Zu Gast beim Wochenendjournal – Deutschlandfunk geht Prof. Dr. Michael Klein im Interview mit Moderatorin Sabine Demmer auf das Thema „Hilfe, meine Mutter ist süchtig!“ – Ein Leben mit drogenabhängigen Eltern ein. Die monothematische Live-Sendung diskutiert unterschiedliche Themenfelder wie Gesellschaft und Brauchtum, Alltag und Freizeit, Kultur und Lebensart im Radio. Das Interview mit Michael Klein wurde in der Sendung vom 14.05.2016 ausgestrahlt. Ein Mitschnitt: 

Sabine Demmer (SD): „Michael Klein ist einer der Fachleute im Land, die sich mit der Thematik Co-Abhängigkeit von Kindern beschäftigt. Er ist Leiter des Deutschen Instituts für Sucht- und Präventionsforschung (DISuP). Er wurde vor 30 Jahren als einer der ersten auf das Thema aufmerksam. Damals arbeitete er als Psychologe und Psychotherapeut in einer Suchtklinik. Ihm fiel auf, dass die Kinder der Abhängigen nämlich eben niemandem auffielen.“

Michael Klein (MK): „Dort war es gut beobachtbar, wie wenig sich in der Therapie um die Kinder der Patienten gekümmert wurde. Meistens wussten die Therapeuten gar nicht, ob die Patienten Kinder haben; wenn die Kinder zum Beispiel am Wochenende zu Besuch waren, haben die Therapeuten dies in der Regel gar nicht mitbekommen. Man konnte im Rahmen eines Wochenenddienstes gut wahrnehmen, wie schwierig die Interaktionen zwischen Müttern und Vätern auf der einen Seite und ihren Kindern auf der anderen Seite waren. Daraus ließ sich in gewisser Weise prognostizieren, dass es den Kindern nach dem Ende der Therapie der Patienten nicht besser gehen würde.“

SD: „Aufgrund dieser Beobachtungen schenkte Michael Klein den Kindern der Suchtkranken immer mehr Beachtung. Daraufhin entwickelte er eigene Seminare, bei denen die Kinder zumindest tageweise mit in die Klinik kommen durften. Seitdem hat sich in Deutschland einiges in puncto Frühprävention getan. Seiner Meinung nach jedoch immer noch zu wenig.“

MK: „Wir haben an etwas weniger als zehn Prozent der Suchtberatungsstellen in Deutschland Angebote für Kinder von suchtkranken Eltern; das ist deutlich zu wenig. Im Bereich der Jugendhilfe gibt es auch nur vereinzelt Hilfeangebote. Am besten ist für Kinder und Jugendliche immer noch Hilfe im Bereich Schule, wenn Lehrer dafür sensibilisiert sind. Wenn die Kinder etwas älter sind, im Jugendalter, dann wird es leichter durch Hilfen online. Ein Beispiel ist kidkit.de, wo Beratung, Informationen und auch Chatmöglichkeiten zur Verfügung stehen. Es gibt auch Sorgentelefone, ein spezialisiertes Angebot für Kinder von Suchtkranken in Hamburg. Die Situation im Bereich der formalisierten Beratung, das wären dann zum Beispiel Sucht- oder Erziehungsberatungsstellen, für Kinder von Suchtkranken, ist nach wie vor problematisch und sicherlich defizitär.

SD: „Ein Kind muss ja erst einmal verstehen, dass bei seinen Eltern etwas anders läuft als bei anderen, das kann es oft gut beobachten. Wie sollte der Punkt aussehen, dass ein Kind sagt ‚Jetzt brauch ich Hilfe!‘?“

MK: „Kinder sagen dies in der Regel nicht, und sie können es auch nicht, sondern sie zeigen es. Und das ist natürlich eine besondere Anforderung an das Umfeld, an die Erzieherinnen, an die Lehrerinnen. Die Kinder zeigen es in der Regel durch Verhaltensauffälligkeiten wie aufsässiges, hyperaktives, aggressives Verhalten. Es kann sich aber auch durch extreme Zurückgezogenheit, Ängstlichkeit oder Schüchternheit bemerkbar machen. Im Grunde sind es also diese nie so ganz eindeutigen Verhaltenssymptome, die man auch erst richtig interpretieren kann, wenn man den familiären Hintergrund kennt.“

SD: „Auf der Homepage ‚KidKit‘ haben Jugendliche die Möglichkeit, anonym über ihre Erfahrungen zu berichten und sich mit Experten und anderen Jugendlichen auszutauschen. Ein Projekt, das Michael Klein mit gegründet hat.“

MK: „Mir kommt zum Beispiel ein Kind in den Sinn, ein 13-jähriges Mädchen, das irgendwann völlig erschöpft berichtet hat, dass sie es nicht mehr schaffe, Tag und Nacht auf ihre Mutter aufzupassen, weil sie auch ab und zu mal in die Schule müsse. Sie mache sich große Sorgen um die Mutter, dass sie sich etwas antue, oder dass sie die Treppe herunterfalle im Alkoholrausch, wenn sie in der Schule sei. Sie war so gestresst, nachdem sie sicherlich zwei, drei Jahre dieses hochkontrollierende Verhalten in Bezug auf die Mutter gezeigt hat, dass sie sich irgendwann entschieden hat, sich Hilfe zu holen. Bis zu diesem Zeitpunkt war seitens der Verwandtschaft nichts passiert; die war natürlich von der Mutter unberücksichtigt gelassen worden. Und der Fall war auch beim Jugendamt überhaupt nicht bekannt. Weil dieses Familiensystem, also Mutter Kind – es war eine alleinerziehende Mutter – es perfekt geschafft hat, sich nach außen zu isolieren.“

SD: „Es ist häufig der Fall, dass Mütter, die während der Schwangerschaft konsumieren, Angst davor haben, sich Hilfe zu holen, weil sie befürchten, ihre Kinder danach abgeben zu müssen. Das ist bei Kindern auch der Fall: Sie haben Angst, ihre Eltern ‚ans Messer zu liefern‘, weil sie Angst haben, danach allein dazustehen.“

MK: „Das ist verständlich und nachvollziehbar. Das bedeutet, dass Kinder in suchtbelasteten Familien, je älter sie werden, immer mehr in dieses familiale Tabu hineinwachsen. Sie werden immer mehr selbst Geheimnisträger, denn sie befürchten, von ihrer Mutter getrennt zu werden und sie zu verlieren.“

SD: „Welche Themen sind es zusammengefasst, egal, um welche Droge es jetzt geht, ob Crystal Meth, ob Alkohol: Was beschäftigt die Kinder, was ist der gemeinsame Faktor?“

MK: „Es gibt ein paar ganz zentral auffällige Dinge. Das eine ist, was wir ‚Parentifizierung‘ nennen. Dabei kümmern sich die Kinder sehr stark oder ausschließlich um die Bedürfnisse der Eltern. Sie sorgen sich darum, dass es den Eltern gut geht, dass keine schlimmen Katastrophen in der Familie passieren, dass die Eltern möglicherweise versorgt sind mit Alkohol oder Drogen, dass sie nicht in einen Entzug geraten oder Ähnliches. Das bedeutet, die Kinder vernachlässigen sich selbst, sie entwickeln häufig Defizite in der Selbstwertstruktur. Sie entwickeln auf dieser Basis oft auch eine negative Emotionalität, also einen Hang zu depressiven Emotionen und einen Hang zu problematischen Kognitionen, die dann auch in eine depressive Richtung gehen.“

SD: „Keine schönen Zahlen sind die statistischen. Zweieinhalb Millionen Kinder gibt es in Deutschland, die aus suchtbelasteten Familien kommen. Ein Drittel dieser Kinder wird irgendwann selbst suchtkrank. Das sind 800.000. Und nochmal so viele Kinder entwickeln eine andere psychische Störung; oft sind es Angst- oder Persönlichkeitsstörungen. Michael Klein fordert deshalb noch stärker den Fokus auf diese Kinder zu lenken und ihnen frühzeitig Hilfe anzubieten.“

MK: „Das würde heißen, dass zumindest im Rahmen eines ersten Schrittes, in Fällen, in denen suchtkranke Eltern Hilfe bekommen, zum Beispiel in Form einer Entzugsbehandlung, einer Entwöhnungsbehandlung oder einer ambulanten Suchtberatung, dass dort automatisch reflexartig geschaut wird, ob diese suchtkranke Person ein Kind hat und ob dieses Kind präventive oder vielleicht sogar therapeutische Hilfen benötigt.“

http://podcast-mp3.dradio.de/podcast/2016/05/14/dlf_20160514_0910_7b669b16.mp3
(Minuten 39 bis 47)