeinsam behandelt, obwohl die internationale Evidenzlage längst gezeigt hat, dass Paartherapien bei Sucht die Gesamtbehandlungseffizienz verbessert. Ein besonders relevantes Problem für Partnerinnen suchtkranker Männer sind Alltagsstress, Gewalt und soziale Marginalisierung der Familie. Häufig wird die gesamte Familie stigmatisiert, so dass die nicht suchtkranken Familienmitglieder für das Verhalten ihres Partners, Vaters oder Sohnes indirekt verantwortlich gemacht werden. Eine entscheidende Verbesserung der präventiven und therapeutischen Hilfen für Angehörige Suchtkranker steht immer noch aus und wird erst gelingen, wenn das von Sucht und häufig auch anderen psychischen und sozialen Problemen betroffene Familiensystem insgesamt gesehen und behandelt wird. Dies erfordert ein Umdenken bei den verantwortlichen Sozialleistungsträgern, Rentenversicherung und Krankenversicherung, sowie andere, erweiterte Möglichkeiten der simultanen Behandlung von Familienmitgliedern in den entsprechenden Sozialgesetzbüchern.

(Michael Klein, Köln)

Sucht kennt keine Grenzen – Das deutsche Suchthilfesystem muss präventiver und kindersensibler werden!

In einem neuen Beitrag für die Zeitschrift „Rausch. Wiener Zeitschrift für Suchttherapie“ setzt sich Prof. Michael Klein mit dem Zustand des Suchthilfesystems in Deutschland auseinander. Anlass des Erscheinens des Sonderhefts der Zeitschrift zum Themenbereich „Substitution“ war ein Symposium zu Ehren des verstorbenen Berliner Substitutionsarztes und Pioniers der Szene Chaim Jellinek.

In dem Beitrag beleuchtet Michael Klein unter der Überschrift „Sucht kennt keine Grenzen“ die Gefahren, wenn im Suchthilfesystem zu enge Grenzen das Denken und Handeln blockieren. So heißt es in dem Beitrag: „Das Suchthilfesystem erscheint in weiten Teilen wenig innovativ und sehr beharrlich. Dies zeigt sich an den Schwierigkeiten, notwendige und wichtige Innovationen, wie ehedem Substitution, Akzeptanz von Rückfälligkeit in der Behandlung oder heutzutage zieloffene Suchttherapie als Standardtherapie durchzusetzen. Eine sehr beharrliche, nach wie vor existierende Hürde ist die fast vollständige Individuumsfixierung im Hilfesystem, welche generationsübergreifende Hilfen weitgehend unmöglich macht. Dabei ist schon seit langem bekannt, dass Suchtkrankheiten meist über Generationen hinweg verlaufen.“ Im Einzelnen werden in dem Beitrag die historische Entwicklung der Suchthilfe vor dem Hintergrund disziplinierender Ansätze dargelegt. Das primäre Interesse der frühen Suchthilfe bestand demnach in der Arbeitsdisziplinierung des Proletariers, der dem Schnaps erlegen war. Eine Orientierung der Hilfen auf das umgebende familiäre Umfeld war nicht vorgesehen und ist es auch heute weitgehend noch nicht.

Was die Kinder suchtkranker Eltern angeht, geschieht am häufigsten in der Prävention und Versorgung nichts. Dabei prägen psychische Störungen in Familien das Familienklima und Alltagsverhalten in starkem Maße und können negative und dauerhafte Spuren in der psychischen Gesundheit der betroffenen Kinder hinterlassen. Dies hängt wohl vor allem damit zusammen, dass alkohol- und drogenabhängige Elternteile mit ihren häufigen, meist täglichen Intoxikationen unberechenbare und unerwartete Verhaltensveränderungen zeigen, emotional und affektiv sehr instabil sein können, zu unpassenden Aggressionen und Gewalthandlungen – vor allem verbal, emotional, physisch – neigen und oft auch ganz allgemein mit den Anforderungen einer Elternrolle und den Erziehungsaufgaben überfordert

sind. Problematisch sind dabei besonders die stimmungs-, emotions- und verhaltensbeeinflussenden Wirkungen der Substanzen in Form von Intoxikations- und Entzugsphänomenen. Als besonders schwerwiegend und kindesschädigend gelten elterliche psychische Störungen in den Bereichen Depression, Sucht und Persönlichkeit, die darüber hinaus auch noch oft in komorbiden Kombinationen auftreten. Besonders häufig treten komorbide psychische Störungen bei elterlicher Drogenabhängigkeit auf.

Bis zu 40% der Kinder suchtkranker Eltern werden selbst suchtkrank, im Drogenbereich noch mehr als im Alkoholbereich. Deshalb sind präventive Hilfen für Kinder substituierter, drogenabhängiger Eltern besonders wichtig. Es herrscht in Gesellschaft wie auch Fachkreisen jedoch die Tendenz, das Problem verkürzt und inadäquat wahrzunehmen.

Fazit des Beitrags: Es ist inzwischen so viel bekannt, dass Handeln zwingend nötig und möglich ist. Das Versorgungssystem muss dafür generationensensibel und in seiner Grundanlage präventiv werden! Denn: Sucht kennt keine Grenzen, das Suchthilfesystem schon. Das muss sich ändern!

Quelle: Klein, M. (2018). Sucht kennt keine Grenzen [Addiction Does not Know Boundaries]. Rausch. Wiener Zeitschrift für Suchttherapie 7 (1), 87 – 91.

[Michael Klein, 03.06.2018]

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